Für mich war Konrad Wolf eines, vielleicht das Beispiel für einen Menschen, der sich in den Konflikten nicht der letzten vierzig, sondern vielleicht der letzten zwanzig Jahre zerrieben hat. Ich gehe sogar so weit, zu sagen, dass er nicht mehr leben konnte und dass er in einem Moment gestorben ist, in dem er keinen Spielraum mehr hatte. Mein Verhältnis zu ihm ist auch von diesen Spannungen gekennzeichnet und war nicht immer gleich, nicht immer gleich stark, nicht immer gleich eng und auch nicht immer gleich übereinstimmend.

Wir haben uns 1961 kennen gelernt. Da war er auf einen Vorabdruck meines ersten Büchleins Moskauer Novelle aufmerksam geworden und wollte es verfilmen. Wir haben an diesem Film gearbeitet, das Drehbuch war fertig. Es gehörte dann zu den zahlreichen abgebrochenen Projekten: Die sowjetische Seite wollte so einen schwachen Russen und so einen starken Deutschen nicht auf der Leinwand sehen.

Koni kam wieder, als Der geteilte Himmel erschien, und hat dann diesen Film wirklich gemacht. Wir waren mitten in der Arbeit an einem neuen Film, als das 11. Plenum des ZK der SED Ende 1965 kam. Danach hatte dieser Film überhaupt keine Chance. Konrad Wolf hatte großen Anteil daran, dass ich auf diesem berüchtigten Plenum gesprochen habe. Danach und nach der Ausweisung Wolf Biermanns gab es unter den Schriftstellern und Künstlern der DDR eine starke Polarisierung: Manche Freundschaften wurden abgebrochen, neue Vertrauensverhältnisse entstanden.

Konrad Wolf war ein Mensch, mit dem das nicht passierte. Ich habe mehrere Gespräche mit ihm gehabt, wo ich ihn beschimpft habe, zum Beispiel weil er mit Peter Weiss nicht offen sprach. Ich habe Peter Weiss immer gesagt, was ich über die DDR wusste, weil ich dachte, ein Mensch, der so konfliktbereit, so offen und so freundschaftlich gesinnt ist, muss auch wissen, was wirklich los ist. Ich kann mich noch genau erinnern: Es war an einer Garderobe, da standen wir mit Konrad Wolf und haben gesagt: Warum redest du mit ihm nicht offen, du hast doch die gleiche Meinung wie wir! Wolf sagte: "Warum soll ich ihm Probleme unterbreiten, mit denen ich selber nicht fertig werde?" Diese Probleme waren nicht etwa erst in den letzten Jahren bei ihm so quälend und so stark. Wer den Goya-Film gesehen hat, weiß, wie es in ihm aussah. Sowohl Konrad Wolf als auch viele von uns haben sich an Unmöglichem abgearbeitet.

Ich habe mich innerlich viel mit Konrad Wolf auseinander gesetzt, werde das auch weiter tun. Ich denke, dass er an ein Ende gelangt war, von dem aus sich ihm keine neuen Möglichkeiten mehr eröffneten. Nicht nur, dass er selbst sie nicht mehr sah – sie waren für ihn nicht mehr vorhanden. Nicht in der Arbeit, nicht in der Liebe, nicht in der Politik. Die Trauerfeier in der Akademie war ein Regierungsakt. Wir saßen in einer der letzten Reihen des ansteigenden Saales, den man heute Konrad-Wolf-Saal nennt.

An den Inhalt der offiziellen Reden erinnere ich mich kaum. Es hat keinen Sinn, sie nachzulesen. Vorn in der ersten Reihe saß die Frau, mit der er zuletzt nur kurze Zeit gelebt hatte, weiter hinten saß die Frau, mit der er gerade zusammengezogen war, als wir ihn kennen lernten. Ernst Busch sang von einer Platte. Wir waren gebeten, zur Beisetzung nach Friedrichsfelde hinauszufahren. Mein Mann fragte einen der Ordner draußen vor der Akademie nach dem besten Weg. "Das finden Sie schon", sagte der. Wir bogen also in die Linden ein und wussten plötzlich, was er meinte. Vor uns lag eine geisterhaft leere Straße. Da die höchsten Repräsentanten des Staates im Konvoi mitfuhren, waren die Straßen leer gefegt. Es war Nachmittag, eine Zeit starken Verkehrs. An allen Nebenstraßen stauten sich die Fahrzeuge. Mit wachsender Beklemmung fuhren wir alleine diese Trauerpiste entlang. Es hatte sich kein wirklicher Konvoi gebildet. Wir sahen vor und hinter uns kein anderes Fahrzeug.