Die Zeit : Erderwärmung immer rasanter, Deutschland vor Klimaschock – welche Wirkung haben solche Schlagzeilen?

Torsten Grothmann: Leider wird in den Medien immer von der Klimakatastrophe geredet. Derartiger Alarmismus ist kontraproduktiv, wenn man die Schadensvorsorge und das private Handeln fördern will. Da kommt sofort wieder der Ruf nach dem Übervater Staat, weil die Situation scheinbar so schlimm ist, dass der Einzelne sowieso nichts machen kann.

Zeit : So schlimm ist es gar nicht?

Grothmann: Die negativen Folgen des Klimawandels sind in anderen Regionen, zum Beispiel in Südeuropa, viel gravierender als in Deutschland. Natürlich ist es richtig, den Klimawandel zu bekämpfen. Doch selbst wenn man die Treibhausgasemissionen sofort auf ein verträgliches Maß herunterschraubte, würde der Klimawandel in den nächsten Jahrzehnten aufgrund der Trägheit des Klimasystems voranschreiten. Also müssen wir uns an das veränderte Klima anpassen. Doch über Anpassungsstrategien wird in Deutschland bisher viel zu wenig geredet.

Zeit : Auch nicht nach der verheerenden Elbeflut im Sommer 2002?

Grothmann: Die direkte Betroffenheit ist der durchschlagendste Auslöser dafür, dass Menschen sich auf eine Gefahr einstellen – allerdings nur relativ kurz nach dem Ereignis. Dann tut sich eine Art Betroffenheitsfenster auf, in dem eine hohe Bereitschaft zu privater Vorsorge besteht. Wenn dann länger nichts passiert, wird das Risiko meist nicht mehr gesehen.

Zeit : Ist das Betroffenheitsfenster genutzt worden?

Grothmann: Durch den Staat nur wenig. Man hat sich in den Zuständigkeitsbereichen zwischen Bund und Land verstrickt, und am Ende ging es vor allem um Gesetzesänderungen. Aber es ist kaum darauf hingewirkt worden, dass die bedrohten Haushalte selbst etwas tun.

Zeit : Sie haben Menschen in gefährdeten Gebieten befragt. Welche Unterschiede stellen sie zwischen Elbregion und Rheinland fest?

Grothmann: Im Rheinland sind die Menschen sehr viel mehr von der Machbarkeit und Wirksamkeit privater Vorsorge überzeugt. Dagegen sind die so genannten problemabgewandten Bewältigungsstrategien – also Fatalismus oder Wunschdenken nach dem Motto "Es wird schon nicht wieder passieren" – im Elbgebiet stärker ausgeprägt. Dort haben rund 60 Prozent gesagt, eigentlich seien sie machtlos.

Zeit : Wie erklären Sie sich das?