Elektronikindustrie »It was a Sony«

Walkman, Fernseher, Hi-Fi-Anlagen: Jahrzehntelang waren die Produkte des japanischen Elektronikriesen Kult. Jetzt steckt er in der Krise

Der japanischen Wirtschaft geht es gut. 3 Prozent Wachstum werden in diesem Jahr erwartet. Die Arbeitslosigkeit ist im Sommer auf 4,3 Prozent gesunken. Doch mitten in den Aufschwung fällt eine Hiobsbotschaft: Sony, der Elektronikkonzern, dessen große Erfindungen vom Transistorradio bis zum Walkman den Weltruf japanischer Produkte begründeten, steckt in der größten Krise seines Bestehens.

Die von seinen Besitzern einst wie Gold gehütete Aktie des Unternehmens befindet sich auf Talfahrt. Analysten raten einstimmig zum Verkauf der Papiere. Gleichwohl gibt es im Topmanagement öffentliche Auseinandersetzungen. Neue Verkaufsschlager sind nicht in Sicht, noch weniger eine klare Konzernstrategie. Stattdessen ist von Massenentlassungen die Rede. Bereits vor zwei Jahren, im Oktober 2003, kündigte Sony die Streichung von 20000 Stellen und die Stilllegung von 30 Prozent seiner Fabriken an. Jetzt sollen noch einmal 10000 Stellen überflüssig sein und 11 von 65 Fabriken abgestoßen werden.

Anzeige

Ganz anders sieht es demgegenüber beim großen Konkurrenten Samsung aus Südkorea aus: Wie um den endgültigen Sieg über den japanischen Erzfeind zu feiern, hat der Elektronikkonzern in der vergangenen Woche einen Investitionsplan über rund 33 Milliarden Dollar verkündet. Gleichzeitig sollen 14000 neue Stellen geschaffen werden.

Hersteller aus China, Südkorea und den USA nehmen Sony in die Zange

Schon macht sich in Japan Nostalgie breit. »Lasst uns noch nicht so weit gehen und sagen: ›It was a Sony‹«, erinnert die japanische Wirtschaftszeitung Nihon Keizai an die stolze Werbung des Konzerns: »It’s a Sony«. Doch was hält den Kunden heute noch davon ab, bei der Konkurrenz zu kaufen? Vom »Untergang des Sony-Mythos« ist in Japan die Rede. »Sony fehlt das Selbstvertrauen für den Wandel«, beobachtet der angesehene Ökonom Tadashi Nakamae, Leiter des Nakamae-Forschungsinstitut in Tokyo.

Vorbei sind die Zeiten, in denen Sony Kult war. Wer etwas auf sein Wohnzimmer hielt, der kaufte in den siebziger Jahren das Hi-Fi-Gerät von Sony; in den Achtzigern trug in New York jeder Jogger im Central Park einen Walkman, in den Neunzigern begannen die Kids um eine Playstation zu betteln, und die Eltern filmten sie mit einem Camcorder von Sony. Und heute? Ist das schillerndste Unternehmen der Elektronikindustrie überflüssig geworden?

»Sony wird von der Konkurrenz zerrieben«, beobachtet Kenneth Courtis, Vizepräsident der US-Investmentbank Goldman Sachs in Tokyo. Von allen Seiten sei der Konzern in Bedrängnis geraten. Unten greife die Billigkonkurrenz aus China an – mit MP3-Abspielgeräten zum Schleuderpreis. In mittleren Preisbereichen, etwa auf dem Fernsehermarkt, habe Samsung die Führung übernommen – mit Flachbildschirmen, einer Technologie, die Sony verschlafen habe. Im oberen Bereich aber würden Unternehmen wie Nokia und Microsoft Sony den Rang ablaufen – mit hochwertigeren Mobilgeräten und neuer Konkurrenz für Computerspielkonsolen. »Das Hardware-Geschäft wird für Sony schwer bleiben. Es ist ein großer Kampf an vielen Fronten«, sagt Courtis.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service