Kunst Marmormann mit Makel
Italienische Forscher untersuchten Michelangelos »David« und fanden heraus: Er besteht nur aus zweitklassigem Gestein
Vielen gilt er als der schönste Mann der Welt: der des Michelangelo. Das Kunstwerk ist eine bildhauerische Meisterleistung seines Schöpfers. Doch die ganze Schönheit kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es mit Davids inneren Werten nicht weit her ist. Italienische Wissenschaftler haben jetzt fesgestellt: Bei dem Marmor, aus dem die Statue geschaffen wurde, handelt es sich allenfalls um zweite Wahl.
Ein Team um Donato Attanasio vom Istituto di Struttura della Materia in Rom untersuchte Proben des Werkstoffes. In der aktuellen Ausgabe des Journal of Archaeological Science präsentieren die Wissenschaftler ihre Ergebnisse. Heraus kam, dass der Marmor der Statue von mikroskopisch kleinen Löchern durchsetzt ist. Die vielen winzigen Materialfehler machen ihn schwerer zu bearbeiten und anfälliger für Witterungs- und Umwelteinflüsse als Marmor besserer Qualität.
Auch den genauen Ort, an dem der Block geschlagen wurde, konnten die Forscher bestimmen. »Präzise den Platz der Herkunft zu kennen kann eine große Hilfe bei Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten sein«, sagt Attanasio. Dazu unterzogen die Wissenschaftler die Proben spektroskopischen, isotopischen und petrografischen Analysen. Die Ergebnisse fütterten sie zum Abgleich mit den bekannten Marmorvorkommen in eine Datenbank.
Das Resultat führte an einen kleinen Ort etwa zwanzig Kilometer südlich der italienischen Küstenstadt La Spezia, nach Miseglia. An den Hängen des Maggiore nordöstlich der Stadt Carrara liegt der Steinbruch Fantiscritti. Hier brachen Arbeiter den über fünf Meter langen Marmorblock im Jahr 1464 aus dem Felsen. Zu dem Zeitpunkt war Michelangelo noch gar nicht geboren. Es war ein Auftrag des Bildhauers Agostino di Duccio. Der wollte daraus die überlebensgroße Figur eines Propheten für die Kathedrale von Florenz hauen. Zwei Jahre darauf gab er das Projekt jedoch auf, der Marmorblock blieb liegen. Zehn Jahre später unternahm ein anderer Bildhauer, Antonio Rossellini, einen weiteren Versuch, den Riesenklops zu bearbeiten. Auch er scheiterte nach einigen Monaten.
Das Geheimnis der Standfestigkeit ist bis heute ungelüftet
Es folgten unruhige Zeiten in Florenz. Nach dem Tod des mächtigen Lorenzo di Medici rangen sein unfähiger Nachfolger Piero, die bürgerliche Oberschicht der Stadt und die Anhänger des religiösen Fanatikers Savonarola um die Macht. Schließlich erlangten die Bürger die Oberhand, und am 4. August 1501 wurde in Florenz die Republik ausgerufen. Nur zwölf Tage später beauftragte die Stadt den gerade einmal 26 Jahre alten Künstler Michelangelo Buonarotti, eine Statue zu fertigen. Ein David sollte es sein, jener Hirtenjunge, der laut biblischer Legende mit seiner Steinschleuder den Riesen Goliath besiegt hatte und anschließend zum König wurde. Eine Stein gewordene Manifestation der Kraft des kleinen Florenz.
Michelangelo erinnerte sich des Marmorblocks, der in der Stadt herumlag, seit er denken konnte. »Wahrscheinlich hat er ihn genommen, weil er unbenutzt und umsonst war«, spekuliert Attanasio über die Materialwahl des Künstlers. Im Dombauhof von Santa Maria del Fiore errichtete Michelangelo rings um den Block herum einen Verschlag aus Brettern und drosch drei Jahre lang auf den Riesenstein ein. Da niemand zusehen durfte, sind bis heute einige Details der Herstellung geheimnisumwoben. Zum Beispiel könnten die schlanken Beine des Helden den tonnenschweren Torso theoretisch kaum tragen. Als Stütze dient dem David lediglich ein kleiner Ast hinter dem rechten Fuß. Wie diese fragile Konstruktion der Belastung bei der Bearbeitung des Steins standhielt, ist kaum nachvollziehbar.
Am 8. September 1504 wurde die 4,34 Meter hohe Statue schließlich enthüllt. Man hatte sich für die Aufstellung auf der Piazza della Signoria entschieden, neben dem Eingang des Rathauses der Stadt. Die Statue der Judith des Donatello, die vorher an diesem Platz gestanden hatte, wurde entfernt. Hier blieb der David bis 1873 Wind und Wetter ausgesetzt. Schließlich holte man ihn in die Kunstakademie, die Galleria dell’Accademia, wo er bis heute weilt. Auf der Piazza della Signoria steht seitdem eine Kopie.
- Datum 06.10.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 06.10.2005 Nr.41
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