DIE ZEIT: Herr Westerwelle, wie interpretieren Sie den Wahlausgang?

Guido Westerwelle: Deutschland zögert noch. Unser Land kann sich noch nicht recht entscheiden zwischen den letzten Jahrzehnten der etatistischen Geisteshaltung und einem Neuanfang.

ZEIT: Die FDP hat einen großen Erfolg errungen, nicht hingegen Ihr gewünschter Koalitionspartner, die Union. Woher dieser Gegensatz?

Westerwelle: Klarheit ist belohnt worden, mangelnde Klarheit hat sich nicht bewährt. Es haben die beiden Parteien Stimmen gewonnen, die – bei völlig unterschiedlicher Orientierung – glasklar im Kurs waren: die Linkspartei, die ja nicht bloß bewahren will, sondern sich nach umfassender staatlicher Umverteilung zurücksehnt. Und wir haben gewonnen, die wir uns nicht davor geängstigt haben, dass man uns neoliberal genannt hat. Wobei ich uns eher für "neosozial" halte. Die altsoziale Politik, die auf staatliche Umverteilung setzt, hat ein einziges Ergebnis hervorgebracht: mehr Armut als je zuvor während der letzten Jahrzehnte in Deutschland. Neosozial heißt: Das Erwirtschaften, also das Schaffen von Wohlstand und Arbeitsplätzen, ist die Voraussetzung für jede sozial gerechte Unterstützung der wirklich Bedürftigen.

ZEIT: Aber die Union hat ihr schlechtes Ergebnis doch nicht der Unentschlossenheit, sondern eher einem zu rabiaten Reformeifer zu verdanken.

Westerwelle: Das sehe ich ganz anders. Die von der Union geplante Mehrwertsteuererhöhung war kein Zeichen von Klarheit im Sinne marktwirtschaftlicher Erneuerung. Das wurde wahrgenommen als Fortsetzung einer Politik nach dem Motto: Wenn der Staat kein Geld hat, sucht er neue Einnahmequellen und greift in die Taschen der Bürger. Dies war ein Signal des "Weiter so", eine Verlängerung von dem, was war.

ZEIT: Trotzdem sieht es so aus, als gebe es keine Mehrheit für eine Reformpolitik in Ihrem Sinne. Damit müssen Sie sich doch auseinander setzen.

Westerwelle: Das tun wir auch, aber das ändert doch nichts an unseren Überzeugungen. Wenn ich mir anschaue, was in der Welt passiert, wie in Japan klar für Reformen gewählt wurde, wie jetzt in Polen klar gegen die Postkommunisten gewählt wurde, dann hoffe ich, dass die Zögerlichkeit der Deutschen vorübergehend ist – und damit rechne ich auch. Die Umbruchphase, in der wir uns befinden, wird jetzt leider länger dauern.

ZEIT: Das bürgerliche Lager hängt seit Ende der neunziger Jahre bei deutlich unter fünfzig Prozent fest.