Der junge Mann erscheint in eleganter Sommerhose und rosafarbenem Hemd morgens um halb neun vor dem Café Les Cents Kilos im 11. Pariser Arrondissement, unweit seiner Wohnung. Sein Haar lässt darauf schließen, dass er noch nicht allzu lange wach ist, es steht in alle Richtungen, der rechte Kragen seines Hemdes zeigt nach oben, der linke nach unten. Ist er der Mann, auf den die deutschen Linken, in ihrer Mehrheit bestehend aus alten Männern, gewartet haben?

Camille de Toledo, 29 Jahre alt, ist der Enkel des Gründers der Danone-Gruppe. Zu den Produkten der Gruppe, die heute sein Onkel Franck Riboud anführt, gehören die Wässer Evian und Volvic, Kekse von LU, das Bier von Kronenbourg, sie stellt die meisten Jogurts weltweit her. Camille de Toledo hat nicht im Konzern Karriere gemacht, stattdessen hat er vor drei Jahren ein Buch geschrieben, ein wütendes antikapitalistisches Buch, das für viele Anlass zu Hoffnung gab. Das Buch mit dem Titel Archimondain jolipunk, was ungefähr »sehr mondäner, schöner Punk« bedeutet, verkaufte sich gut, 25000-mal. Le Monde schrieb, es sei »hellsichtig und erstaunlich reif«. In diesen Tagen ist es unter dem Titel Goodbye Tristesse in Deutschland erschienen.

Das Buch ist zweierlei: eine Kritik der Jahre, in denen Toledo erwachsen wurde – und ein Pamphlet für eine neue Geisteshaltung. Camille litt in den neunziger Jahren daran, dass er keinen Weg mehr sah zur Revolte. Weil alle um ihn beschlossen zu haben schienen, Zyniker zu sein. Er litt daran, weil sich das Kapital alles angeeignet hatte, auch die Kritik am Kapital, denn bunt und multikulturell kam dieser Kapitalismus daher, machte aus Che Guevara oder Marx Bildchen auf Kaffeetassen, aus jedem kämpferischen Slogan auf einer Hauswand einen Werbespruch für Nike. Camille de Toledo wünscht sich, dass man sich wieder traut, den Kapitalismus zu kritisieren. Er wünscht sich eine »semantische Guerilla«, die sich der Romantik und Poetik als Mittel des Protestes bedient. Wie sich dieser Protest formieren sollte, darüber hat er eher vage Vorstellungen: Er sympathisiert mit der Idee der Temporären Autonomen Zone – einer Idee des amerikanischen Anarchisten Hakim Bey –, wonach die gesellschaftlichen Regeln nur zeitlich und örtlich begrenzt außer Kraft gesetzt werden sollten. Camille de Toledos Buch ist keine Anleitung zur Revolution, kein politisches Manifest, sondern ein Bündel von Ideen.

Er hat ein Zitat von Peter Sloterdijk vorangestellt, er beginnt das Gespräch mit Sloterdijk. Der Philosoph, erzählt er, habe sein Buch gelesen, weil dessen Verlegerin es schätzt. Sloterdijks Urteil: »Der Autor hat Talent, aber er muss noch mehr arbeiten.« – »Er meinte wohl, dass ich ja kein ausgebildeter Philosoph bin. Ich finde, dass ich als Schriftsteller kein größeres Kompliment erwarten konnte.«

Schon mit 15 träumte er davon, Schriftsteller zu sein

Camille de Toledo – ein Künstlername – wurde 1976 als Alexis Mital geboren, er wuchs in Versailles auf, als er 15 war, zogen seine Eltern mit ihm ins Pariser Zentrum. Er ging fortan auf das HenriIV, ein Elitegymnasium für die Kinder der Bourgeoisie. Er fühlte sich dort zunächst als das, was er war: ein Junge vom Land, verloren, allein, unfähig, die Sprache und die Ironie seiner Mitschüler zu verstehen. Sie zitierten dauernd aus Büchern, die er nicht kannte, das verstörte ihn. Darum verschlang er Derrida, Foucault, Musil. Er baute sich eine Gegenwelt auf zu der bourgeoisen Welt, aus der er kam. Er träumte davon, Schriftsteller zu sein. Schon damals war klar, dass er nicht dem Wunsch der Eltern entsprechen würde, Mathematik zu studieren. Nach dem Abitur fing er aber erst einmal an der Elite-Uni Sciences Po an. Er brach ab, studierte an der London School of Economics, was ihm auch nicht gefiel (»Aus den Eliteuniversitäten kommt man verdreht und geschlagen mit einem Geist wie aus Schlamm«, steht in seinem Buch). Er kehrte nach Paris zurück, damals war er 20, und gründete eine literarische Zeitschrift, Don Quichotte. Sie scheiterte, als Le Monde die Kooperation beendete. Er ging nach Buenos Aires, drehte einen Kurzfilm, 15 Minuten lang, der Film heißt Tango de Olvido, wurde in Cannes gezeigt. Nicht in irgendeinem Nachwuchsprogramm, nein, im Wettbewerb. Für das Programmheft ließ er sich fotografieren mit Schal und Hut, als mache er sich lustig über Regisseure, die sich so anziehen. Er blieb nicht beim Film, er schrieb unter dem Namen Oscar Philipsen ein Büchlein, die Entlassungswelle des Jahres 2001, auch bei Danone, prägte ihn, dann, 2002, Archimondain jolipunk unter seinem heutigen Namen Camille de Toledo. Im August 2005 erschien sein erster Roman, L’inversion de Hieronymus Bosch.

Camille de Toledo erzählt sein Leben mit vielen et ceteras, und er sagt: »Sie müssen einen Weg finden, das alles zusammenzufassen.« An Selbstbewusstsein mangelt es ihm nicht. In seinem Sachbuch, im Epilog, schrieb er über seinen neuen Namen: »Ich hoffe, dass diejenigen, die mich verstanden haben, Camille zu mir sagen.« Und: »Willkommen unter den Lebenden, Camille de Toledo.« Die Begrüßung auf seinem Anrufbeantworter lautet: »Sie sind bei Camille und Alexis. Wir sind im Moment nicht da, rufen Sie aber gerne zurück.«