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Die EU beginnt Gespräche mit der Türkei – doch viele hoffen auf deren Scheitern

Eine so schäbige Einladung war bislang nicht europäischer Stil. Der Termin für den Beginn der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei stand seit neun Monaten fest, die Bedingungen dafür hatte die Türkei längst erfüllt. Da drohte Österreich im letzten Moment mit seinem Veto, um den Verhandlungsfahrplan noch zu revolutionieren. Nach fünf Tagen aber kapitulierte Wien plötzlich und ließ alle ratlos: Wozu eigentlich der pannonische Zwergenaufstand? Die türkischen Gäste wurden verspätet hereingelassen, der Festakt begann um Mitternacht, der Sekt schmeckte schal, und alle gingen nach einem halben Glas mit rasenden Kopfschmerzen zu Bett.

Was hat die Fete gebracht? Sie hat nochmals die Handlungsunfähigkeit der 25er EU vorgeführt, siehe Irak-Krieg 2003. Sie hat zweitens die Türken der letzten Illusion beraubt, sie könnten in Europa willkommen sein. Und dennoch lassen sich beide nun auf das Experiment von langen, quälenden Beitrittsverhandlungen ein. Warum?

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Europas Angst. Tatsächlich sind die EU-Regierungen derzeit zu schwach, mit Selbstbewusstsein die Türken einzuladen. Albträume plagen die EU: Werden türkische Arbeiter nach Westen drängen, soll die Türkei wirklich die bevölkerungsstärkste EU-Nation werden? Umgekehrt aber sind die Europäer auch zu mutlos, der Türkei kernig die Tür zu weisen und den daraufhin unausweichlichen Konflikt mit Ankara in der Nato, im Mittelmeer und auf Europas Straßen auszutragen. Zur Umarmung zu gebrechlich, zur Trennung zu ermattet – das ist in diesen Tagen die europäische Realität.

Deshalb setzen manche EU-Regierungen nach der verpassten Explosion auf die schleichende Erosion der Verhandlungen. Dafür bietet der Beitrittsfahrplan reichlich Sabotagechancen. Es ist dabei einerlei, ob die Türkei ihre Hausaufgaben macht oder nicht. Die Gespräche sind »ergebnisoffen«; jedes der 25 EU-Länder kann nach jedem der 31 Verhandlungskapitel ein Veto gegen die Türkei einlegen. Der Grund muss nicht mit Ankara zusammenhängen. Beispiel Österreich. Kanzler Wolfgang Schüssel kam es auch darauf an, noch vor den Türken den Kroaten einen EU-Reifeschein zuzuschanzen. Dass die regierende HDZ-Partei ihre Mitschuld an Vertreibung und Lagerhaft der Muslime in der Herzegowina störrisch verdrängt, stört Wien nicht – und nun auch die EU nicht mehr. Sie spricht jetzt zeitgleich mit Zagreb und Ankara.

Die türkische Chance. Viele Türken erregen sich über den vergifteten Beginn der Gespräche. Einer der emphatischen Pro-Europäer, der Chefkommentator Mehmet Ali Birand, grollt der EU: »Sie bringen es noch so weit, dass wir es bereuen, die Verhandlungen je begonnen zu haben.« Das klingt überzogen, ist aber in der Türkei eine noch gezügelte Meinung. Die Zustimmung zum EU-Beitritt ist von 75 auf gut 50 Prozent zurückgegangen. So weit die Leidenschaften.

Unaufgeregt betrachtet, lässt sich die historische Chance der Türkei allerdings erkennen. Sie heißt Europa – vielleicht –, aber auf jeden Fall Modernisierung. Ministerpräsident Erdo˘gan hat einen Sieg über die Nationalisten davongetragen. Er hat die Gesetze der Türkei europäischem Standard angenähert. Er hat zum Entsetzen der Kemalisten die Kurden und ihre »Probleme« anerkannt. Er treibt eine Entwicklung voran, die mit dem Assoziationsabkommen der EWG mit der Türkei 1963 begonnen hat. Er hat das zweifache Brüsseler Nein von 1989 und 1997 überwunden. Er wollte Verhandlungen mit der EU, und er hat sie bekommen. Dem ehemaligen Islamisten Erdo˘gan ist gelungen, wovon seine sturzsäkularen Vorgänger nur geträumt haben.

Die Chance für die Türken liegt nun darin, ihr Land fit für den Wettbewerb der Nationen im 21. Jahrhundert zu machen. Die quälende, von vielen Rückschlägen gezeichnete Modernisierung begann mit den Reformen Mitte des 19. Jahrhunderts, welche die Türken tanzimat nennen. Damals wurde im Osmanischen Reich die Unverletzlichkeit der Person und des Eigentums garantiert. Ab 1923 war es Kemal Atatürk, der das Land säkularisierte und nach dem Modell des europäischen Nationalstaates umbaute. Heute steht die Türkei im Wettbewerb mit anderen aufsteigenden Nationen wie Korea, Vietnam oder Indien. Seine Wirtschaft wächst heute um fast zehn Prozent pro Jahr. Die EU-Gespräche sorgen für die weiter nötige Disziplin. Die Türkei braucht redliche Gerichte, durchschaubare Gesetze, eine stabile Gesellschaft mit gleichberechtigten Kurden und Christen. Dann würde sich der Bogen von tanzimat bis Tayyip Erdo˘gan schließen.

Leser-Kommentare
    • imre
    • 05.10.2005 um 17:05 Uhr

    dem verfasser sei gesagt, dass österreich zu mehr als 80% auf dem gebiet der provinz NORICUM liegt. raetien(vorarlberg) und pannonien(burgenland) sind minimal.....
    forsches geschreibsel und bildung sind nicht (immer) ident.

  1. Das ach so tolle wi- wachstum der türkei beträgt laut iwf heuer 5% nich fast 10% - bei einer Inflation von 8,4%.
    Die Haltung Österreichs ist verständlich. Will man nicht am Volk vorbeiregieren muss man eben auch ab und an mal aufs Volk hören.
    Nur als Illustration: Die Ablehnung eines Eu-Beitritts ist unter österreichs Studenten, von allen Befragten am niedrigsten sie beträgt ja nur 66%. Dies auf Haiders Hetze zurückzuführen ist billig und ebensopopulistisch wie er selbst zu seiner "besten" Zeit. Unter Studenten hat die FPö niemals mehr als 10% der Stimmen erreicht.

    Es geht ja bei der ganzen Beitrittsdiskussion um existenzielle Fragen der EU. Wo beginnt Europa, wo hört es auf. Flächenmäßig ist die Türkei eindeutig Asien zuzuordnen.
    Niemand käme auf die Idee mit Tunesien über einen Eu-Beitritt zu verhandeln, schließlich haben die auch tolle Clubs am Meer....

    Sicherheitspolitisch sehe ich keinen Grund für eine Aufnahme, die Türkei ist NATO Mitglied, und daher eindeutig positioniert.

    Wirtschaftspolitisch: BIP/Kopf Türkei 4172$/Jahr; Deutschland: ca 35.000$. Tolle Marktchancen bei dem Bip gelle!

    Und zu guter letzt die USA: Ich bin ein großer Freund dieses Landes, aber es kann nicht sein, dass wir vorgeschrieben bekommen wer EU Mitglied wird. Die Eu ist ja weit mehr als die NAFTA, die USA würden ja auch nie auf die Idee kommen mit Mexiko eine supranationale Institution mit Verfassung udgl. einzurichten.

    Nunja Europa wird den Ösis vielleicht ja noch mal dankbar sein, weil so umgefallen ist Schüssel ja doch nicht, da mittels Volksentscheid der Beitritt der Türkei allein von den Ösis zu verhindern ist.....

  2. Soll eine anatolische Nation Türkei mit nahezu 100% islam. Bürgern, die im Jahre 2020 vermutlich über eine größere Bevölkerung verfügen wird als die größte EU-Nation - nämlich
    D - eine Vollmitgliedschaft im "Club" der römischen Vertragspartner und heutigen EU erhalten?
    Nachdem das brit. Empire 1919 das Osmanische Reich zerschlagen und "Konstantinopel" besetzt hatte, enstand die nationale, kemalistische Türkei, die sich dem brit. Empire widersetzt und griech.,armen. und kurdische separatistische Exklaven gewaltsam bis 1923 wieder nach Ankara "einbindet". Der christl. Teil wandert aus u. die moderne Türkei startet.
    Warum soll eine rein islam.trk-kd.Bevölkerung unseren antik-
    christl.-aufklärerischen Überbau akzeptieren und adaptieren
    - dies besonders in der Zivilgesellschaft - ohne den aber eine Vollmitgliedschaft vice versa nicht zugelassen wird.
    Warum soll sich diese Gesellschaft vergewaltigen und Chimae-
    ren womöglich produzieren, damit eine Bündnisvision aus der
    Hochphase des Kalten-Krieges mit der SU realisiert wird.
    Die SU existiert nicht mehr, aber die Schlachten um das
    noch knappere Öl im Jahre 2020 und daraus resultierende Prozesse werden diese Gesellschaft friedl. od. kriegerisch
    gegenüber der EU und dem Westen sich positionieren lassen.
    Kann sich ein objektiver intellektueller und heute lebender Mensch den Zusammenschluß Australiens mit dem Staat der
    indonesischen islam.Inselwelt vorstellen oder befürworten?
    Haben wir nicht Probleme gesell. und staatl. Art, die der
    Lösung bedürfen bevor wir die Energie aufwenden und der Türkei einen kontrollierten cult. brain wash mit allen Konsequenzen zu verpassen.

  3. Herrn Thumann ärgert sich als Bürger des großen Deutschland über den "pannonischen Zwergenaufstand" im aufmüpfigen Österreich. Ja, so sind sie eben, die Bewohner des Lebensraums im Osten Mitteleuropas. Immer zu einem Revolutiönerl bereit, das, natürlich wegen schlampiger Durchführung, sein Ziel eh nicht erreicht. Von dt. Gründlichkeit sind die jedenfalls weit entfernt und verweigern mit typisch wienerischem Grant den Anschluß an Deutschlands Sicht, statt der Türkei entweder "kernig die Tür zu weisen" oder diese mit "g´schamster Diener" aufzuschwingen.
    Dieser Fall könnte aber durchaus bald eintreten, denn in der Wiener "Presse" vom 7. Oktober sieht Christian Ortner in seinem "Memo an Ministerpräsdent Erdogan" schon einige wichtige Entwicklungen heraufdämmern:
    " ... Sehr europäisch ist hingegen schon die Verwunderung Ihrer geschätzten Republik darüber, dass ein kleineres Land wie Österreich bei Ihrem Beitritt mitreden will, anstatt gefälligst die Klappe zu halten. Das denken sich Joschka Fischer oder Jaques Chirac garantiert auch, insofern hat ihr Land, Exzellenz, da bereits Europareife erreicht. Trotzdem der Hinweis: So etwas denkt man sich, so etwas ehrlich auszusprechen, gilt hingegen noch immer als etwas unelegant." - Hier hat man schon wieder diesen pannonischen Charakterzug: fordert dieser Bewohner der Operettenrepublik doch glatt, Ehrlichkeit gegen Eleganz abzuwägen!

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