Gesundheit Chemie für die Seele
Mit dem Blick des Chemikers nimmt der Mediziner Florian Holsboer psychische Krankheiten ins Visier. Jetzt sucht er bei den Zeugen der Anschläge vom 11. September 2001 nach genetischen Wurzeln der Traumatisierung
Im Gartenteich ziehen Goldfische ihre Runden, die Sonne läßt die
Kringel im Wasser funkeln. Ein spätsommerlicher Nachmittag im Garten
der kleinen Bauhaus-Villa von Florian Holsboer, Direktor am
Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. »Während wir hier
sitzen«, sagt er, »finden in Ihrem Kopf molekulare Ereignisse statt,
die Ihre Erinnerung prägen. Biochemische Prozesse sorgen dafür, dass
Sie, wann immer Sie eine ähnliche Umgebung sehen, denken: Das ist so
’ne Hütte, wie der Holsboer sie hat.« Holsboers Arbeitsfeld ist die
Biochemie des Nervensystems. Er will psychische Krankheiten mit
physischen Mitteln heilen – mit Hormonen, Proteinen, Genen. Der
Mediziner und promovierte Chemiker sagt von sich: »Ich bin sicher ein
besserer Chemiker, als ich Arzt bin.«
Mit dem Blick des Chemikers nahm er das Thema Depression ins Visier. Die Entdeckung von Medikamenten gegen Depressionen war in den 1950er Jahren reiner Zufall. Bei Präparaten gegen Bluthochdruck traten als Nebenwirkungen Stimmungsverschlechterungen auf. Ein Mittel gegen Tuberkulose verbesserte ganz nebenbei die Stimmung der Lungenkranken. Als Ursache galt der Eingriff der Medikamente in das Wirken der Monoaminoxidase. Dieses Enzym baut eine Klasse von Botenstoffen ab, die Monoamine, von denen vor allem das Noradrenalin und das Serotonin verantwortlich für seelisches Wohlbefinden sind.
Allerdings sind Antidepressiva bis heute alles andere als eine optimale Therapie: Zum einen haben sie unangenehme Nebenerscheinungen wie Übelkeit und Schwindel, Schlaflosigkeit und innere Unruhe bis hin zu sexuellen Störungen. Zum anderen wirken sie nicht bei jedem gleich. Bei einigen Patienten greift die Therapie früh und recht gut, bei anderen wesentlich später und schlechter. Florian Holsboer konnte nun zeigen, warum: Verantwortlich für die individuelle Wirkung von Antidepressiva ist eine Variation im FKBP-5-Gen. Im Normalfall lassen die Krankheitssymptome bereits eine Woche nach Beginn der Therapie nach. Hat der Patient allerdings eine bestimmte Variante dieses Gens, kann es fünf Wochen und länger dauern, bis eine Besserung einsetzt.
Einen zuverlässigeren Zugang zum seelischen Gleichgewicht verspricht sich Holsboer von einer Regulierung des Stresshormonspiegels. Bei Depressionen schüttet der Hypothalamus, das Steuerzentrum des Vegetativen Nervensystems, Stresshormone aus. Diese wiederum regeln den Serotonin- und Noradrenalinhaushalt. Kann also ein Medikament die Stresshormone zügeln, bekommt man auch die Monoamine in den Griff. Angestoßen wird eine Stressreaktion des Körpers durch ein Eiweiß namens Corticotropin Releasing Hormone (CRH). Hier setzt Holsboer den biochemischen Hebel an. Blockiert man den Rezeptor, den das CRH zur Weiterleitung seiner Signale braucht, werden Stress und Depressionen bekämpfbar.
Zur Prüfung dieser These hat das Max-Planck-Institut Mausmodelle gezüchtet. Einige der genveränderten Mäuse produzierten zu viel CRH und litten unter erhöhter Angst; anderen fehlte der CRH-Rezeptor, sie blieben stets ruhig. Die Mäuse haben Holsboers CRH-Hypothese bestätigt. Mittlerweile forschen alle großen Pharmaunternehmen an CRH-Rezeptor-Blockern für Menschen.
Die Anschläge von New York bieten ideale Forschungsbedingungen
- Datum 06.10.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 06.10.2005 Nr.41
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