interview Ohne Kompass

Was kann Reportage, wie viel Mut braucht ein Reporter? Am 15. Oktober wird in Berlin der Lettre Ulysses Award 2005 verliehen – ein Nobelpreis für die Kunst der Reportage. Ein Gespräch mit der Journalistin Isabel Hilton, Jurymitglied und Reporterin, über ihre Arbeit

DIE ZEIT: Sie sehen aus wie eine kühle schottische Lady, aber Ihre Reportagen erzählen von Mord und Totschlag, Intrigen und Korruption. Sind Sie eine Abenteuerin?

Isabel Hilton: Aber ja. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, in Aberdeenshire, und habe in Bradford studiert, einer englischen Provinzstadt. Ich war gierig auf die Welt. Ich konnte das Zuhausebleiben nie als Tugend betrachten.

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ZEIT: In der Welt haben Sie die dunklen Seiten der Realität besonders angezogen, warum?

Hilton: Alle Journalisten sind von Krisen fasziniert, weil sich in ihnen das Wesen einer Gesellschaft enthüllt. Es gibt noch einen anderen Grund: Als ich junge Journalistin war, durften Frauen allenfalls über die leichten Seiten des Lebens berichten. Das harte Geschäft war Männersache. Um wahrgenommen zu werden, mussten sie sich mitten ins Getümmel stürzen.

ZEIT: Was war damals Getümmel?

Hilton: In Lateinamerika gab es Diktaturen, die mit wilder Gewalt und Folter gnadenlos ihre Macht ausübten, es gab Militärherrschaft und Staaten, die von Geheimdiensten regiert wurden. Die Gesellschaften und die Menschen waren versehrt. Ich habe in den achtziger Jahren Kampfeshandlungen in Nicaragua und Guatemala erlebt, später auch in Nepal. Einige Länder, die ich heute besuche, befinden sich in einer Art politischem Kriegszustand. Aber ich bin keine Journalistin, die immer über Kriege schreibt, ich habe genug vom Krieg gesehen.

ZEIT: Sie spüren auch die Korruption im Gewebe der Gesellschaft auf, wie in Ihrer Reportage über General Stroessner in Paraguay. Sie nähern sich diesen Gesellschaften von außen – ist das ein Vor- oder ein Nachteil?

Hilton: Es ist beides. Ein Nachteil ist es, dass man als Außenseiterin erst einmal viel über die Kultur lernen muss, in kürzester Zeit. Der Vorteil ist, dass man nicht durch Angst um die eigene Zukunft zu Kompromissen gezwungen ist. Manchmal erzählen Leute einer Außenseiterin Dinge, über die sie untereinander nie reden würden.

ZEIT: Sie misstrauen einander mehr als Fremden?

Hilton: Diese Gesellschaften sind oft zersetzt von Misstrauen. Aber wir kennen es doch auch, dass ein Fremder im Zug einem sein Leben erzählt. Warum? Würde er es einem Freund erzählen, könnte es vielleicht die Freundschaft verändern.

ZEIT: Was erhoffen sich die Menschen, wenn sie sich Ihnen anvertrauen?

Hilton: Etwas Fürchterliches habe ich in Argentinien erlebt. Ich fuhr nach Tucuman, einer Provinz im Norden von Argentinien. Dort hatten sich in den siebziger Jahren viele Kämpfe zwischen dem Militär und der Guerilla ereignet. Die Leute hatten Schlimmes erlebt. Die ganze Region hing von der Zuckerindustrie ab, die nun nicht mehr existierte. Die Leute hungerten. Mindestens 1500 Familien brauchten Hilfe. Es gab eine Lebensmittelverteilung. Man hatte Lebensmittel für 500 Familien bestellt, es kam Proviant für höchstens 300. Alle Leute rannten zur Verteilerstelle, die Menschenmenge war aufgebracht, die Polizei verhaftete diese Menschen, die tagelang auf Essen gewartet hatten. Als die Leute mich sahen, riefen sie: »Sie sind doch Journalistin, schreiben Sie auf, dass ich hier war, schreiben Sie meinen Namen auf!« Sie waren verzweifelt.

ZEIT: Aber was glaubten sie denn, würde sich ändern, wenn Sie ihre Namen notierten?

Hilton: Nun, klar war, ich würde nicht am nächsten Tag mit Lebensmitteln kommen und sie verteilen. Aber ich konnte das Elend dieser Leute anerkennen. Es macht ihre Situation real, wenn ihr Name und ihre Adresse aufgeschrieben werden.

Leser-Kommentare
  1. Ja, es gibt das Grauen. Es hat schreckliche Ausmaße und es ist uralt. So alt, wie die Berichte darüber. Aber es hat immer auch einen Widerpart. Leben heißt überleben. Eine wirklich gute Reportage darf deshalb nie mit der Schilderung der Schrecke enden, es sei denn, sie will den Weltuntergang dokumentieren. Will sie das nicht, muss sie zeitgleich mit dem Grauen diejenigen Tatsachen abbilden, die unter günstigen Umständen sein Ende bedeuten könne. Anderenfalls schildert sie nicht das Leben, sondern ein imaginäres Monster. Dann erst ist sie wirklich reine Literatur.

    Die Reportage ist etwas anderes. Ein horizontaler Auszug aus der Wirklichkeit, kein vertikaler Auszug und vor allem keine Fiction. Der Reporter erzählt erlebte Geschichten. Geschichten, die ihm selbst begegnet sind, aber auch Geschichten, die ihm von anderen Leuten berichtet wurden. Er erzählt sie einem interessierten Publikum, über das er so gut wie nichts weiß und von dem er nicht einmal genau sagen kann, ob es ihn überhaupt versteht. Mit seinen Veröffentlichungen übernimmt er diesem Publikum gegenüber die volle Verantwortung eines Zeugen vor Gericht. Er sollte also nach bestem Wissen und Gewissen aussagen, sonst bekommt der "Richter" Leser ein falsches Bild von der Wirklichkeit und sein Urteil fällt entsprechend ungerecht aus.

    Zu Hilfe kommt dem Reporter in dieser schwierigen Lage der Umstand, dass er nicht allein ist. Seine Kollegen aus aller Welt berichten ebenfalls. Aus anderer Perspektive und über andere horizontale Auszüge aus der Realität, aber eben parallel. Das verringert die Gefahr der totalen Falschinformation erheblich. Der Umstand aber, dass der Leser seine Gier nach Grusel neuerdings weniger in dicken Romanen oder dünnen Schmökern zu befriedigen sucht, sondern immer öfter zur Reportage greift, ist verhängnisvoll. Was wäre, wenn ein Richter nur Zeugen hören würde, die seine Sensationsgier bedienen? Wie würde er urteilen und welche Folgen hätte das für unser aller Täter-Opfer-Bild?

    Realitätsnähe bedeutet in Zeiten knappen Geldes für die Medien immer auch Selbstzensur. Diese setzt eine gewisse Genügsamkeit voraus, die schwer zu finden ist, wo nur der unverschämteste überlebt. Ein Teufelskreis dem Meinungs(ver)bildner wenig entgegenzusetzen haben, außer ihrem Berufsethos - so sie denn eines besitzen.

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