porträt Ich schwitze als LetzterSeite 3/3
Er ist nicht der Chefredakteur und letztlich doch der Boss von »Bild«
Die Bild- Zeitung. Letztlich ist Mathias Döpfner als Springer-Chef ihr Boss. Axel Springer hat dem ZEIT- Reporter Ben Witter den legendären Satz gesagt, manchmal leide er wie ein Hund, wenn er seine Zeitungen lese. Döpfner stöhnt auf, immer, immer werde er darauf angesprochen, also nein, er werde so etwas natürlich nicht sagen. Anders gefragt: Trifft in einem Moment, in dem der Axel Springer Verlag durch den Zukauf der Fernsehsender Sat.1, ProSieben und N24 stark an Macht zunimmt, der Vorwurf, Bild betreibe unverantwortlichen Kampagnen- und Vendetta-Journalismus? Döpfner vermeidet zunächst die direkte Antwort und sagt: »Es ist beklemmend, wie man versucht, die Pressefreiheit in diesem Land aufzuweichen.« Dazu gehörten, sagt er, neben wirtschaftlichen Pressionen wie Werbeverboten die so genannte Stärkung des Persönlichkeitsrechts, die Hausdurchsuchungen bei investigativen Journalisten sowie der Vorwurf von Politikern, die Journalisten würden politische Kampagnen betreiben. Noch mal gefragt: Was sagt er zu dem Vorhalt, Bild verfolge Bild- kritische Zeitgenossen mit Schlagzeilen? Er sehe diesen Vendetta-Vorwurf als Teil einer allgemeinen Angriffsstrategie, »aber natürlich ist da auch was Wahres dran. Es gibt Beispiele, die man kritisieren kann und muss. Das ist unbestritten. Aber ein Trend ist das sicher nicht, das bestreite ich.«
Es geht zurück zum Café am Neuen See. Die letzten Meter des Spaziergangs, der Chauffeur wartet. Mathias Döpfner redet von Thomas Mann, neben Theodor Fontane sein literarischer Held. Dass er manchmal bei irgendwelchen Begegnungen denke, diese Figur könnte aus einem Mann-Roman entsprungen sein. Leo Kirch? Nein, sagt er, der passe eher zu Lampedusa, dem Autor des Leoparden. Nächstes Thema: Der ProSieben-Sat.1-Deal lief unter dem Namen »Projekt Shalom« – wie es dazu kam? Shalom heißt Friede – und Friede sei auch der Vorname der Hauptaktionärin des Verlags, »außerdem hofften wir, dass dieses Projekt schneller Wirklichkeit wird als der Frieden zwischen Israelis und Palästinensern«. Wie lautete der Geheimname der am Ende letztlich gescheiterten Übernahme des Daily Telegraph? Hab ich schon vergessen, sagt er, sehen Sie, war kein guter Name.
Mathias Döpfner antwortete immer schnell auf alle Fragen, nahezu ohne Zögern. Nur einmal dauerte es richtig lang. Ein merkwürdiger Moment. Es war noch im Auto auf der Hinfahrt. Er sagte gerade, er sei derart abergläubisch, dass er sich nie wirklich freue über einen Erfolg, weil er immer denke, zu viel Freude provoziere eine nächste Klippe. Abergläubisch? Habe er so etwas wie ein Glückshemd, das er an wichtigen Verhandlungstagen immer anziehe? Döpfner schwieg. Und schwieg. Und sagte dann: »Ich weiß es nicht.«
- Datum 06.10.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 06.10.2005 Nr.41
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Bei der Lektüre dieses Textes bin in fataler Weise an Arthur Rimbaud erinnert: "je est un autre".
Da lese ich über den mediengewaltigsten Kopf Deutschlands, "verantwortlich für die Misere hält er ein dramatisches, beinahe kollektives Versagen der deutschen Eliten", deren prominenter Vertreter er selbst ist. Was für ein Exemplum! Er selbst könne aufgrund seiner Position leider nicht auswandern, und Herr Schirmacher von der FAZ kann das in seiner Position auch leider nicht tun. Tun würden sie es ja gerne. Mir kommen heisse Thränen. Kann es sein, dass die deutschen "Eliten" solche selbstbezogenen Jammerlappen sind, ohne jede Verantwortung für die Wirkung dessen, was sie sagen? Sollen diese Elite unser Vorbild sein? Die es tatsächlich fertig bringen im gedankenschweren Bewusstsein ihrer Bedeutung über das Jammern zu jammern? Und beim Schlechtreden unserer Wirklichkeit kräftig mit Hand anlgen?
Aber es kommt noch besser: "Glaube keiner, dass gerade die Leute, die es zu viel gebracht haben und über Macht verfügen, besonders selbstironisch und souverän seien; meist sei erstaunlicherweise sogar das Gegenteil richtig, es sei zuweilen erschütternd, wie viel Einsamkeit und Verfolgungsängste man bei diesen Menschen antreffe." Spricht der Mann hier von sich selbst? Und umgekehrt - was denkt sich der Mann eigentlich ("glaube keiner, dass..."), was wir Normalsterbliche für ein Bild von unseren grossen Weltenlenkern haben? Ist er wirklich schon so sehr abgehoben?
Spätestens hier lappt das ganze ins Schizophrene. Ich ist wirklich ein anderer! Und: l'enfer c'est les autres. Toujours. Natürlich.
Unklar ist allerdings, warum Angela Merkel unterstützt wurde. Ihre Professionalität und ihr Leistungsausweis können es kaum gewesen sein. Nachdem Merkel Schwarz-Gelb 'vergeigt', muß der Verlag sich wohl mittelfristig neu orientieren. Eine Wahllokomotive muß her. Leichtmatrosen müssen von Bord. 45 minus 10 darf sich nicht wiederholen. Eine große Koalition wäre nur ein Zwischenspiel.
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