(5) Gute Freunde im Netz

Wer heute 17 ist, kennt ein Leben ohne Internet nicht. Für die meisten ist der Computer wichtiger als Fernsehen

Ihr Leben steht im Internet. Es ist 97 Bilder lang, wurde 53-mal kommentiert, es ist umsonst zu besichtigen, rosa umrahmt, und im Moment hört es am 31. August in Berlin auf, mit Musik, Tanzen und Alkohol. Es erfordert Zeit, sich um sein Internet-Leben zu kümmern, und seit einigen Wochen sind die Ferien vorbei, Mel geht wieder zur Schule.

Sie schließt die Wohnungstür auf, schmeißt den Rucksack auf den Sessel in ihrem Zimmer, zieht die Turnschuhe aus und schaltet den Computer im Wohnzimmer an. Mel ist 17 Jahre alt. Ihr Vater ist mit seiner Freundin im Urlaub, der Bruder arbeitet auf einer Musikmesse. Heute gehört der Familiencomputer ihr ganz allein.

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Sie geht in die Küche, macht sich ein Stück Pizza warm und trägt es zurück zum Computer. Ihr tägliches Ritual beginnt. Mel klickt auf den Internet-Button, schaltet den MSN-Messenger an, ein Programm, das ihr sagt, dass Lisa online ist und der Rest ihrer Freunde noch offline. Sie checkt ihre E-Mail bei Hotmail – nur ein Kettenbrief, den sie weiterschickt –, sie checkt ihre E-Mail bei Yahoo – ihre Mutter aus Paris, die ihr die Daumen für die Mathearbeit drückt–, dann betritt sie ihr Leben.

Sie betritt Skyblog.com .

Ihr Pseudonym: melcrew. Sie begrüßt die Besucher ihrer Seite mit den Worten: »Ich dachte, es wäre nett für die Leute und mich, mein kleines Leben aufzudecken – natürlich nicht im Detail. Alles was ihr hier sehen werdet, hat mich zu der Person gemacht, die ich heute bin.«

Wüsste man nichts über Mel und wäre durch Zufall auf ihre Internet-Seite gestoßen, dann erführe man Folgendes über sie: dass sie ganz schön viele Freunde hat, in Berlin lebt und oft nach Frankreich fährt, dass ihre Eltern geschieden sind und die Mutter Anfang des Jahres zurück nach Paris gezogen ist. Man sähe, dass Mel lange braune Haare hat, mal gelockt, mal glatt, und ein schmales Gesicht. Dass sie gerne ins Route 66 oder ins Havanna geht, ihre Freundinnen liebt, Tea und Sarah, Mylène und Julia, außerdem noch HipHop, Salsa und Reggaeton, dass ihr Schatz Cube heißt, dass sie gern Red Bull trinkt und auf ein französisches Gymnasium geht.

Man erführe, dass sie eine ganz normale 17-Jährige ist. Die sich allerdings von früheren 17-Jährigen in einem Punkt unterscheidet: Ihre Generation ist mit dem Computer aufgewachsen. Der war vor ein paar Jahren noch vor allem ein Spielzeug der Jungen. Doch inzwischen ist er auch für Mädchen wie Mel ein wichtiger Teil des Lebens. Er verdrängt immer weiter den Fernseher aus den Kinderzimmern.

Obwohl Mel die Fotos auf ihrer Seite in- und auswendig kennt, sieht sie sich ihre Bilder immer wieder an. Danach stöbert sie auf den Seiten ihrer Freunde nach neuen Bildern und Texten. Das alles erinnert an die Poesiealben oder Freundschaftsbücher, die früher in der Schule ausgetauscht wurden. In die ließ man seine besten Freunde schreiben und ein Foto kleben. Natürlich ging es auch dabei immer darum, sich gegenseitig zu versichern, dass man Teil ein Gruppe ist. Dass man dazugehört. Dass man nicht allein ist. Das Internet macht diese wechselseitige Versicherung nur etwas öffentlicher.

Manchmal geht Mel auch auf fremde Seiten. Ein bisschen ist das, als spaziere sie in einer leeren Wohnung umher, deren Besitzer vergessen hat, die Tür hinter sich zuzuziehen. Auf solchen Rundgängen hat Mel schon einige alte Klassenkameraden getroffen, zu denen sie den Kontakt verloren hatte.

Mels Handy klingelt. Eine Kurznachricht von ihrem Vater. Er ist gut im Urlaub angekommen und meldet sich wieder.

Von den Jugendlichen in Deutschland zwischen 12 und 19 haben so gut wie alle, nämlich 96 Prozent, mindestens einen Computer zu Hause. 85 Prozent haben Internet-Zugang, ein Drittel surft vom eigenen Zimmer aus. Das ergab eine Studie der Stuttgarter Landesanstalt für Kommunikation. Eine Untersuchung des Hamburger Instituts für Jugendforschung hat gezeigt, dass 71 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 24 Jahren den Computer mehr als einmal pro Woche nutzen. Mehr als die Hälfte dieser Internet-Nutzer ist über 10 Stunden pro Woche online, ein Drittel mehr als 15 Stunden. Die Technikskepsis älterer Generationen ist bei diesen Jugendlichen einer großen Selbstverständlichkeit gewichen.

Mel hat zu Hause eine Flatrate, für rund 30 Euro im Monat kann sie ständig online sein. Sie legt beim Surfen die Füße hoch, ab und zu sieht sie nach, was im Fernseher hinter ihr läuft, und wenn sie eine Nachricht bekommt, dann beantwortet sie die. »Bei mir muss immer was an sein, Fernsehen, Radio oder Computer«, sagt sie. »Ich brauche irgendwie immer Krach, wenn ich alleine bin.«

Der MSN-Messenger am unteren Bildschirmrand von Mels Computer hüpft und tönt. Lisa meldet sich: »lebe, als gäbe es kein morgen«, schreibt sie und fragt Mel, ob sie ihr das Bild von ihrer Skyblog-Seite schicken könnte, auf dem sie beide gemeinsam zu sehen sind. Mel schickt das Bild und fügt ihrem eigenen Messenger-Symbol ein Einbahnstraßenschild hinzu. Das teilt den anderen mit, dass sie zwar online ist, aber gerade nicht am Computer sitzt. Es ist ihr zu zeitaufwändig, mit jedem zu chatten, jedem antworten zu müssen: »Wenn man das anfängt, dann kommt man echt nicht mehr weg und sitzt locker den ganzen Nachmittag vor dem Computer. Das mache ich nur in den Ferien.«

»Hey, alles klar?«, schreibt sie einem Klassenkameraden, der gerade online aufgetaucht ist. Nach kurzem Hin und Her verabschiedet er sich: »Hör zu, ich bin müde, ich geh jetzt ein bisschen schlafen, wir sehen uns morgen in der Schule.«

Mel guckt auf seinen Messenger-Status, der besagt, dass der Kollege weiter online ist. Von wegen müde.

»Hey, ich dachte du seiest müde«, schreibt sie.

»Ja, aber da gibt es jemanden, der mich mit doofen Fragen nervt.«

»Ach echt? Wer denn?«

Und so kann es dann Stunde um Stunde weitergehen. »Messenger macht man nur, wenn einem langweilig ist«, sagt Mel.

Ihr Freund Cube läuft durchs Wohnzimmer und verabschiedet sich. Er hat in Mels Zimmer Fernsehen geguckt, jetzt muss er weg. Mel hat ihn auf einer Party kennen gelernt. Sie sagt, dass sie zum ersten Mal das Gefühl habe, das könnte etwas Ernstes sein. Vor ein, zwei Jahren, erzählt sie, da waren Love-Chats noch total in, Flirten im Internet. Aber irgendwie erschien ihr das alles unecht. Sie habe außerdem häufiger von Typen gehört, die sich im Chat für 18 ausgaben, und beim Treffen stellte sich dann heraus, dass sie schon viel älter waren.

Wie verändert das Internet die Jugend, Mel? »Seit MSN schreibt keiner mehr lange Mails«, sagt sie. Es ärgere sie, dass manche Leute kaum noch mit richtigen Sätze antworten, sondern nur noch mit »lol« (die Kurzformel für laughing out loud ) oder »rofl« ( rolling on the floor with laughter ). Solche Kurzmitteilungen vermittelten aber dennoch ein besseres Gefühl als E-Mails, sagt sie. Weil sie weiß, die anderen sind jetzt, zur selben Zeit online und sitzen, wie sie selbst, vor dem Computer. Es scheint ein bisschen so, als riefen sie sich in einer virtuellen Wohnung immer wieder Satzfetzen zu, nur um sich zu versichern, dass sie nicht alleine sind.

Das tägliche Ritual geht weiter. Mel surft zu http://www.kissfm.de und www.funradio.de , guckt sich dort die Top 40 an, hört, ob ihr eines der neuen Lieder gefällt, wenn ja, dann lädt sie es herunter. Musik und ihre Freunde, das ist es, was Mel interessiert. Dass sie gestern Spinoza gegoogelt hat, liegt daran, dass sie über ihn ein Referat in der Schule halten muss.

13.15 Uhr, Pause am Französischen Gymnasium in Berlin. Mel, Valentin und Sophie warten auf die siebte Stunde.

Sophie: »Dürft ihr eigentlich Texte auf dem Computer schreiben? Unsere Lehrerin sagt, dass wir das nicht sollen, sie meint, das sei negativ, weil wir dann verlernen, richtig zu schreiben.«

Valentin: »Es gibt aber auch Lehrer, die sagen, dass man seinen Laptop mitbringen kann. Man muss dann eben alle Unterlagen, die man im Unterricht bekommt, einscannen. Dann muss man morgens nicht mehr seine Tasche packen, man hat alles immer dabei, ordentlich in den einzelnen Ordnern für jedes Fach.«

Sophie: »Cool wäre, wenn alle Laptops mitbrächten und man im Unterricht vernetzt wäre. Dann könnten die Lehrer ihre Unterlagen direkt auf unsere Computer schicken.«

Valentin: »In Informatik hatten wir doch mal dieses Matheprogramm, da waren alle miteinander vernetzt, und nach jeder Aufgabe gab es eine Highscore-Liste, wer sie am schnellsten gelöst hat.«

Valentin geht mit Mel in eine Klassenstufe. Er besitzt einen eigenen Computer, einen eigenen Internet-Zugang, und nun sitzt Mel in seinem Zimmer auf dem roten Sofa unter dem Hochbett und Valentin auf einem Schreibtischstuhl. Der Bildschirmschoner auf seinem Computerdisplay zeigt im Zufallsmodus Fotos seiner Freunde. Die Wände seines Zimmers sind dicht beklebt mit Postern von Musikern und Breakdancern, dazwischen Graffiti. Als hätte Valentin in seinem Zimmer die Welt schon mehrfach umrundet. Und irgendwie macht er das ja auch jeden Tag. Von Link zu Link, wie auf der perfekten Welle.

Wie hat dich der Computer verändert, Valentin? »Ich hänge schon viel davor. Mein Vater, der macht seinen Computer an, sucht etwas, findet es und macht ihn wieder aus. Ich surfe manchmal stundenlang nach was Interessantem oder Lustigem, und das maile ich dann an meine Freunde.«

Der Stuttgarter Studie zufolge rangiert für Mädchen die Bedeutung des Computers derzeit noch hinter Fernsehen, Radio und Büchern. Für Jungen ist er dagegen längst der wichtigste Zeitvertreib. »Vor dem Computer hat man nicht so ein schlechtes Gewissen wie beim Fernsehen«, sagt Valentin. »Am Computer hat man immer das Gefühl, man macht was. Manchmal ist es abends echt schwer, ihn auszumachen.«

Wenn man sich in Valentins Zimmer umschaut, dann sieht man zuerst den Computer (Apple), oben drauf eine Webcam (Aldi, leider kaputt), einen Fernseher, Videorecorder, DVD-Spieler (alle schon recht alt, vom Vater übernommen), ein Handy (Nokia, Vater bezahlt die Gebühren), Gamegear (Sega), einen Walkman, einen Discman, einen MP3-Player, Minidisc-Player, Plattenspieler, Mischpult, eine Digitalkamera.

Wird ihm das nicht manchmal alles zu viel? Es sei ihm schon passiert, sagt Valentin, dass er mit einer Freundin telefoniert und gleichzeitig noch im Internet gechattet habe. Das sei »natürlich voll daneben«, konzentrieren könne man sich da auf keines von beidem.

Valentins Vater steckt den Kopf ins Zimmer, sagt hallo und verabschiedet sich dann für ein paar Stunden.

Den ersten Familien-Computer hat der Vater gekauft, als Valentin acht Jahre alt war. Anfangs gab es noch ab und zu Streit zwischen ihnen, wie lange man vor dem Computer sitzen sollte. Doch der Sohn war weiterhin gut in der Schule, und der Streit legte sich. Im vorigen Sommer, zum 17. Geburtstag, hat Valentin seinen eigenen Computer bekommen, einen gebrauchten G4 für 400 Euro. Im Nachtzug hat Valentin ihn von Paris nach Berlin transportiert. Wie ein lang ersehntes Adoptivkind.

Neben dem Rechner stapeln sich die Plastikhüllen seiner alten Videospiele. Sie stammen noch aus seiner Hochphase, damals als er 14 war. Jetzt benutzt er den Computer hauptsächlich zum Surfen und Mailen, für die Schule, zum Herunterladen von Filmen und Musik und um seine Fotos und Musik zu bearbeiten. Valentin ist nebenbei DJ.

Und die Nachrichten dieser Welt? Sie haben genau zehn Sekunden Zeit, seine Aufmerksamkeit zu erregen. So lange dauert es, nachdem er auf der Seite seines E-Mail-Providers gmx seinen User-Namen und sein Passwort eingegeben hat, bis seine Mails angezeigt werden. Dann klickt er schon mal auf eine Hurrikan-Schlagzeile auf der gmx-Seite, gelangt von dort auf eine Bildergalerie des Sturms, klickt sich weiter von Link zu Link und landet irgendwann bei Bildern von Pamela Anderson. Auch ihr Leben steht im Internet.

Was an Valentin, Mel und ihren Freunden auffällt, ist ihre fehlende Angst vor Menschen. Die Sicherheit, mit der sie auf Fremde zugehen, die Offenheit, mit der sie von ihren Leben erzählen, wirken überraschend erwachsen. Wie Kinder, die in einem Hotel aufgewachsen sind und jeden Tag mit anderen Leuten am Speisetisch gesessen und geredet haben. Und die darüber nicht vergessen haben, dass das eigentliche Leben außerhalb des Hotels stattfindet.

 
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