kultur

Einwandern, Schätze suchen

Zwei Großausstellungen in Bonn und Köln zeigen Deutschland aus unterschiedlichen Blickwinkeln: Die Kulturnation war immer eine Migrantengesellschaft

Draußen vor der Tür des Kölnischen Kunstvereins, am Rand der Altstadt, steht, von den Passanten kaum beachtet, ein alter Ford Transit. Er ist ein Kunstwerk. Vor wenigen Tagen erst wurde er von einer Kunstspedition aus Istanbul herbeigeschafft, Symbol endloser Fahrten der türkischen Gastarbeiter über den jugoslawischen Autoput nach Hause, voll bepackt mit Geschenken und Hausrat. Ford Transit, Gastarbeiterauto, nun Gegenstand jener besonderen Aufmerksamkeit, die eine Kunstausstellung erzwingt – und immer noch irgendwie Teil des Kölner Verkehrs.

Genau richtig, würden die Veranstalter des Projektes Migration ergänzen, in dieser Ausstellung sollen gerade Wirklichkeit und Kunst verschwimmen, Erinnerung und Gegenwart. Denn Migration sei eine Realität der deutschen Gesellschaft, die weder abgeschlossen is noch abschließend in Bildern eingefangen werden kann. Deswegen wirkt das reale Köln, durch die Fenster des Kunstvereins lange genug angeschaut, nach einer Weile wie ein Video zum Thema Einwanderung. Projekt Migration fächert Dokumentarisches, Erforschung und künstlerische Kommentare in beispielloser Breite auf. Einwanderung verändert die Bundesrepublik, seit vor 50 Jahren die ersten Arbeitsimmigranten ins Land kamen.

Sammeln und Bewahren: Nicht die schlechteste Passion der Deutschen

Wenige Kilometer südlich, in Bonn, sieht die deutsche Wirklichkeit ganz anders aus. In der Bundeskunsthalle, dem klimatisierten Kunstbunker, präsentieren 20 Museen aus den neuen Ländern Nationalschätze aus Deutschland. Von Luther zum Bauhaus. Es sind Preziosen, Gemälde, Grafiken, Plastiken, naturhistorische Objekte aus ostdeutschen Sammlungen, die Kriege und Plünderungen überstanden und heute mit großem Engagement gepflegt werden. Eine Leistungsschau nach 15 Jahren deutscher Einheit? Vielleicht war sie tatsächlich einmal als das geplant. Ein Event à la Ost-MoMA in Bonn ist nicht daraus geworden. Was diese beiden so unterschiedlichen Ausstellungen außer der Koinzidenz ihrer Eröffnung verbindet, ist ein starker kulturpolitischer Impuls, der ihr Zustandekommen ermöglichte. Beide Projekte wurden mit etwa vier Millionen Euro von der Bundeskulturstiftung gefördert. Wer wissen möchte, was »Bundeskultur« sei, findet hier zwei an entgegengesetzten Polen gelegene Beispiele.

Die Vorgeschichte beider Ausstellungen war langwierig, gelegentlich konfliktreich. Vorurteile und Unterstellungen begleiteten sie. Gegen Ende umso schriller, als die Bundeskultur im Zuge einer Großen Koalition wohl an die CDU fallen wird. Doch sind beide Projekte klüger als ihre Ideologisierungsversuche. Die unterschiedlichen Blicke, die sie auf Deutschland werfen, erweisen sich als durchaus vereinbar.

Sicher, die Nationalschätze sind eine Wunderkammer, detailverliebt, das Schöne und das Spektakuläre nicht scheuend. Der Londoner Star-Kurator Norman Rosenthal gestaltete sie. Die kaum zu rechtfertigende Entscheidung, die Auswahl 1933 enden zu lassen, geht auf ihn zurück. Rosenthal, dessen Familie aus Thüringen stammt und in den Lagern verschwand, sagt, dass Deutschland nach den Nazis für ihn ein fremdes Land sei. Und in der Tat ist Rosenthals Blick wohlwollend, er erinnert daran, dass Weimar und Potsdam und Dessau und Altenburg im Kern von Kultureuropa gelegen waren.

Diese Justierung ist ein Verdienst der Nationalschätze. Die Perspektive ist in der Tat kultur, nicht sozialgeschichtlich, sie deutet Kontinuitäten an, wo der deutsche Betrachter Brüche und Katastrophen zu erinnern sich angewöhnt hatte. Aber naiv ist dieser Blick keineswegs. Das Gesammelte erscheint hier in einer Geschichte des Sammelns – mit dem Urknall der Reformation am Anfang, die dem Bild den religiösen Zauber raubte und es gleichsam weltlich einrahmte. Seither strahlen die Dinge in einem anderen Licht, erfreuen sich einer anderen Wertschätzung, einer ästhetischen. Eine deutsche Manie bildet sich, es ist nicht die schlechteste der deutschen Manien: Sie reicht von der Reliquiensammelei und dem höfischen Repräsentieren bis zum staatlich organisierten Museum, von der Kollektion des gebildeten Bürgers bis zur künstlerischen Lebensreform oder zur professionellen Archäologie. Vielleicht ist das Deutschlands Beitrag zur europäischen Kultur, das Bewahren, die Neigung, sich im Vergangenen und in der Kunst zu spiegeln.

Wenn das stimmt, reiht sich auch das Kölner Migrationsprojekt in diese Traditionslinie ein. Nur dass seine Vergangenheit – tausenderlei Geschichten von der Einwanderung nach Deutschland, vom Wieder-Fortgehen und vom Bleiben – eine sehr gegenwärtige ist. Und die Perspektive kann auch keine rein deutsche sein, sie ist aufgespalten in jene der unterschiedlichen Emigrantengruppen, die mit der Zeit ein Bewusstsein dafür entwickelt haben, in einer besonderen Kultur zu leben, einer, die es sich mittlerweile zu bewahren und zu erinnern lohnt. Den Kern der Ausstellung bildet die Sammlung des Dokumentationszentrums für Migration in Deutschland (DOMiT), einer von Einwandergruppen getragenen Initiative.

Es ist eine typische Überforderungsausstellung für den Betrachter, gleich an fünf Orten gelegen, Kunst und Dokumentarisches bis zur Ununterscheidbarkeit mischend, viel weniger lesbar als die der Chronologie verpflichteten Nationalschätze. Doch auch hier macht man sich besser vom Zwang frei, nach These, Kohärenz und sozialgeschichtlicher Mythologie zu suchen. Die Überfülle des Materials zwingt dazu, eigene Akzente zu setzen, Funde zu machen wie die Polenmarkt-Bilder Wolfgang Tillmanns von 1989 oder die Videoarbeit des jungen Briten David Blandy, der in hollow bones zeigt, wie fern der schwarze Soul für den weißen Bewunderer doch immer bleiben wird.

Das Migrationsprojekt hebt keine Einwanderergruppe hervor, es prangert weder die Exklusionsmechanismen der deutschen Gesellschaft an, noch mündet es in der Selbstausgrenzung von Muslimen in Berlin oder Köln. Es ruft Geschichten von glückender (Frauen-)Emanzipation ins Gedächtnis, von Einsamkeit und Heimweh, es dokumentiert Arbeitskämpfe und häusliche Idyllen. Es schließt nicht nur eine historiografische Lücke in der Geschichte der Bundesrepublik, sondern auch eine in ihrer Selbstwahrnehmung: Deutschland war immer, vor und nach der Reform des Staatsbürgerschafts- und des Zuwanderungsgesetzes, ein Einwandererland. Selbst wenn die Minister Beckstein und Schily bei Gelegenheit einen anderen Eindruck erwecken möchten.

Vom Bund geförderte Kultur kann keine deutsche Identität stiften

Die Bundeskulturstiftung wird oft dafür kritisiert, dass ihre Vorhaben so kompliziert sind, dass sie die Berührung mit Theorie und Wissenschaft nicht scheuten. Auch dass ihre Auswahlverfahren so aufwändig seien, am Ende mehr Skizze als (künstlerisches) Resultat hervorbrächten. Der Stiftung wird vorgeworfen, eine Art Sekundärkultur zu inspirieren, die letztlich zu schwach sei, um große Kunst hervorzubringen. Die beiden Ausstellungen in Bonn und Köln zeigen dagegen, dass der Bund, wenn er in der pluralen Gesellschaft Kultur fördert, nicht mit inhaltlichen Setzungen auftrumpfen muss. Stattdessen sorgt er am besten für eine Polyzentrik der Blicke. Das ist aufwändig, langsam, redundant wie die Demokratie. Es kränkt die Bildungsbürger, die nach nationaler Grandeur lechzen oder nach verbindlichen Werten, alle, die nur eine Art von Kunst gelten lassen wollen. Für Geschichtsdogmatiker ist das ebenfalls nicht schön. Der nächste Bundesbeauftragte für die Kultur – welche Fraktion ihn auch immer stellt – wird froh sein, dass Kulturgeschichte und Gegenwart in diesem Land einander nicht ausschließen.

»Nationalschätze aus Deutschland. Von Luther zum Bauhaus«, Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn, bis zum 8. Januar 2006; »Projekt Migration«, Kölnischer Kunstverein, bis zum 15. Januar 2006

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    • Von Thomas E. Schmidt
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    • Quelle (c) DIE ZEIT 06.10.2005 Nr.41
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