Alles, was das Kind kennt, ist ein düsterer Raum. Der Boden besteht aus gestampfter Erde, das Bett, auf dem es Tag und Nacht liegt, ist ein Strohsack. Vor den verglasten Fenstern, durch die Licht hereinfallen soll, ist Holz aufgestapelt, sodass in der Kammer auch am Tage tiefe Dämmerung herrscht und dem Kind jeder Zeitbegriff abhanden kommt. Die Temperatur ist immer gleich. Irgendwo gibt es eine Tür, die aber ist verriegelt. Während das Kind schläft, muss manchmal jemand hereinkommen, denn Wasser und Brot stehen oft neben dem Lager. Aber niemand wäscht das Kind, niemand richtet ein Wort an es, und niemand berührt es. Das Kind kann nicht laufen und nicht sprechen, nie sieht es ein menschliches Wesen. Die spärlichen Erinnerungen an sein Verlies hat man dem Kind später entlocken können, weil es die Einzelhaft überlebt hat. Später, als seine Füße das Laufen gelernt haben und die Augen sich vor dem Tageslicht nicht mehr schließen müssen. Als es einfache Sätze sagen kann und nicht mehr nur Laute ausstößt oder Wortgehäcksel. Als man das Kind bei dem Namen ruft, der auf einem Brief in seiner Jacke gestanden hat: Kaspar Hauser.

Jessica kann nichts mehr erzählen, ihre Geschichte musste rekonstruiert werden: Ihre Umgebung – ein kahler, düsterer Raum. Der Boden – ein löchriger Teppich, durch den stellenweise der blanke Estrich kommt. Das Stockbett, auf dem sie zum Schluss nur noch liegt, trägt eine verrottete Matratze und eine schmutzige Decke ohne Überzug und fast ohne Federn. Die Fensterflügel des Kinderzimmers sind mit dunkler Folie abgeklebt, sodass im Raum auch tagsüber ein Dämmerzustand herrscht, der jeden Zeitbegriff aufhebt. Der Drehgriff der Heizung ist fixiert, die Temperatur bleibt immer gleich. Die Zimmertür ist von außen verschlossen. Damit auch vom Flur aus kein Lichtstrahl ins Zimmer falle, ist das Schlüsselloch zugeklebt. Manchmal – immer seltener – muss eine Frau hereingekommen sein und das Kind, das sich nur durch Laute verständlich macht, gefüttert haben. Laufen kann Jessica da längst nicht mehr, ausgebesserte Stellen an ihrer Jeanshose lassen vermuten, dass sie sich monate-, vielleicht jahrelang nur auf dem Gesäß rutschend fortbewegt hat. Niemand wird Jessica das Sprechen lehren, niemand wird ihr – wie das zwei fränkischen Lehrern vor bald 200 Jahren beim Findelkind Kaspar Hauser gelang – Auskünfte über das Verlies entlocken, in dem sie jahrelang verkümmerte. Jessica hat ihre Dunkelhaft nicht überlebt. Sie starb siebenjährig am 1. März 2005 in der elterlichen Wohnung in Hamburg-Jenfeld an den Folgen ihrer Isolation und an Unterernährung.

Vor einer Schwurgerichtskammer des Landgerichts Hamburg sind nun Jessicas Eltern angeklagt wegen gemeinschaftlichen Mordes durch Unterlassen. Der Staatsanwalt wirft ihnen vor, ihre Tochter in der gemeinsamen Wohnung "gequält" und durch "böswillige Pflichtverletzung" in ihrer "körperlichen und seelischen Entwicklung" schwer geschädigt zu haben. Als Jessica schließlich nicht mehr vorzeigbar war, hätten die Angeklagten sie zur Verdeckung der eigenen Schande "grausam getötet". Der Saal 237 ist voll bis auf den letzten Platz. Der Fall wühlt die Leute auf. Gleich zu Beginn muss der Vorsitzende Richter Gerhard Schaberg einen Randalierer hinausweisen, der seiner Wut Luft macht.

Jessicas Vater, der arbeitslose Maler Burkhard M., wird stets zuerst hereingeführt: ein Vorstadtindianer mit schlohweißem Pferdeschwanz. Obwohl erst 50, kommt er wie ein Greis daher. Er setzt sich und starrt zur voll besetzten Pressebank hinüber, ohne Neugier, ohne Scham, ohne Aggression. Es ist der abgestorbene, irgendwo am Horizont hängen gebliebene Blick eines Alkoholikers, der Blick eines Immermüden, der durch nichts mehr aus der Lethargie zu reißen ist – der Blick eines Menschen, neben dem ein Kind verhungert.

Dann huscht gesenkten Hauptes Marlies S. herein, Jessicas 36 Jahre alte Mutter. Sie rutscht hastig auf ihren Platz, wendet sich zur Seite und verkriecht sich förmlich im hölzernen Schnitzwerk des alten Gerichtssaals. Mit den Händen schützt sie sich gegen die Blicke der Medienvertreter. So verharrt sie alle Tage. Bei keinem Zeugen, keinem Sachverständigen hebt sie den Kopf, nur manchmal, wenn es schlimm kommt, weint sie still in ihre Ecke. Ihr Gesicht ist von wächsernem Grau, fast wie das einer Toten.

Burkhard M. macht von seinem Recht Gebrauch, vor Gericht zu schweigen. Dem Haftrichter hat er gesagt, er habe die Tochter kaum wahrgenommen, Jessica sei die Sache von "Frau S." gewesen. Jetzt sitzt er da und schaut.

Frau S. dagegen will aussagen. Das tut sie so leise, dass trotz der Mikrofonanlage selbst die Richter nichts verstehen und die Leute im Publikum zu schimpfen anfangen. Der Vorsitzende versucht die Angeklagte aufzulockern: "Wie haben Sie denn ihren eigenen Vater erlebt?", beginnt er freundlich. "Gar nicht erlebt", flüstert Marlies S. "Wie war Ihr Verhältnis zu ihrer Mutter?" – "Schlecht." – "Können Sie das beschreiben?" – "Sie war immer betrunken." – "Wann haben Sie sie so erlebt?" – "Ich hab sie nur so gesehen, von morgens bis abends. Die Mitschüler…" Der Satz wird zum Wispern. "Bitte, Frau S.", sagt Richter Schaberg mit aller Liebenswürdigkeit, die er aufbringt, "reden Sie doch ein bisschen lauter!" – "Die Mitschüler haben das auch irgendwann mitgekriegt", kann vernehmen, wer die Ohren spitzt. "Sind Sie gehänselt worden?" – "Sie wollten mich verprügeln, weil meine Mutter eine Hure ist." – "War da was dran?", forscht der Vorsitzende. "Ja", haucht Marlies S. – "War sie eine Art Hobbyprostituierte?" – "Ja." – "Hat das schon zur Schulzeit angefangen?" – "Ja."