katastrophe Nach dem Sturm

Erst jetzt wird sichtbar: Die beiden Flutkatastrophen von New Orleans haben den bitteren Kern der amerikanischen Gesellschaft offenbart. Die Ärmsten der Armen mussten sich selbst helfen. Begegnungen im Süden Louisianas

Vom Wetter abgesehen, bewegt sich in Evangeline Parish nichts mehr. Schwarze Regenbänder jagen dahin und lassen ahnen, wie heftig Hurrikan Rita zuschlagen wird. Windböen entwurzeln alte Eichen und werfen eine altersschwache Reklametafel um, auf der eine Sorte Kautabak angepriesen wird, die es längst nicht mehr gibt. Die Reisfelder sind überschwemmt, Straßen durch Astwerk unpassierbar.

Millionen Menschen aus Texas und Südlouisiana sind auf der Flucht vor Rita und stecken auf den Straßen in Richtung Norden fest. Aber in Ville Platte – einer Stadt mit 11000 Einwohnern in Acadiana, dem französischsprachigen Teil Südlouisianas – lautet die traditionelle Antwort auf einen Hurrikan nicht Evakuierung, sondern Zusammenhalten und Kochen. Dolores Fontenot, Matriarchin eines Clans, für die es nichts Besonderes ist, sonntags 40 Leute zum Essen zu mobilisieren (die »engste Familie«) und bei einer Hochzeit auch schon mal 800 (die »entfernte Familie«), überwacht die Zubereitung eines gewaltigen Krebs-Gumbos. Der Südstaaten-Eintopf ist ein Trost gegen den Regen, der mit Wucht an die vernagelten Fenster trommelt. Von Baton Rouge bis Galveston ist jede Energieversorgung zusammengebrochen, aber hier lässt ein lauter Generator die Lichter im Haus flackern.

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Am Tisch sitzen auch drei angesehene Immunologen, deren Labor im Tulane-Universitätsklinikum von New Orleans überflutet wurde. Die Ärzte – zwei aus Kolumbien, einer aus Mexiko – nennen Ville Platte scherzhaft die »Arche der Cajuns«. Ein treffender Vergleich. Die Einwohner von Ville Platte – einer armen, aus weißen Cajuns und schwarzen Kreolen bestehenden Gemeinde, deren Durchschnittseinkommen nicht halb so hoch ist wie im übrigen Land – haben ihre Türen in den letzten drei Wochen über 5000 obdachlos gewordenen Menschen geöffnet. Sie nennen sie ihre »Gäste«, denn »Flüchtlinge« oder »Evakuierte« gelten als unpersönliche, ja unhöfliche Begriffe. Fischer und Jäger der Gegend stellten auch die ersten Freiwilligen, die mit Booten nach New Orleans fuhren, um Bewohner aus ihren überfluteten Häusern zu retten.

Die selbst gestrickten Rettungs- und Hilfsbemühungen, die in Ville Platte nach dem Motto »Wenn nicht wir, wer dann?« organisiert sind, stehen in krassem Gegensatz zu der Inkompetenz der Regierung. Sie stehen auch im Gegensatz zu der Feindseligkeit anderer, wohlhabenderer Städte, darunter auch einige weiße Vororte von New Orleans, gegenüber dem Andrang der Evakuierten, besonders armer Farbiger. Tatsächlich ist Evangeline Parish eine Insel der Solidarität, die sich über Rassengrenzen hinwegsetzt – und das in einem Staat, der sonst eher für Rassismus und Korruption steht.

Was aber macht Ville Platte und seine Nachbargemeinden so außergewöhnlich? Die Frage lässt sich durch jenen regionalen »Nationalismus« Südlouisianas erklären, der die Afroamerikaner, Kreolen, Cajuns und französischen Indianer enger zusammenrücken ließ – aus Angst, ihre Umwelt und Kultur könnten ausgelöscht werden. Es herrscht die schmerzliche Erkenntnis, dass das Land durch Globalisierung und Klimawandel rapide absinkt.

Wollte man akademisch sein, könnte man die Großherzigkeit in Ville Platte als Antwort auf die »postkoloniale« Krise Acadianas auslegen. Schlichter gesagt, ist es ein Akt der Liebe in gefährlicher Zeit, eine radikale, aber traditionelle Geste, die den simplen, von den Medien verbreiteten Gegensätzen trotzt – liberal gegen konservativ, rückständig gegen fortschrittlich, Recht auf Abtreibung gegen christliche Familienwerte. Doch bevor wir Theorien entwickeln, sollten ein paar der Helden zu Wort kommen, die um Dolores Fontenots Tisch sitzen, während Rita draußen die Erde beben lässt.

Cajun Navy: Es gibt Corona zu Ehren der lateinamerikanischen Gäste. Edna Fontenot verteilt Bier. Er ist ein hagerer, sanftmütiger Mann Ende 40: »Wir alle haben im Fernsehen die Katastrophe von New Orleans verfolgt. Uns war klar, dass jemand den Leuten helfen muss, denn es tat sich ja nichts. Absolut nichts. Dann kam ein Appell des Louisiana Department of Wildlife and Fisheries (LDWF), es würden kleine Boote gebraucht. Ich meldete mich, denn ich wusste, dass ich helfen kann. Ich habe in New Orleans gelebt und weiß, wie man sich auf dem Wasser bewegt.«

Leser-Kommentare
    • Colon
    • 06.10.2005 um 0:55 Uhr

    Kaum ein anderer amerikanischer Autor hat tiefer ausgeleuchtet, wo die sozialen Klüfte in der US- Gesellschaft zu finden sind und wie wenig sie mit der Versuchung zu tun haben, Armut als individuelles Problem schwacher, haltloser und kranker Menschen zu definieren.
    Die "City of Quartz" drehte die Sitzbänke in Parks und an Haltestellen um, installierte Überwachungskameras und schuf privat überwachte Stadtteile, sie zerstörte soviel öffentlichen Raum wie möglich, um die andere Seite des
    amerikanischen Traums wenigstens vor jenen zu verbergen, die
    auf der gebutterten Seite leben. Im und nach dem Sturm liegen die Verhältnisse momentan offen. Hoffnung auf Änderung besteht leider nicht.

  1. 2. Danke

    Der Fokus des Artikels liegt auf der Handlungsweise der Mehrheit, einander helfender. Besser als der ewig gleiche billige Aufreißer Gewalt, Schüsse und Plünderungen.

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