Sie retuschieren den Bayreuther Schweißfleck der Angela M., machen einen Bückling vor der Kandidatin (»Frau Bundeskanzlerin«), jubeln sie zur Siegerin im TV-Duell hoch, formieren sich zur »flat tax generation« und folgen blind der Demoskopie: Wenn des Philosophen Karl Jaspers’ gewichtiger Satz, es sei schicksalhaft für ein Volk, welche Journalisten es habe, stimmt, dann wäre nach der Bundestagswahl 2005 die komplizierte Regierungsbildung noch das kleinere Problem. Vorgeführt wurde die journalistische Welt als Wille und Vorstellung. So sieht das jedenfalls ein Teil der Politiker und jene Gruppe der Selbstkritiker, denen die Journalisten-Darstellung in der »Berliner Republik« zunehmend auf die Nerven geht. Nach dem Kampf um die Köpfe (und die Wählerstimmen) wird nun um die Deutungsmacht über die Wirklichkeit gerungen. Müssen wir damit leben, dass die Realität notfalls der medialen Dauerbeobachtung und ihren Idiosynkrasien angepasst wird?

Seit der Bundestagswahl geht es also (auch) um die Frage, was für eine Welt die Journalisten eigentlich jeden Tag kreieren – nachdem ihre Beschreibungen der Verhältnisse offenbar den Realitätstest der Abstimmung am 18. September nicht bestanden haben. Verbissen wird diskutiert, wie wirklich sie eigentlich ist, die Wirklichkeit des Journalismus.

Talkshow-Journalisten sind nicht typisch für die Mehrheit ihrer Kollegen

Die Wissenschaft hält sich hier lieber an die Akteure und fragt, welche Wirklichkeit von den Journalisten mit ihren Merkmalen und Einstellungen eigentlich zu erwarten ist. Dies trieb schon vor dem Ersten Weltkrieg den Soziologen Max Weber um. Er entwarf Pläne für eine »Journalisten-Enquete«, die dann aber nicht realisiert werden konnte.

Einst zählte der Berufsstand auch deshalb zu den blinden Flecken der Berufsforschung, weil er sich abzuschotten verstand. Heutzutage glauben wir die Leute, welche für die Selbstbeobachtung der Gesellschaft sorgen sollen, nur zu gut zu kennen. Viele Journalisten führen sich inzwischen öffentlich vor. Das Fernsehen präsentiert sie uns jeden Tag – auch solche, die eigentlich bei der Presse arbeiten. Insbesondere durch Talkshows werden sie zu Stars, deren Bekanntheitsgrad dem von Schauspielern und Politikern in nichts nachsteht.

Einige von ihnen sind in den letzten Wochen stärker beachtet worden, als ihnen im Interesse der eigenen Glaubwürdigkeit lieb sein kann. Namentlich erwähnt wurden – stellvertretend und in alphabetischer Reihenfolge – die Herren Stefan Aust (Spiegel), Peter Hahne (ZDF), Hans-Ulrich Jörges (stern) , Helmut Markwort (Focus) und Frank Schirrmacher ( FAZ). Markwort (»Fakten, Fakten, Fakten«), der seit Jahren als Chefredakteurs-Darsteller in der TV-Werbung für sein Blatt auftritt, ist so omnipotent, dass auf ihn sogar die Öffentlich-Rechtlichen als Moderator nicht verzichten wollen. Diese besonders meinungsstarken Protagonisten haben durchweg mit Hilfe des Fernsehns eine gewisse Prominenz erlangt. Sie können sich gemeint fühlen, wenn von »flatterhaften Effektheischern« (Gunter Hofmann), »Flüsterriesen« (Hans Leyendecker) oder »politischer Rudelbildung« (Wolfgang Clement) die Rede ist.

Die Philippiken stehen in auffälligem Widerspruch zu den Selbstbeschreibungen von Journalistinnen und Journalisten, welche wir aus repräsentativen Untersuchungen kennen: Profis mit dem Selbstverständnis des neutralen Vermittlers stellen sich da vor, die das Publikum schnell und objektiv informieren sowie komplexe Sachverhalte verständlich erklären wollen. Dieses Bild ergab jedenfalls die erste Studie zum Journalismus in Deutschland aus dem Jahre 1993. Seither ist viel passiert – in der Welt und in den Medien. Heute wird uns hier – vor allem im Fernsehen – ein journalistischer Glitzerkosmos vorgeführt, der offenbar wenig mit dem journalistischen Mainstream zu tun hat. Ihn bilden Leute, die in Nachrichtenredaktionen am Fließband aus Ereignissen Meldungen machen, Sportreporter, die auf zugigen Tribünen frieren und unter großem Zeitdruck über mittelklassige Spiele berichten, und Lokalredakteure, deren Alltag zwischen langweiligen Ausschusssitzungen, Vereinsversammlungen und Jubiläen oszilliert. Sie – und nicht die Promis – bestimmen das Bild des »typischen Journalisten«.

Dieser deutsche Journalist ist im statistischen Durchschnitt ein 41 Jahre alter Mann, der aus der Mittelschicht stammt, einen Hochschulabschluss hat, bei der Presse arbeitet und in einer festen Beziehung lebt. Damit sind die (relativen) Mehrheitsverhältnisse unter den 48381 Personen beschrieben, die in Deutschland hauptberuflich in den oder für die aktuellen Medien arbeiten. Ihre Zahl ist in den letzten zwölf Jahren um fast 5000 gesunken, während gleichzeitig die Zahl der Blätter und Programme gestiegen ist.

Hinter diesen Daten verbirgt sich natürlich eine große Vielfalt von Karrieren, Tätigkeiten, Arbeitsbedingungen sowie beruflichen und politischen Einstellungen. Intern hat sich der Journalismus dabei noch weiter ausdifferenziert. Es gibt inzwischen eine fast unübersehbare Anzahl von Ressorts. Dazu gehören natürlich die Klassiker wie Politik, Wirtschaft, Lokales, Sport und Kultur, aber auch solche Exoten wie Ernährung, Garten, Küche, Natur, Sex, Tourismus oder Hobby.

Der Anteil der Frauen ist seit 1993 zwar um fast 20 Prozent auf rund 37 Prozent gestiegen, doch in den höheren Rängen der Medien ist das weibliche Geschlecht stark unterrepräsentiert. Die Wirklichkeit des Journalismus wird weiterhin von Männern dominiert – Hahnenkämpfe inklusive.

Mehr als die Hälfte der Journalisten arbeitet nach wie vor in fester Anstellung bei Zeitungen oder Zeitschriften. Der Anteil der »Freien« liegt bei 25 Prozent – nicht gerechnet das Heer der »Proams«, der professionellen Amateure: Leute wie die Weblogger, die nebenberuflich Journalismus machen, oder Personen, die hauptberuflich den Public Relations dienen, weil sie vom Journalismus nicht leben können. Davon gibt es angeblich immer mehr, doch ihre genaue Zahl ist unbekannt.

Statistischer Prototyp des deutschen Journalisten ist – Christoph Keese. Der Chefredakteur der Welt am Sonntag (auch ihn kennt man aus dem Fernsehen) ist nicht nur durch Alter, Geschlecht, Herkunft, Bildung und Medium als journalistischer Durchschnitt ausgewiesen. Vor kurzem verriet er in der taz, dass er schon oft die Grünen gewählt habe. Auch mit dieser Parteisympathie gehört er zur (relativen) Mehrheit unter den Journalisten.

Bei der Befragung der Stichprobe von 1536 Journalisten im Frühjahr 2005 kam Bündnis 90/Die Grünen auf satte 35,5 Prozent (1993: 17,4 Prozent) vor der SPD mit 26 Prozent (22,5 Prozent); die CDU/CSU landete mit 8,7 Prozent (10,6 Prozent) abgeschlagen auf dem dritten Platz. Immerhin 19,6 Prozent der befragten Journalisten neigen aber gar keiner Partei zu. Ingesamt verorten sich die Journalisten – übrigens in allen Demokratien westlichen Typs – politisch leicht links von der Mitte. Die Kolleginnen und Kollegen werden etwas weniger links vermutet, die eigenen Medien aber mehr oder weniger rechts von der Mitte eingeordnet.

Im Fall Keese überrascht die (frühere?) Grünen-Präferenz freilich doch ein wenig. Denn der WamS- Chef wird aus guten Gründen zur Spezies der neoliberalen Meinungsmacher gerechnet. Bei der Bundestagswahl 2002 erregte Keese als Chefredakteur der Financial Times Deutschland Aufsehen, weil das Blatt auf sein Betreiben hin eine offizielle Wahlempfehlung zugunsten der Union publizierte; ein solches editorial endorsement hatte es in Deutschland bis dahin nicht gegeben.

Keese ist ein Vertreter jenes konservativ-streitbaren Journalismus, der scheinbar dasselbe macht, was einst der 68er-Generation insbesondere unter den TV-Schaffenden vorgeworfen wurde: vom Beobachter zum Missionar zu mutieren. Diese Behauptung wirbelte in den siebziger und achtziger Jahren viel Staub auf und diente unter anderem als Munition zur Durchsetzung des privaten Rundfunks.

Bei unserer Befragung im Jahre 1993 war von solchen Einstellungen nichts spürbar gewesen. Entweder hatte es jene Missionare nie gegeben, oder sie waren – jedenfalls mit eigenen Augen betrachtet – inzwischen in der »objektiven Berichterstattung« angelsächsischer Tradition angekommen.

An diesem Befund hat sich im Lichte der aktuellen Studie wenig geändert: Nach wie vor – ja, mehr denn je – fühlt sich die deutliche Mehrheit der deutschen Journalisten den Standards des Informationsjournalismus verpflichtet. Nach wie vor haben Kommunikationsabsichten wie die des Kontrolleurs (»vierte Gewalt«) nur nachrangige Bedeutung; nur jeder dritte Befragte stimmt hier zu. Gesunken (auf unter 20 Prozent) ist die Zahl der Journalisten, welche ihre eigenen Ansichten präsentieren wollen. Für Benachteiligte einsetzen wollen sich weniger als 30 Prozent der Journalisten, Kritik üben an Missständen aber immerhin fast 60 Prozent.

Wie ist dieses Selbstbild einer Berufsgruppe, das keine Belege für Gesinnungsfanatismus liefert, zu erklären? Haben uns Keese, Diekmann, Jörges und andere in den vergangenen Monaten nicht eines Besseren belehrt? Eine Erklärung für diesen Widerspruch scheint auf der Hand zu liegen: Journalisten leiden gerade in Hinblick auf die Wirklichkeit ihres eigenen Handelns unter verzerrter Wahrnehmung; zumindest insofern wären sie ganz normale Menschen. Plausibler aber ist die Annahme, dass die große Mehrheit der Journalisten nach den Regeln objektiver Berichterstattung handelt, während ein kleinerer Teil eher ideologisch-intrinsischen Motiven folgt und diese durchsetzen kann. Dafür spricht auch, dass sich Chefredakteure deutlich häufiger als der Durchschnitt des Berufs für die Kommunikationsabsicht begeistern, Trends aufzuzeigen und neue Ideen zu vermitteln. Seit Jahren gehört dazu die Religion des Shareholder Value, seit neuestem die flat tax, deren Berechnung auf einen Bierdeckel passt.

Für alle Journalisten aber gilt wohl, dass ihre hehren professionellen Standards konterkariert werden durch verstärkten Konkurrenzdruck. Dies trifft insbesondere auf die viel zu vielen zu, die sich in Berlin um die politische Berichterstattung kümmern. Zweifellos gab es unter ihnen in diesem Wahlkampf eine Wechselstimmung. Sie mag befeuert worden sein durch (zum Teil sogar persönlich motivierten) Unmut über den Kanzler Schröder, der einen Teil seiner alten Medienkumpel enttäuscht hat. Im Eifer des Gefechts haben solche Journalisten ihre eigenen Stimmungen mit denen der Bevölkerung verwechselt. Wir sollten diese Journalisten nicht mit dem Journalismus gleichsetzen.

Knapp jeder Fünfte aller Journalisten wollte 1993 die politische Tagesordnung beeinflussen, also in die Rolle des Politikers schlüpfen; heute will dies nur noch jeder Siebte. Allerdings liegt die Zahl der politischen Redakteure, die diesem Ziel zumindest teilweise etwas abgewinnen können, bei rund 60 Prozent. Es wird sich also lohnen, in den Subgruppen des Journalismus zu suchen, wenn es um Veränderungen bei den beruflichen Einstellungen in den letzten Jahren geht. Als Gesamtgruppe demonstrieren die Journalisten jedenfalls eine bemerkenswerte Einstellungs-Stabilität. Sie halten auch unter gewandelten Rahmenbedingungen an ihren traditionellen Werten fest.

Dazu gehört – in erkenntnistheoretischer und professioneller Unschuld – das Ziel, mit den Mitteln der Berichterstattung »die Realität« abzubilden: Fakten, Fakten, Fakten. 88,3 Prozent (1993: 74,4 Prozent) wollen das, und die deutliche Mehrheit davon glaubt, dies auch zu erreichen. Realität und Objektivität werden von Journalisten offenbar genauso benutzt wie der Laternenpfahl vom Betrunkenen: nicht zur Erleuchtung, sondern, um sich daran festzuhalten. Tatsächlich orientieren sie sich statt am »wahren Leben« und an »normalen Menschen« lieber an anderen Medien und an ihren Kollegen. Dies wird neudeutsch »Selbstreferenz« genannt. Ihr sichtbarster Ausdruck ist, wenn Journalisten Journalisten interviewen.

Die empirischen Befunde bestätigen hier den Augenschein. Der Journalisten beste Freunde sind Journalisten; keiner Berufsgruppe sind sie auch in der Freizeit so verpflichtet wie der eigenen Branche. Und am Arbeitsplatz ist man den anderen Medien besonders nah. Als »Leitmedien« werden dabei Blätter und Sendungen bezeichnet, denen sich die Journalisten bevorzugt zuwenden und aus denen sie bei der Themenfindung Honig saugen.

Vor zwölf Jahren war dies eindeutig der Spiegel. Zwei Drittel der Befragten bekannten damals, regelmäßig in das Hamburger Nachrichtenmagazin zu schauen. Diese Dominanz gibt es nicht mehr; dem Spiegel ist die Hälfte seiner journalistischen Bewunderer abhanden gekommen. Hinter dem Magazin (33,8 Prozent) liegt bei den Wochenblättern die ZEIT (11 Prozent) vor stern (6, 4 Prozent) und Focus (4,6 Prozent). Neuer Spitzenreiter aller Medien ist die Süddeutsche Zeitung, zu der 34,6 Prozent der Journalisten regelmäßig greifen. Bei den TV-Nachrichtensendungen dominiert weiter die Tagesschau (18,8 Prozent) vor den Tagesthemen (13,9 Prozent). Das angeblich »neue Leitmedium« Bild wird nur von einem Zehntel der Journalisten genannt. Insgesamt ist deren Aufmerksamkeit stärker verteilt als noch 1993. Es gibt immer mehr Medien, die man beruflich nutzen kann; immer mehr Zeit wird vor allem mit den Angeboten aus dem Internet verbracht.

Das Berliner Machtzentrum hat eine Pseudo-Elite hervorgebracht

Auffallend ist die Werte-Stabilität der Journalisten insbesondere in Hinblick auf die Berufsethik. Waren die deutschen Journalisten hier schon vor zwölf Jahren im internationalen Vergleich führend in puncto behaupteter Sensibilität, so ist man inzwischen sogar noch vorsichtiger geworden. Alle problematischen Methoden wie zum Beispiel Scheckbuch-Journalismus, Druck auf Informanten oder Undercover-Recherche werden von einer deutlichen Mehrheit abgelehnt.

Deutschlands Journalisten sind noch zufriedener als in früheren Jahren: mit ihrer Ausbildung, der Arbeitseinteilung, dem Verhältnis zu Kollegen, Vorgesetzten und Mitarbeitern und auch der (politischen) Linie des Medienbetriebs. Die externe Einflussnahme (zum Beispiel durch politische Parteien oder Unternehmen) ist ihrer Einschätzung nach zurückgegangen; zugenommen hat aber die Relevanz von Public Relations.

Journalisten sollen – und wollen – vor allem informieren und orientieren. Dabei versperren offenbar die eigenen Kollegen und die anderen Medien mit ihrer Eigenlogik den Blick auf die Welt. Die nervöse Berliner Luft und das rote Licht der Fernsehkameras haben eine journalistische Pseudoelite hervorgebracht, die durch Stimmungsmache aus der Rolle fällt und dazu beiträgt, dass die politische Kommunikation zum Gemischtwarenladen von Opportunisten verkommt. Sie sollte ihre Selbstdarstellung, deren Nachbereitung jetzt zum Nahkampf von Dünnhäutern eskaliert, durch berufliche Selbstreflexion kontrollieren. Die große Mehrheit der Journalistinnen und Journalisten hat diesen aktuellen Leidensdruck zum Glück nicht.

Der Autor lehrt Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Hamburg. Die hier erstmals veröffentlichten Daten stammen aus der – von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten und vom Befragungsinstitut Ipsos realisierten – Studie »Journalismus in Deutschland II«, die er zusammen mit Armin Scholl (Universität Münster) und Maja Malik (Universität Hamburg) durchgeführt hat. Alle Ergebnisse werden demnächst unter dem Titel »Die Souffleure der Mediengesellschaft. Report über die deutschen Journalisten« als Buch veröffentlicht