landbericht Im Geisterreich der Taliban

Verprügelte Frauen, ermordete Stammesführer – eine Reise durch Pakistan ins ideologische Hinterland der Radikalislamisten

Von Gujranwala nach Kabul sind es Luftlinie 500 Kilometer. Das ist sehr weit, wenn man mit dem Auto fährt. Die schlechten Straßen Pakistans, wo Gujranwala sich befindet, und die üblen Pisten auf afghanischem Gebiet beanspruchen leicht zwei Tagesreisen. Außerdem sind eine Staatsgrenze und eine ganze Menge unwirtlicher, hoher Berge zu passieren. Gujranwala und Kabul trennt viel.

Bei genauerer Betrachtung aber ist gerade das Trennende verbindend. Die Berge schieben sich nicht wie ein Riegel zwischen die beiden Länder. Sie bilden eine Brücke, von hier nach dort. Früher dienten sie den Mudschahedin in ihrem Kampf gegen die Sowjets als Aufmarsch- und Rückzugsgebiet, heute nutzen die Taliban das Gebiet, um von dort aus die US-Armee und ihre Verbündeten anzugreifen. Was auch immer mit Afghanistan in den vergangenen Jahrzehnten geschehen ist, es ist mit den Bergen aufs engste verbunden und damit auch mit seinem großen Nachbarn, Pakistan. Selbst heute noch, da Afghanistan unter dem Schutz der UN ein Parlament gewählt hat, also souverän und demokratisch werden soll, selbst heute bleibt Pakistan ein bestimmender Faktor afghanischer Politik.

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Aus diesen Gründen lohnt ein Besuch bei Qazi Hamedullah, der in Gujranwala lebt, im Herzen des Punjab, geografisch weit weg von den Bergen. In ihm ist alles vereint, was die beiden Länder verbindet. Hamedullah ist in den Bergen geboren, in Pakistans North Western Frontier Province. Er gehört zum Paschtunenstamm der Yusufzai, der auf beiden Seiten der Grenze angesiedelt ist. Seit 40 Jahren lebt Hamedullah in Gujranwala, wo er eine Madrassa leitet. 2002 gewann er einen Parlamentssitz für die radikal-religiöse Parteienkoalition MMA, die zweitgrößte Oppositionskraft in Pakistan. Dieser Erfolg Hamedullahs ist ziemlich ungewöhnlich, denn Gujranwala ist eine Industriestadt, nicht weit von der indischen Grenze und in religiösen Fragen traditionell relativ tolerant. Sie ist voll des prallen Lebens. Religion und weltliche Verführung, das Versprechen auf ein paradiesisches Jenseits und die Alltagsmühen im Diesseits drängen sich hier unter dem heißen Himmel des Subkontinents so eng zusammen, dass es mitunter zu Reibungen kommt. Männer wie Hamedullah lassen es dann richtig krachen.

Im April dieses Jahres schlugen seine Anhänger auf Teilnehmerinnen eines Frauen-Marathons in Gujranwala ein. Hamedullah selbst wurde von der Polizei verhaftet. Wundern durfte man sich über seine Aktion nicht, denn im Leben und Wirken dieses Mannes rangiert der Kampf gegen die »Obszönität« an der Spitze – und »Frauen in T-Shirts und Shorts« sind seiner Meinung nach obszön. »Niemand will seine Schwester in aller Öffentlichkeit nackt sehen. Das wirkt wie Wein. Es verwirrt die Sinne der Menschen.«

Nun könnte man dies alles als grausam-komische Provinzposse abtun. Ist es aber nicht. Denn Hamedullah wurde 2002 auch deshalb gewählt, weil er von sich behauptete, ein Lehrer des afghanischen Taliban-Führers Mullah Omar gewesen zu sein. Der düstere Ruf Omars wirkte in Gujranwala zumindest bei einem Teil der Bevölkerung anziehend. Ein Besuch bei Hamedullah wird dann auch zu einer Reise in das ideologische Hinterland der Taliban. Hamedullah führt den Fremden durch eine Welt, die bevölkert ist von kruden Interpreten des Koran und harten Vertretern paschtunischer Stammesgesetze. »Was die Taliban in Afghanistan geschaffen haben«, sagt er, »ist ein wunderbares System.« Gujranwala–Kabul, das wird plötzlich zu einer ganz, ganz kurzen Strecke. Freilich, es geht um das Kabul der Jahre 1996 bis 2001, als die Taliban dort ihr despotisches Regime errichtet hatten.

Kein Zweifel, die Taliban sind in Afghanistan militärisch besiegt, auch wenn sie noch in der Lage sind, in einigen Provinzen für große Unsicherheit zu sorgen. Ihre Weltanschauung ist aber immer noch lebendig und ein wichtiger Faktor afghanischer wie pakistanischer Politik.

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