DIE ZEIT: Frau Neiman, Sie behaupten in Ihrem viel beachteten Buch Fremde sehen anders, dass Deutschland an einer Wahrnehmungsstörung leidet: Während die Welt voller Anerkennung auf das Land blicke, glaubten die Bürger, ihr Gemeinwesen stehe am Abgrund. Wie stellt sich für eine Amerikanerin die Lage nach der Wahl dar?

Susan Neiman: Die Lage ist keineswegs so rätselhaft wie vor der Wahl. Die Prognosen waren ja kaum zu verstehen. Rot-Grün galt als unsozial; dennoch war man bereit, eine Regierung zu wählen, die noch viel unsozialer sein sollte. Außenpolitisch stand das Land fast geschlossen hinter der Regierung – und nicht hinter der Position von Angela Merkel, die 2002 nach Washington gereist war, um Bushs Irak-Politik zu unterstützen. Zudem war Schröder viel beliebter als sie. Deshalb war es mir ein Rätsel, warum Schwarz-Gelb einen so großen Vorsprung haben sollte. Mit einem Wort: Die Verwirrung ist nach der Wahl viel geringer und scheint mir das Meinungsbild in der Bevölkerung besser wiederzugeben als alle Prognosen.

ZEIT: Viele betrachten die Niederlage von Schwarz-Gelb als ein Marketingproblem.

Neiman: Die CDU hat einen miserablen Wahlkampf geführt, und damit meine ich nicht nur das Kirchhof-Desaster. "Vorfahrt für Arbeit" ist kein Programm. Man hat weder Ideen noch Führungsqualitäten präsentiert. Im Übrigen hätte Frau Merkel ihre außenpolitischen Fehleinschätzungen beim Irak-Krieg ruhig öffentlich eingestehen sollen – oder auch ihren Fehler mit Kirchhof. Das hätte ihr sehr viel Respekt eingetragen. Charme und Charisma sind keine Frage des Marketings. Wer sie hat, hat Selbstbewusstsein und ist selbstsicher genug, um auf andere Menschen zuzugehen. Viele haben sich bei der Wahl wohl auch gefragt: Wer soll mich in der Welt vertreten? Zum Beispiel gegenüber George W. Bush, Kofi Annan oder Tony Blair.

ZEIT: Aber die Außenpolitik war kein Thema und stand auch kaum zur Wahl.

Neiman: Völlig klar. Trotzdem spielte die Frage eine Rolle, inwieweit Deutschland sich bestimmten amerikanischen Haltungen nähere. Damit stand auch die moralische Autorität auf dem Spiel, die Deutschland aus der Ablehnung des Irak-Krieges weltweit gewonnen hat.

ZEIT: War es also doch eine Richtungswahl?

Neiman: Nicht auf dem Feld der Wirtschaftspolitik, da waren die Parteien sich sehr ähnlich. Eine Richtungswahl war es, weil es insgeheim um ein Urteil über die 68er ging. Es gab eine Wut auf diese Generation, das zeigte die Rede von Angela Merkel 2002 beim Streit um Fischers Vergangenheit. Damals hieß es, dem Ausland könne man Joschka Fischer nicht länger zumuten. Tatsächlich hat das Ausland Fischer auf eine Weise geachtet wie keinen deutschen Politiker seit Willy Brandt. Rot-Grün hat das Ansehen Deutschlands in der Welt vermehrt, weil man gespürt hat, dass sich diese Generation mit der Schuldfrage auseinander gesetzt hat. Sie hat erkannt, dass Wiedergutmachungszahlungen und Hinweise auf die angebliche Gnade der späten Geburt nicht ausreichen. Auch die neue Weltoffenheit und die veränderte Ausländerpolitik wurden im Ausland wahrgenommen. Das sieht man am steigenden Tourismus und der Ansiedlung ausländischer Firmen. Niemand hat heute noch Angst vor Deutschland – und das ist vor allem das Verdienst von Rot-Grün. Trotzdem hat Angela Merkel von Fischer verlangt, er solle Buße tun für alles, was mit den 68ern und ihrem Geschichtsverständnis zusammenhängt; für sie zählt nur 1989. Das verstehe ich nicht. Denn Deutschland könnte stolz auf beide historische Daten blicken.

ZEIT: Das klingt fast so, als fürchteten Sie nun Rückschläge.

Neiman: Große Veränderungen wird es nicht geben, aber doch Veränderungen. Ab und zu hört man aus der CDU erstaunliche Äußerungen, zum Beispiel hier in Berlin zum 8. Mai. Auch was die Vertriebenenpolitik, die Ausländerintegration und die Frage des EU-Beitritts der Türkei angeht, mache ich mir Sorgen. Denn wie ist die internationale Lage? Auf der einen Seite nimmt die Politik der USA selbst fundamentalistische Züge an – auf der anderen Seite steht der US-Politik ein wachsender Fundamentalismus der islamischen Welt gegenüber. Schröder zog aus dieser globalen Gefahr die richtigen Schlüsse: Nein zum Irak-Krieg, Ja zur Aufnahme der Türkei in die EU. Bei der CDU fürchte ich, dass einige noch mit dem Muster des Kalten Krieges leben. Das heißt: Der Feind meines damaligen Feindes muss heute mein Freund sein, egal was er tut. Deshalb die unbedingte Treue der CDU zu Bush.

ZEIT: Hatte der Wahlkampf noch andere heimliche Themen? Zum Beispiel die Frage, wie weit sich Deutschland sozialpolitisch dem amerikanischen Gesellschaftsmodell öffnet?