Seit je sind es die Finanzbedürfnisse von Handwerkern, Krämern und Bauern, die das Geschäft lokaler Sparkassen, Gilden- und Genossenschaftsbanken ausmachen. Anders das Geschäft von Finanzzentren: Sie verdienen an Börsengeschäften, internationalen Kapitalflüssen und den Bedürfnissen von Staaten und Vermögenden. Urbanisierung, Massenproduktion und Massenverkehrsmittel ließen die Geschäfte der Privatbanken im 19. Jahrhundert aufblühen, Finanzzentren entstanden dort, wo es Finanzierungsbedarf gab.

Warum aber gibt es im Zeitalter des Internet noch Finanzzentren? Dies ist eine der Fragen, auf die der von Christoph Maria Merki herausgegebene Band Europas Finanzzentren Antworten sucht - und findet.

So hat sich zwar tatsächlich ein reger Internet-Börsenverkehr entwickelt, dies aber nicht unabhängig von den real bestehenden Finanzzentren. In diesem Prozess spielen persönliches Vertrauen und politische Stabilität ebenso eine Rolle wie Währungen und nationale Handelsregime, durch die sich die einzelnen Finanzzentren trotz aller Deregulierung nach wie vor unterscheiden. Richard Tilly weist in seinem Beitrag darauf hin, dass die fortdauernden Unterschiede in den nationalen Handelsinteressen und Handelstraditionen die logisch erscheinende Integration der beiden größten Börsen im Euro-Raum, Paris und Frankfurt, bisher verhindert haben, ja eher zu Wettbewerb als zu Kooperation geführt haben.

Bis heute sind Finanzzentren Symbole nationaler Macht, die Konkurrenz ist ungebremst. Ausschlaggebend sind zum Beispiel die Größe des Inlandsmarktes und seine Fähigkeit, Ressourcen zu mobilisieren, wie Harold James in seinem Beitrag darlegt. Ungefährdet sind Finanzzentren jedoch nicht. So litt Frankfurt nach der deutschen Einigung stark unter der Verlagerung von Finanzfunktionen nach Berlin, wie Carl Holtfrerich zeigt. Als Ort der Europäischen Zentralbank wird Frankfurt weiter ein Finanzzentrum bleiben, aber, wie die jüngsten Ereignisse um die Börse zeigen, eines, das längst nicht mehr autonom und von den internationalen Geldströmen unberührt arbeiten kann. London, über mehrere Jahrhunderte Zentrum des britischen Empire, ist nach wie vor das größte europäische Finanzzentrum. Doch hat sich nach dem Verlust des Kolonialreiches, dem Fall des Pfund Sterling und der Deregulierung (dem Big Bang) seine Funktion völlig gewandelt. Mancher sieht in ihm gar, wie ein im Beitrag von Ronald C. Michie zitierter Kenner, nur noch eine Zweigstelle der New Yorker Börse, ohne Kontrolle über ihr eigenes Schicksal.

Neben den großen Zentren gibt es die Nischenanbieter der Kleinstaaten, die als Finanzplatz jeweils nur bestehen, weil sie als free rider die Nichtkooperativität mit den internationalen Finanzinstitutionen nutzen, vulgo vom Bankgeheimnis leben. Sie machen sich freilich als Fluchtgeldoasen gegenseitig Konkurrenz und müssen auf die Reaktionen der großen Nachbarn Rücksicht nehmen. Wie lange diese in einem Beitrag polemisch als neue Piraterie beschriebene Strategie trägt, ist offen. Der Druck der EU ist groß, aber solange etwa Luxemburg ein Vetorecht hat und die Finanzminister uneinig bleiben, ändert sich nichts.

Vier alte (Amsterdam, London, Paris, Frankfurt) und vier neue (Zürich, Luxemburg, Liechtenstein, Kanalinseln) Finanzplätze werden in diesem Buch untersucht, dazu in Überblicksartikeln die Entwicklung der Wertpapierbörsen skizziert oder ein Vergleich mit den USA (Harold James) gezogen. Gerne hätte man auch Beiträge über die Rolle der BIZ (Bank für Internationalen Zahlungsausgleich) oder der G20 bei der Regulierung der Banken gelesen, doch das schmälert den Gehalt dieses höchst informativen Bandes über die Finanzlandschaft in Europa nicht.

Europas Finanzzentren. Geschichte und Bedeutung im 20. Jahrhundert - Hrsg.