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»Wir sind die Neosozialen«
Ein Gespräch mit Guido Westerwelle über das zögernde Deutschland, Koalitionen und einen liberalen Begriff der Bürgerlichkeit
DIE ZEIT:
Herr Westerwelle, wie interpretieren Sie den Wahlausgang?
Guido Westerwelle:
Deutschland zögert noch. Unser Land kann sich noch nicht recht entscheiden zwischen den letzten Jahrzehnten der etatistischen Geisteshaltung und einem Neuanfang.
ZEIT:
Die FDP hat einen großen Erfolg errungen, nicht hingegen Ihr gewünschter Koalitionspartner, die Union. Woher dieser Gegensatz?
Westerwelle:
Klarheit ist belohnt worden, mangelnde Klarheit hat sich nicht bewährt. Es haben die beiden Parteien Stimmen gewonnen, die – bei völlig unterschiedlicher Orientierung – glasklar im Kurs waren: die Linkspartei, die ja nicht bloß bewahren will, sondern sich nach umfassender staatlicher Umverteilung zurücksehnt. Und wir haben gewonnen, die wir uns nicht davor geängstigt haben, dass man uns neoliberal genannt hat. Wobei ich uns eher für »neosozial« halte. Die altsoziale Politik, die auf staatliche Umverteilung setzt, hat ein einziges Ergebnis hervorgebracht: mehr Armut als je zuvor während der letzten Jahrzehnte in Deutschland. Neosozial heißt: Das Erwirtschaften, also das Schaffen von Wohlstand und Arbeitsplätzen, ist die Voraussetzung für jede sozial gerechte Unterstützung der wirklich Bedürftigen.
ZEIT: Aber die Union hat ihr schlechtes Ergebnis doch nicht der Unentschlossenheit, sondern eher einem zu rabiaten Reformeifer zu verdanken.
Westerwelle: Das sehe ich ganz anders. Die von der Union geplante Mehrwertsteuererhöhung war kein Zeichen von Klarheit im Sinne marktwirtschaftlicher Erneuerung. Das wurde wahrgenommen als Fortsetzung einer Politik nach dem Motto: Wenn der Staat kein Geld hat, sucht er neue Einnahmequellen und greift in die Taschen der Bürger. Dies war ein Signal des »Weiter so«, eine Verlängerung von dem, was war.
ZEIT: Trotzdem sieht es so aus, als gebe es keine Mehrheit für eine Reformpolitik in Ihrem Sinne. Damit müssen Sie sich doch auseinander setzen.
Westerwelle: Das tun wir auch, aber das ändert doch nichts an unseren Überzeugungen. Wenn ich mir anschaue, was in der Welt passiert, wie in Japan klar für Reformen gewählt wurde, wie jetzt in Polen klar gegen die Postkommunisten gewählt wurde, dann hoffe ich, dass die Zögerlichkeit der Deutschen vorübergehend ist – und damit rechne ich auch. Die Umbruchphase, in der wir uns befinden, wird jetzt leider länger dauern.
ZEIT: Das bürgerliche Lager hängt seit Ende der neunziger Jahre bei deutlich unter fünfzig Prozent fest.
Westerwelle: Es gibt kein »bürgerliches Lager«. Die Idee, dass Herr Beckstein mit seiner gesellschaftspolitischen Haltung und ich mit meinem persönlichen Lebensentwurf sich im selben Lager befänden, ist sehr mutig. Es gab die Absicht, eine gemeinsame Koalitionsregierung zum Zwecke eines echten Neuanfangs zu bilden, aber nicht die Absicht einer Lagerbildung.
ZEIT: Was bedeutet »bürgerlich« für Sie?
Westerwelle: »Bürgerlich« heißt, dass bestimmte Tugenden nicht als altmodische Haltungen von Spießern abgetan werden: Respekt, Höflichkeit, Disziplin, Leistungsbereitschaft. Es gibt diesen fast schon klassischen Werbespot einer Bausparkasse, wo ein ungepflegter Aussteiger seiner kleinen Tochter erklärt, dass der Wunsch nach einer eigenen Wohnung eine Sache für Spießer sei – und das Mädchen antwortet: Papa, wenn ich groß bin, will ich auch mal Spießer werden. Wir haben in der FDP überlegt, ob wir diesen Spot zu unseren Gunsten verfremden sollen. Wir haben es dann bleiben lassen, weil es zu Missverständnissen hätte einladen können und weil wir urheberrechtliche Verwicklungen vermeiden wollten. Aber die Szene sagt eine Menge aus: das Verlangen, in geordneten Verhältnissen zu leben, gerade weil die Welt so unordentlich ist.
ZEIT: Diese Art Bürgerlichkeit klingt eher nach einem Argument, CDU zu wählen.
Westerwelle: Nein. Das Bürgerliche ist nicht nur von der Linken diskreditiert worden, sondern auch von den Konservativen. Die Linke hat das Bürgerliche als Spießertum diffamiert. Auch deshalb, weil die Konservativen oft genug nicht zwischen »bürgerlich« und »intolerant« unterscheiden konnten. Mir ist unterstellt worden, ich hätte mich darüber geärgert, dass Herr Stoiber Frau Merkel und mich »Leichtmatrosen« genannt haben soll. Das war mir völlig egal. Was mich überrascht hat, war die Herrn Stoiber zugeschriebene und mehrfach nachgedruckte Bemerkung über die »Protestantin aus dem Osten« und den »Junggesellen aus Bonn«. Dass wir in Bayern mit diesem Junggesellen aus Bonn als bundesweitem Spitzenkandidaten etwa zehn Prozent holen konnten, zeigt, dass »bürgerlich« eben nicht »intolerant« heißt. Ein bleibendes Erlebnis in diesem Wahlkampf habe ich in Bayern gehabt, bei einer Rede in einem Festzelt mit fast zweitausend Gästen, wo einer von der Partei der Republikaner mich angriff, weil ich mit einem Mann zusammenlebe. Ich habe ihm mit dem Hinweis geantwortet, dass nach liberaler Überzeugung ein jeder nach seiner Fasson selig werden soll und dass Politiker nach ihrer Leistung, nicht nach ihrem Privatleben bewertet werden sollten. Das ganze Festzelt stärkte mir daraufhin mit einem tosenden Riesenbeifall den Rücken – mitten im tiefsten, angeblich schwärzesten Bayern.
ZEIT: Zu den besonderen Erlebnissen wird auch die Elefantenrunde am Wahlabend mit dem spektakulären Auftritt von Gerhard Schröder gehört haben. Was haben Sie da empfunden?
Westerwelle: Das Wahlergebnis war auch für mich persönlich ein Stück innere Genugtuung und Befreiung, nachdem ich drei Jahre lang durch ein Sperrfeuer gelaufen bin. Deswegen war ich wahrscheinlich gelöster als die anderen. Bei Herrn Schröder habe ich mich am Anfang gefragt, ob das jetzt ein peinlicher Ausrutscher ist, so wie einem bei einem Witz mal die Pointe verunglücken kann. Aber als er die ganze Zeit so weitermachte, habe ich mich innerlich immer mehr empört über diese unsägliche Arroganz. Das war nicht krawallig, das war eine rüpelhafte Arroganz der Macht, ohne zu merken, dass man sie gar nicht mehr hat. Da war kein Format. Ich hatte übrigens gedacht, Joseph Fischer mit seiner gelegentlich gesteigert unhöflichen und respektlosen Art hätte große Schwierigkeiten, mit dem Verrinnen der Regierungsmacht zurechtzukommen. Und ich dachte, Herr Schröder würde nach immerhin sieben Jahren als Bundeskanzler – was für eine Ehre, das sein zu dürfen! – erklären: Ich habe tapfer gekämpft, aber jetzt ist es Zeit, dass andere drankommen. Dass nun ausgerechnet Herr Fischer dieses Format gezeigt hat und Schröder dagegen ruft: Wo bleibe ich? – das hätte ich nicht erwartet.
ZEIT: Joschka Fischer sagt, er sei der letzte Rock’-n’-Roll-Politiker, jetzt komme die Playback-Generation.
Westerwelle: Eine bestenfalls amüsante Betrachtung. Was soll ich dann eines Tages mal sagen? Mit mir geht der letzte Playbacker, und jetzt kommen Karaoke und Nintendo? Wer sich selbst für das letzte Original und alle anderen für Kopien hält, der zeigt eine gewaltige Hybris gegenüber den Nachfolgern.
ZEIT: Ist das Durcheinander nach dieser Wahl nur vorübergehender Wahnsinn?
Westerwelle: Wir werden uns einfach an weniger klare politische Kräfteverhältnisse gewöhnen müssen. Wir haben eine aufgefächertere Parteienlandschaft als zuvor. Wobei interessant ist, dass es immer die SPD ist, die als Nebenprodukt ihrer Regierungszeit neue Parteien hervorbringt, erst die Grünen und jetzt die Linke. Das wird die Sozialdemokraten noch lange beschäftigen. Aber eine Instabilität des Parteiensystems oder gar »italienische Verhältnisse«, wie es jetzt manchmal heißt – das halte ich für übertrieben.
ZEIT: Manche sehen es sogar positiv, als Herstellung europäischer Normalität.
Westerwelle: Ich weiß es noch nicht. Wir müssen die Verhältnisse nehmen, wie sie sind. Wir wollen doch nicht den alten Brecht bemühen und ein neues Volk wählen. Es ist ein Ergebnis, mit dem die Parteien im Parlament zurechtkommen müssen. Und es gibt auch immer noch Alternativen.
ZEIT: Nämlich welche?
Westerwelle: Es besteht unverändert die Restmöglichkeit eines Politikwechsels mit Union, FDP und Beteiligung der Grünen. Wer weiß denn, ob in zwei Wochen nicht noch einmal darüber geredet wird, wenn Union und SPD sich in ihren Verhandlungen festgefahren haben. Ich habe die Variante Jamaika nicht forciert, aber ich sortiere sie auch nicht aus. Wir haben zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik eine unklare Mehrheitslage im Bundestag. Wir haben eine große Nebelwand vor uns, wir fahren alle auf Sicht.
ZEIT: Sie trauen einer Großen Koalition mehr an Reformen zu als einer Ampel?
Westerwelle: Ich habe unseren Wählern in jeder Rede versprochen, dass es mit der FDP keine Lebensverlängerung für Rot-Grün geben wird. Unser Parteitag hat dies einstimmig beschlossen. Offenbar haben einige nicht damit gerechnet, dass wir das gegebene Wort auch halten. Ich weiß ja, dass uns seit den sechziger Jahren ein entsprechendes Klischee anklebt. Aber ich halte mein Wort, und die FDP wird ihr Wort halten. Wir stünden in der »Ampel« einer strategischen Allianz von linken Sozialdemokraten und grünen Fundamentalisten gegenüber, bei der für Deutschland nichts herauskommen kann und in der sich die FDP selbst als drittstärkste Kraft im Bundestag nicht durchsetzen könnte. Dass da eine Große Koalition mit Personen wie Peer Steinbrück besser sein könnte, ist für mich völlig klar.
ZEIT: Gilt das Selbstverbot einer Ampel auch für den Fall, dass eine Große Koalition nicht vier Jahre lang hält?
Westerwelle: Eine rote Ampel kann ich für die gesamte Legislaturperiode ausschließen. Dass wir unser Wort halten, gibt uns die Chance, bei den kommenden Wahlen in Ländern und Gemeinden mit diesem Vertrauenskapital unsere Substanz weiter zu vergrößern. Die nachlassende Bindungskraft der großen Parteien ist seit Mitte der neunziger Jahre erkennbar, das ist kein Phänomen nur dieser Wahl. Lange bevor über die »Strategie 18« geredet wurde, habe ich gesagt, dass darin eine Chance der Liberalen liegt. Heute bestreitet niemand, dass die FDP ein eigenständiges, klares Programm hat, dass unser Angebot sich an die ganze Gesellschaft richtet. Der Vergleich mit anderen europäischen Ländern zeigt, dass wir stärker werden können. Dieses Ziel verfolge ich unverändert.
ZEIT: Die Grünen werden mittelfristig mit der CDU/CSU koalitionsfähig werden. Sie vermehren ihre Optionen. Die FDP dagegen hat sich jetzt wieder sehr an die Union gebunden.
Westerwelle: Dass es auf kommunaler Ebene das eine oder andere schwarz-grüne Bündnis gibt, ist mir bekannt. Aber das sind nicht die langen Linien, auf die es letztlich ankommt. Ich bin überzeugt, dass die Grünen sich als Generationsprojekt erledigen werden – nicht in den nächsten zwei Jahren, aber nach und nach. Joseph Fischer hat sich verabschiedet. Wir erobern die urbanen Milieus zurück. Wir gewinnen die jungen Leute, die ganz genau wissen, dass die Wirtschaft funktionieren muss, wenn wir uns kulturelle Vielfalt, den Sozialstaat und ein gutes Bildungssystem leisten wollen. Als ich als Parteivorsitzender angefangen habe, hieß es, die Grünen ersetzen die FDP. Mittlerweile sind wir in elf Landtagen und in fünf Landesregierungen dabei, und die Grünen sitzen in keiner einzigen Regierung mehr.
Das Gespräch führten Tina Hildebrandt
Und Jan Ross
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 29.09.2005 Nr.40
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Es handelt sich zweifellos um eines der "guten" Wörter im derzeitigen deutschen Polit-Diskurs. "Sozial": Das ist für alle gut, außer vielleicht für die Asozialen. Wer aber ist dann "asozial"? Hier scheint es wiederum einen deutschen Konsens zu geben: Die Macht- und Besitzgierigen, die den Hals nicht vollkriegen, "die Politiker und Manager".
Wie immer steckt hinter diesen Annahmen die Kuchen-Vorstellung: Von einer gegebenen Größe können Einzelne mehr oder weniger haben. Daß das Ganze nicht gegeben ist (weder von Gott, noch von Natur), sondern in seiner Größe variieren kann, sogar so stark, daß der in der ökonomischen Ungleichheit relativ Benachteiligte in absoluten Zahlen mehr haben kann als ein anderer, der in einer Gesellschaft lebt, in der es diese (gewollte!) Ungleichheit nicht gibt, wird dabei nicht mitbedacht.
Daraus ergibt sich, daß das, was "sozial" daherkommt, und zwar im Gewand des "Weniger für die, die viel haben, mehr für die, die weniger haben", letztlich asozial sein kann, und zwar im Sinne des "Weniger für alle" und den damit einhergehenden Verteilungskämpfen, in denen sich dann alle gleichermaßen frustriert und benachteiligt fühlen.
Diesen simplen Zusammenhang auch nur als möglich zu unterstellen, scheint gegenwärtig im deutschen Gerechtigkeits-Diskurs unmöglich. Zu lieb hat man die urdeutsche Kapitalismuskritik gewonnen, zu groß ist die Angst vor der eigenen Courage, die Angst davor, nach den deutschen politischen Verbrechen im 20. Jahrhundert die Herausforderungen unserer Zeit selbstbewußt anzunehmen, obwohl das größte dieser Verbrechen im einem Partei-Namen ausgeführt wurde, der nicht ganz zufällig auch das verführerische s-Wort enthielt.
Also: Lieber noch ein bißchen Kuscheln. Bevor die böse Globalisierung kommt und den deutschen Micheln die Decke wegzieht und sie der Kälte interregionaler Konkurrenz aussetzt. Ja, ja, wir Deutschen sind schon ein armes geplagtes Völkchen - und wollen jetzt gerne noch ein wenig ärmer werden mit unserer Lieblings-Devise: "Immer hübsch sozial bleiben!"
Zumal sich jeder darunter vorstellen kann, was er will: Der eine eine Erneuerung "christlicher Werte", der zweite eben mehr Umverteilung, der dritte mehr Multi-Kulti, der vierte nationale Abschottung gegen wirtschaftliche Vernetzung und Zuwanderung. Nur mit Politik hat dieser Sprachgebrauch nichts zu tun, weil bezogen auf diese Vorstellungen in einer modernen Gesellschaft kein Konsens mehr möglich ist.
Politik, die zumindest nach meinem Dafürhalten politisch ebenso erstrebenswerte wie erreichbare Ergebnisse zu erzeugen versucht, kann angesichts dessen zwei Strategien wählen: Entweder sie versucht den Begriff des "Sozialen" umzuwerten, im Sinne von "mehr Wirtschaftswachstum und ebendadurch eine Abfederung und ein Erträglich-Werden der unvermeidlichen Verteilungskämpfe"; oder sie verzichtet ganz auf ihn und sammelt sich hinter anderen Begriffen mit Emotionalisierungspotential. Daß selbst die FDP auf die alles zukleisternde Sozial-Rhetorik nicht verzichten zu können glaubt, das erzeugt zumindest bei mir Politikverdrossenheit.
Wie wäre es stattdessen mit einer positiven Umwertung des Begriffs "Neoliberalismus"? Oder müssen wir für alle Zeit mit der Ideologie leben, daß Arbeit nicht den geringsten Spaß machen darf? Müssen wir für alle Zeit unsere spontaneren und bedenkenüberwindenden Neigungen in Videospiele, Actionfilmkonsum und Sport einfließen lassen statt in produktive Arbeit, von deren Ergebnissen dann auch andere profitieren - nur weil Reichtum, Erfolg und Durchsetzungskraft per se ganz unglaublich asozial sind? Weil Wettbewerb hierzulande lieber unter den Teppich gekehrt und durch Mauscheleien ausgetragen wird, als durch formale Regeln gestaltet? Denn es gibt ja auch heute in Deutschland überall Wettbewerb, ganz unvermeidlich, nur wie und wo ist die Frage: Wettbewerb im Sport ist gern gesehen, und niemand würde auf die Idee kommen, einer Fußballmannschaft einen Vorwurf zu machen, wenn sie nicht darauf verzichtet, aus Mitleid beim Stande von 6:0 auch noch ein siebtes Tor zu schießen. Auch Wettbewerb in den besten Steuer- und Abgaben-Vermeidungsstrategien haben wir zu Hauf, und hier ist man bereit deutlich zu sehen, wie sinnlos soziale Ächtung in diesem Falle wäre.
Die Frage kann also kaum sein: Mehr oder weniger "sozial", mehr oder weniger Staat, mehr oder weniger Wettbewerb. Sondern nur: Wie wo welchen Wettbewerb politisch gestalten? Dient es dem Gemeinwohl, wenn man durch bessere persönliche Beziehungen in Deutschland bessere Geschäfte machen kann als durch ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis? Wettbewerb ist das eine wie das andere. Von der einen Form aber haben nur die Mauschelnden selber etwas, von der anderen Form auch die Konsumenten des betreffenden Produkts, die bessere Ware zu billigeren Preisen bekommen.
Daß durch einen entromantisieren Staat gut geregelte Wettbewerbsverhältnisse "Solidarität" (ohnehin immer dann ein leeres Wort, wenn es zur Sache geht, also genau dann, wenn sie nötig wäre) völlig überflüssig machen können, weil sie dem Einzelnen erlauben, zugunsten anderer tätig zu sein, ohne diesen Nutzen anderer zugleich im Sinn zu haben - für diesen Gedanken ist das Land aber scheinbar noch lange nicht reif. SPD-CSU-CDU-Grüne-FDP+diversePublizisten appellieren lieber: an den Patriotismus der Bürger, zum Wohle des Ganzen mehr zu konsumieren (obwohl das bei gegebener Wirtschaftslage den individuellen Ruin bedeutet); an den Patriotismus der Unternehmer, in Deutschland zu investieren statt anderswo (obwohl das bei gegebenen Rahmenbedingungen den Ruin des jeweiligen Unternehmens bedeutet).
Angesichts begrenzter eigener Lebenszeit ist das ein ziemlich guter Grund, sein Humankapital in etwas weniger sozial-vernebelten Regionen dieser schönen neuen Welt einzubringen und die deutsche Liebe zur Sozialität ein für alle Mal hinter sich zu lassen. Das wird - der Globalisierung sei Dank! - zunehmend einfacher.
Man kann die FDP nur ermutigen - zu einem herzlich asozialen "Neoliberal-Manchester-Raubtier-Kapitalismus".
Wieder ein Beweis mehr, daß die FDP eine Partei der völligen Bedeutungslosigkeit ist und ihren "Westerwelle" richtig verdient hat! Wo nichts drin ist kann ja auch nichts herauskommen. Als Merkel-Zombie hat sich Schwesterwelle-Westerwelle echt einen Preis verdient, leider -gottseidank- hat man sich wieder fürs regieren disqualifiziert, der Wähler ist ganz schön schlau!
Wenn Westerwelle überzeugt ist, dass "die Grünen sich als Generationsprojekt erledigen werden nicht in den nächsten zwei Jahren, aber nach und nach", dann empfehle ich die Lektüre der Wahltagbefragung von Forschungsgruppe Wahlen, die bei www.fdp.de als PDF Datei zum Hernuterladen bereitsteht.
Die Resultate dort sprechen eine andere Sprache. Die Grünen haben, ebenso wie die FDP, eine Anhängerschaft, deren Basis mit dem Alter abnimmt, d.h. also vor allem in den jüngeren und jüngsten Alterstranchen stark ist.
Verkörpern - ein wenig verflachend gesagt - die jungen FDP Anhänger den materiell orientierten Teil der Jugend, so finden sich bei den Grünen diejenigen wieder, die sich eher ideell orientieren. Natürlich wird es zwischen diesen Schnittmengen geben, und vermutlich wird es mehr ökonomisch-pragmatisch orientierte Grüne (à la Christine Scheel) geben als grünliche Liberale. Dennoch wird es sich sicher auch künftig um zwei distinkte Blöcke handeln, die jeweils einer eigenen Identität anhängen.
Etwas Anderes wäre es, wenn wir das Mehrheitswahlrecht einführten. Dann allerdings wäre es auch mit den Liberalen vorbei.
Sehr gut, der Kommentar von "aaik" zur Begrifflichkeit des "Sozialen". Genau in der Tatsache, dass "Sozial" lediglich als Parteinamensbestandteil wahrgenommen und damit gleichzeitig geglaubt bzw. als Parteieigenschaft unterstellt wird, liegt der Grund, dass es in Deutschland offensichtlich unmöglich ist, über den Begriff "Soziale Gerechtigkeit" eine akademische Diskussion zu führen. Sozial ist, wer sich so nennt (SPD, CSU) und erhält hiermit gleichzeitig die Deutungshoheit über den Terminus zuerkannt; eine Art Unfehlbarkeitsanspruch wird abgeleitet und nur unter dessen gesetzten Prämissen darf darüber gestritten werden, wer der Sozialste ist - in Deutschland: wer den vorhandenen Kuchen gleich verteilt.
Natürlich hat Guido Westerwelle Recht, wenn er sagt, dass die FDP "die Neosozialen" sind. Er geht eben mit einem anderen Ansatz an die Begriffsdeutung. Was ihm vorzuhalten wäre, ist nicht die Verwendung eines Modebegriffs, sondern die immer noch ausgebliebene Auseinandersetzung mit allen anderen Parteien, was eigentlich grundsätzlich unter "sozial" bzw. "Soziale Gerechtigkeit" sinnvollerweise zu verstehen ist. Vorzuhalten wäre, dass er bzw. die FDP (jedenfalls nicht wahrnehmbar) eine breite gesellschaftliche Diskussion eingeleitet haben, z. B. mit der Eingangsthese, dass selbst ein noch so egoistisches Handeln zwingend ein hohes soziales Ergebnis zur Folge hat.
Zurzeit jedenfalls haben Romantiker die Deutungshoheit und sie gehen in unverantwortlicher Weise damit um - "Der Weg ist das Ziel", so könnte man deren Deutung beschreiben.
'Neoliberalismus' - was ist das? Was verstehen Sie darunter? Bitte keine frei erfundene Erklärung! Neoliberalismus ist klar definiert!
Zum Neoliberalismus zählt man einen Teil der Chicagoer Schule der Nationalökonomie vor dem 2. Weltkrieg, welche im Gegensatz zur östereichischen Schule staatliche Eingriffe in den Markt forderte. - Wie bitte? Yep!
Allerdings werden im wesentlichen Eingriffe zur Erhaltung der Effektivität des Marktes gefordert: Kartellbehörde u.ä. sind Produkte dieser Denkschule.
Aber was kümmerts die Diskutanten aus der linken Ecke? Wer Schlagworte benutzt braucht nicht zu denken.
"Verkörpern - ein wenig verflachend gesagt - die jungen FDP Anhänger den materiell orientierten Teil der Jugend, so finden sich bei den Grünen diejenigen wieder, die sich eher ideell orientieren."
Ebenso flach: die ideell orientierten Grünen haben noch nicht verstanden, daß zur Verwirklichung ihrer Ideen finanzielle Stärke erforderlich ist. Sie haben noch immer nicht verstanden, daß ohne finanzielle Basis kein Theater, keine Kleinkunst, kein Maler, kein Flötist existieren können. Autobahntunnels für 'jeden Hamster' kosten Geld. Sozialleistungen kosten Geld. Die Verachtung und moralische Diskriminierung jener, die diese finanzielle Basis schaffen - Kaufleute, Unternehmer an vorderster Stelle - ist Hochmut auf niedrigem Niveau - und das zumeist ohne eigene ideelle Leistung.
Ist die FDP zu stark materiell orientiert? Das kann ich von meinem 15-jährigen Sohn auf keinen Fall behaupten. Nachdem er für ein Referat in der Schule die Steuersituation für kleinere Gewerbetreibende durchgerechnet hat und feststellen mußte, daß der progressive Steuertarif ein heftiges Investitions- und Beschäftigungshemmnis ist, war ihm klar, daß FDPler logischer denken und trat spontan den JuLis bei.
Die Partei generell? Nehmen wir ein Beispiel, die Energie-/Umweltpolitik, das EEG. In den Zielen der Politik war die FDP mit der Regierung in voller Übereinstimmung. Aber sie hat einen anderen Weg zur Erreichung dieser Ziele vorgeschlagen, einen Weg der die Bürger nicht so viel kostet und somit ökologischer ist (jede Aktivität verbraucht Energie). Weniger ideell? Hier ist Ökonomie ökologischer als ökologische Traumtänzerei. Letzteres läßt sich aber besser als ideell verkaufen.
om mani padme hum
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