porträtIch schwitze als Letzter

Hat er auf einen Wahlsieg fü Schwarz-Gelb gehofft? Leidet er manchmal an der "Bild"-Zeitung? Stephan Lebert trifft Mathias Döpfner, den Vorstandsvorsitzenden des Axel Springer Verlags

Berlin
Er ist kein Regentyp, sagt er. Ihm sei schnell zu kalt, aber nie zu warm. Er schalte im Sommer immer alle Klimaanlagen ab und studiere dann genüsslich, wie dem Gegenüber das Wasser runterläuft. Mathias Döpfner sagt: »Ich schwitze immer als Letzter.«

Es gibt also ein kleines Problem. Denn an diesem späten Nachmittag liegt die Sonne hinter dicken Wolken. Es regnet in Berlin, und wir wollen spazieren gehen im Tiergarten. Sein Chauffeur wartet unten am Springer-Hochhaus, nicht weit vom Checkpoint Charlie. Döpfner sitzt in dem Mercedes immer hinten rechts, der Vordersitz ist wegen seiner langen Beine ganz nach vorn gerückt. Kennt er dieses Gefühl von aufkommendem Neid angesichts genüsslich im Park dösender Menschen? Was heißt hier kennen, antwortet Döpfner, »der Neid des Bürohengstes auf die Freiheit des Müßiggängers wird bei mir mit zunehmendem Alter immer aggressiver«. Aber er möchte nicht jammern, nein, im Gegenteil, denn »ich bin sehr glücklich mit dem, was ich tue, ich bin ganz bei mir. Denn in dieser Aufgabe werden alle Seiten meiner Persönlichkeit gefordert.« Er sagt »glücklich«.

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Es heißt, er wirke in letzter Zeit oft gereizt, ja wütend. Stimmt das?

Wir sind angekommen. Der Parkplatz vor dem Café am Neuen See. Der Himmel scheint sich aufzuhellen. Mathias Döpfner lässt Mantel und Schirm im Auto zurück. Wir gehen ein paar Schritte, es tröpfelt wieder. Döpfner läuft zurück, holt doch den Schirm, einen großen, feuerroten, »schon aus Aberglaube – wenn ich einen Schirm dabeihabe, regnet es nicht«. Wir gehen in den Park. Döpfner geht schnell, sehr schnell. Er eilt. Als hätte er ein Ziel und möchte möglichst schnell dahin kommen. Gedankenverlorenes Schlendern scheint seine Sache nicht zu sein.

Leute sagen, Mathias Döpfner wirke bei öffentlichen Auftritten in letzter Zeit zuweilen gereizt, ja wütend. Kann er mit dieser Beobachtung etwas anfangen? Eigentlich nicht, sagt er, »ich werde mal darauf achten«. Was macht ihn wütend? Er weicht ein paar Pfützen aus und sagt: Verlogenheit, Feigheit, Unwahrhaftigkeit. Ja, und dreiste Dummheit, das auch. Man versucht es eine Nummer kleiner: Hat ihn der Ausgang der letzten Wahlen wütend gemacht? Nein, nein, dieses Ergebnis habe ihn nun gar nicht wütend gemacht, »das hat bei mir nur ein Gefühl schaler Kläglichkeit hinterlassen«. Es habe nur Verlierer gegeben, die gesamte politische Klasse sei nicht mit Glanz gescheitert, sondern kläglich. Er sehe dies alles mit größter Sorge, aber Wut? Nein. Er sagt es so, aber es klingt dennoch erstaunlich aggressiv.

Hätte er sich einen Sieg von Schwarz-Gelb gewünscht? Döpfner will nicht antworten, »ich finde es nicht richtig, wenn der Vorstandsvorsitzende eines Verlags sich dazu äußert«. Außerdem sehe er das wirklich unabhängig von Parteigrenzen, ihm gehe es um dringend nötige, wirkliche Reformen für dieses Land. Um dies zu unterstreichen, erzählt Döpfner, vor einigen Tagen sei Wolfgang Clement bei ihm zum Essen gewesen. Er sagt, es sei interessant gewesen, und bricht den Satz mitten im Sprechen ab. Der Grund: Er geht in einen kleinen Seitenweg zum Wasser hin. Clement ist vergessen. Er sagt: »Das ist mein Lieblingsplatz hier im Tiergarten.« Da habe man so einen schönen Blick auf das Wasser und die Rhododendren. Döpfner bleibt für einen Moment stehen. Er möge die Natur sehr. Besonders Gartenarchitektur, er liebe diese Kombination aus Natur und menschlichem Gestaltungswillen. Er liebe die großen Parks in Irland und Frankreich. Er selbst sei nie ein großer Gärtner gewesen. Überhaupt sei er mehr ein Betrachter, weniger so ein körperlicher Typ. Er sei auch in jungen Jahren nicht der Mann gewesen, der Frauen die Wohnung renoviert habe.

Leserkommentare
    • Anonym
    • 12.10.2005 um 0:04 Uhr

    Bei der Lektüre dieses Textes bin in fataler Weise an Arthur Rimbaud erinnert: "je est un autre".

    Da lese ich über den mediengewaltigsten Kopf Deutschlands, "verantwortlich für die Misere hält er ein dramatisches, beinahe kollektives Versagen der deutschen Eliten", deren prominenter Vertreter er selbst ist. Was für ein Exemplum! Er selbst könne aufgrund seiner Position leider nicht auswandern, und Herr Schirmacher von der FAZ kann das in seiner Position auch leider nicht tun. Tun würden sie es ja gerne. Mir kommen heisse Thränen. Kann es sein, dass die deutschen "Eliten" solche selbstbezogenen Jammerlappen sind, ohne jede Verantwortung für die Wirkung dessen, was sie sagen? Sollen diese Elite unser Vorbild sein? Die es tatsächlich fertig bringen im gedankenschweren Bewusstsein ihrer Bedeutung über das Jammern zu jammern? Und beim Schlechtreden unserer Wirklichkeit kräftig mit Hand anlgen?

    Aber es kommt noch besser: "Glaube keiner, dass gerade die Leute, die es zu viel gebracht haben und über Macht verfügen, besonders selbstironisch und souverän seien; meist sei erstaunlicherweise sogar das Gegenteil richtig, es sei zuweilen erschütternd, wie viel Einsamkeit und Verfolgungsängste man bei diesen Menschen antreffe." Spricht der Mann hier von sich selbst? Und umgekehrt - was denkt sich der Mann eigentlich ("glaube keiner, dass..."), was wir Normalsterbliche für ein Bild von unseren grossen Weltenlenkern haben? Ist er wirklich schon so sehr abgehoben?

    Spätestens hier lappt das ganze ins Schizophrene. Ich ist wirklich ein anderer! Und: l'enfer c'est les autres. Toujours. Natürlich.

  1. Unklar ist allerdings, warum Angela Merkel unterstützt wurde. Ihre Professionalität und ihr Leistungsausweis können es kaum gewesen sein. Nachdem Merkel Schwarz-Gelb 'vergeigt', muß der Verlag sich wohl mittelfristig neu orientieren. Eine Wahllokomotive muß her. Leichtmatrosen müssen von Bord. 45 minus 10 darf sich nicht wiederholen. Eine große Koalition wäre nur ein Zwischenspiel.

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