Lehrstellen Kampf um den Platz an der Sonne
Zehntausende Schulabgänger hoffen vergeblich auf einen Ausbildungsplatz. Für viele andere bleibt der Traumberuf Illusion. Fünf Schicksale
Damians Chancen stehen schlecht. Schon vor zwei Jahren hat er den Hauptschulabschluss gemacht, eine Lehrstelle fand er nicht. »Ich bin fleißig und optimistisch«, beschreibt sich der freundliche Lockenkopf in der Bewerbung. Doch fast 100 Absagen haben die Zuversicht geschmälert. Trotzdem ist er zur Nachbesetzungsaktion in die Hamburger Arbeitsagentur gekommen, weil er jede Chance nutzen will. »Ich möchte nicht von Hartz IV leben«, sagt der 19-Jährige. »Nur rumsitzen und nichts tun – da kommt man nicht voran.«
Mehr als 700000 Jugendliche haben sich in diesem Jahr um eine Lehrstelle beworben, fast die Hälfte sucht schon ein Jahr oder länger. Rund 195000 hatten bis Ende August keinen Platz gefunden. Gleichzeitig waren immer noch über 50000 Stellen unbesetzt, weil Kandidaten wieder absprangen oder sich keine geeigneten Bewerber fanden. Um diese Restplätze zu vergeben und außerdem festzustellen, wie viele junge Leute tatsächlich noch suchen, lud die Agentur für Arbeit Ende September alle registrierten Bewerber zur Nachbesetzungsaktion ein. Jetzt zieht sie Bilanz für dieses Ausbildungsjahr, das Ergebnis verkündet sie in der kommenden Woche. Fachleute rechnen damit, dass die Lücke zwischen dem Lehrstellenangebot und der Nachfrage letztlich etwa 32000 beträgt.
Als Mechatroniker gestartet, als Maler gelandet
Wenn jeder Jugendliche die Chance auf einen Beruf haben soll, der ihm liegt, muss es gut 112 Plätze pro 100 Bewerber geben. Das ist in Deutschland seit zwölf Jahren nicht der Fall, und seit neun Jahren gibt es sogar weniger Stellen als Bewerber. Wer eine Ausbildung machen möchte, muss sich bei der Berufswahl höchst flexibel zeigen – zumal wenn das Zeugnis nicht brillant ist. Damian etwa wollte ursprünglich Kfz-Mechatroniker werden – hoffnungslos, das wollen auch viele Realschüler sein. Dann hat er sich breitflächig um eine Bäckerlehre beworben und schließlich sämtliche Hamburger Gebäudereiniger angeschrieben. Ohne Erfolg. Gerade macht er, finanziert von der Arbeitsagentur, einen zehnmonatigen Berufsvorbereitungskurs als Maler und bewirbt sich nun auch in diesem Bereich. Wann der Kurs zu Ende ist? »In zwei Wochen«, sagt Damian. Und Berufsberaterin Corinna Clausen sagt: »Oh je!«
Weil die rot-grüne Bundesregierung im vergangenen Jahr mit einer Ausbildungsplatzabgabe drohte, versprachen die Arbeitgeber, freiwillig für mehr Lehrstellen zu sorgen. »Die Zusagen wurden sogar übertroffen«, sagt der Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), Manfred Kremer. »Nach jahrelangen Rückgängen haben die Betriebe 2004 rund 23000 zusätzliche Ausbildungsplätze geschaffen, in diesem Jahr wird es wohl wieder einen leichten Zuwachs geben.« Hauptschüler wie Damian, die ein mäßiges Abschlusszeugnis haben, profitieren allerdings nicht von dem gewachsenen Engagement der Lehrherren.
Rund 1350 Jugendliche hat die Hamburger Agentur für Arbeit zur Nachbesetzung eingeladen. Gekommen ist knapp die Hälfte. Die übrigen haben schon einen Platz gefunden und das nicht mitgeteilt, sie gehen notgedrungen weiter zur Schule oder haben schlicht den Mut verloren. »Diejenigen, die nicht erscheinen, melden wir ab«, sagt Berufsberaterin Clausen. Die Folge: Im September schrumpft die Bewerberzahl gewaltig.
Gerrit weiß, dass er einen Fehler gemacht hat. Seine 40 Bewerbungen hat er erst abgeschickt, nachdem die Schule im Juli beendet war. »Ich bereue es total«, sagt der blonde Sonnyboy. Jetzt möchte der 19-Jährige schnellstmöglich eine Lehre als Werkzeugmechaniker beginnen. In seinem Zeugnis stehen lauter Zweien und Dreien. »Aber in Mathe habe ich eine Vier – ausgerechnet.« Die macht es selbst für einen Realschüler wie Gerrit schwer, als Mechaniker unterzukommen; auch in fast allen anderen Lehrberufen sind heute vor allem gute Mathematiknoten gefragt.
- Datum 06.10.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 6.10.2005 Nr.41
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