Politik »Nicht einmal ein Funken Dankbarkeit«Seite 4/4

Neiman: Ich war nicht in allen Punkten mit der Sozialpolitik von Rot-Grün einverstanden. Zum Beispiel bin ich eine große Anhängerin von Studiengebühren. Die habe ich damals selbst aufgebracht, und zwar durch Stipendien, Darlehen und jede Menge Kellnerei. Dafür bekam ich in Amerika ein erstklassiges Studium. Ich meine auch, dass es diesem Land an Eigeninitiative mangelt. Denken Sie nur an die Familienpolitik. Als Mutter von drei Kindern bin ich für alles zu haben, was das Familienleben erleichtert. Andererseits verstehe ich nicht, dass man hierzulande glaubt, es sei eine Zumutung, Kinder in die Welt zu setzen ohne soziale Absicherung von der Wiege bis zur Bahre. Diesen Satz liest man sehr oft, auch in Ihrer Zeitung. Das ist doch ein Witz, dann hätte sich die Menschheit nie vermehrt. Weiß man nicht, wie es in armen Ländern aussieht?

ZEIT: Sind die deutschen Bürger zu staatsgläubig?

Neiman: Sie sind es, und zwar von links bis rechts. Da wünschte ich mir mehr vom amerikanischen Optimismus, von der amerikanischen Eigeninitiative. Doch solche mentalen Veränderungen erzielen Sie nicht damit, dass Sie ein paar Säulen des Sozialstaates einreißen, denn damit würde man nur die amerikanischen Zustände heraufbeschwören. Man sieht ja in New Orleans, wohin eine solche Politik führt. Viel zu spät spricht man in Amerika wieder von einem neuen Gesellschaftsvertrag, und man hat aufgehört, den Rückzug des Staates zu predigen.

ZEIT: Haben amerikanischen Konservativen Recht, wenn sie sagen: Es gibt eine German angst , die Reformen blockiert?

Neiman: Durchaus. Angesichts der miserablen Zustände in anderen Ländern der Welt könnte man hier eine andere Lebenshaltung erwarten. Andererseits vergessen diese Konservativen gern, dass in Deutschland die Kluft zwischen Arm und Reich nicht annähernd so skandalös ist wie in den USA.

ZEIT: Wird man Deutschland gerecht, wenn man es ständig mit den Vereinigten Staaten vergleicht?

Neiman: Natürlich muss man vorsichtig mit diesem Vergleich sein. Aber es wäre gefährlich, gewisse Parallelen zu übersehen. Viele wissen nicht, wie wütend viele Amerikaner auf Bill Clinton waren, gerade die Linksliberalen, für die er ein Narziss und viel zu weit in die Mitte gedriftet war. Nun hat sich die Wut dieser enttäuschten Amerikaner gelegt. Man vermisst Clinton – aber erst nach ein paar Jahren George W. Bush.

Die Fragen stellte Thomas Assheuer

 
Leser-Kommentare
    • mbl
    • 05.10.2005 um 14:14 Uhr
    1. Genau

    "Die Deutschen ignorieren auch, dass Arbeitslosigkeit ein globales Problem sein wird, und zwar von irrsinnigen Ausmaßen. Wir können nicht mehr auf Vollbeschäftigung warten. Wir müssen uns auf neue Formen der Beschäftigung konzentrieren, überparteilich und übernational. Was das angeht, ist unser aller Fantasie gefordert."

    Das ist der Punkt in einem auch sonst interessanten Interview. Deutschland - und wahrscheinlich auch ganz Europa - bräuchte endlich den Mut zu äusserst kreativen Visionen, denn die "Arbeit", so wie sie einmal war, wird nicht zurückkommen. Zum Glück. Schließlich wurde all die Technologie nicht erfunden, dass Menschen weiter schuften, sondern um die Menschen von der schweren körperlichen Arbeit zu befreien.

    Wir leben in einer Zeit großer Veränderungen und ich wage zu behaupten, dass wir in gewisser Weise in ein post-materielles Zeitalter eintreten. Das bedeutet nicht, dass die Materie verschwindet, sondern die Überlegenheit des Geistes, des Bewusstsein, über die Materie wird erkannt und das ermöglicht auch eine wesentlich freiere Manipulation der Materie. Die täglichen Bedürfnisse sind dann kein Problem mehr - auch nicht der tägliche Luxus.

    Bis dahin aber hat Deutschland genug Energie, um die sogenannten Arbeitslosen zu unterstützen. Die Deutschen sollten sofort mit dem Jammern aufhören und mit der Imagination beginnen - und natürlich damit, das, was sie im großen Ausmaß haben, auch zu schätzen! Ansonsten riskiert man, dass die befürchteten Zustände doch noch eintreffen und durch solch ein Jammertal zu gehen - zum xten Mal - ist wirklich nicht mehr notwendig.

    Ich plädiere deshalb für eine kulturelle Hauptstadt Europas, welche sich nur mit Visionen, Träumen, Imagination - also Kreativität, befasst und die Mechanismen des Bewusstseins, welche diese Visionen realisieren, aufzeigt. Mein Favorit dafür ist Venedig.

    Denn: Die Probleme von heute können nicht mehr mit konservativen Mitteln gelöst werden. Auch nicht mit einer zwar gut gemeinten aber doch etwas altertümlichen Werbekampagne mit immer denselben "Prominenten".

    • chanul
    • 29.09.2005 um 19:10 Uhr

    Daß amerikanische Linksintellektuelle die Leistungen von Rot/Grün würdigen, überrascht kaum. Die Argumente erscheinen mir dennoch fadenscheinig - insbesonders was die Aussenpolitik angeht.

    Auch wenn Fischer und Schröder mit diesem Argument über sämtliche Marktplätze und durch alle Talksshows gezogen sind: Wo lag der große Fehler in der politischen Haltung Merkels zum Irakkrieg? Faktisch wollte sich Merkel an einer wie auch immer gearteten Aktion gegen Saddam beteiligen, sofern sie ein Mandat der UNO gehabt hätte. Von deutschen Soldaten im Irak war auch bei der CDU nie die Rede.

    Schröder wollte sich nicht einmal an einer UN-geführten Aktion beteiligen - was Fischer damal für einen Fehler hielt. Ich glaube auch, daß man Schröder für diese Haltung nicht unbedingt einen Lorbeerkranz um den Hals hängen muß.

    WMD hin oder her - Saddam war ein ebensolcher Massenmörder wie Milosevic und Fischers Argumente für den Balkankrieg gelten auch für den Irak. Es ist letztlich noch viel zu früh, um abschließend über den Irak-Krieg zu urteilen.

    Die Rot-Grüne Argumentation zum Beitritt der Türkei kann ich vollends nicht nachvollziehen. Fischers Geraune über die Weltlage und die Türkei läßt sich ja ungefähr so ins Deutsche übersetzen: Die Türkei als säkulärer Staat mit islamischer Bevölkerung beschützt uns durch ihre EU-Mitgliedschaft vor den bösen islamistischen Terroristen.

    Die Logik lautet dabei offensichtlich: Wenn man die "guten", "türkischen" Muslime ins Boot holt, dann beeinflußt der intensive Kontakt mit dem Abendland die übriggebliebenen "bösen" türkischen und anderen Muslime soweit zum Guten, daß sie den Westen nicht mehr hassen (einige argumentieren ja auch auf der Verelendungschiene - mit dem EU-Betritt hat die Türkei samt Terroristen Anteil am westlichen Wohlstand und dann putzen die Terroristen ihren Mercedes statt der Kalaschnikov).

    Ist diese Logik naiv oder genial? Was würde wohl Tony Blair im Hinblick auf die Londoner Anschläge und seine pakistanische Minderheit antworten? Vielleicht radikalisiert der intensive Kontakt mit dem Westen die islamistischen Muslime erst recht (siehe Saudi-Arabien). Vielleicht sind die Terroristen schon heute die mit dem Mercedes (so wie Bin-Laden).

    Auf jeden Fall bleiben viele Unsicherheiten. Jeder hier sollte sich gründlich fragen, ob der Beitritt der Türkei dem Westen einen echten, messbaren Sicherheitsvorteil verschafft. Mit naivem Gutmenschentum werden sich die Sicherheitsprobleme des 21. Jahrhunderts jedenfalls nicht lösen lassen.

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