glosse

Du bist Werbeagentur

Die Deutschlandkampagne

Das Nette am Kapitalismus früher war sein großmütiger Verzicht auf Propaganda. Bestechung, nicht Agitation hieß das Prinzip. Selbst Systemkritik wurde gerne angenommen (und damit entgiftet) oder aber (das war schon die schlimmste Strafe) der Lächerlichkeit preisgegeben. Damit ist es jetzt vorbei. Die Medienkampagne »Du bist Deutschland«, die derzeit mit unerhörtem Materialeinsatz durch Zeitungen und Fernsehen dampft, versucht das Publikum mit einem Optimismus einzuräuchern, als sei der Sozialismus wiederauferstanden, der den Menschen den real existierenden Mangel als Weg des Fortschritts zu verkaufen trachtete.

Denn um die Ideologisierung des Mangels geht es heute wie ehedem. Die gedrückte Stimmung der Deutschen wird von den Kampagnemachern aber nicht auf steigende Arbeitslosigkeit und sinkende Löhne zurückgeführt, wie es die Vernunft nahe legt, sondern die Arbeitslosigkeit wird umgekehrt als Folge schlechter Laune dargestellt, also als ein Privatphänomen, das jederzeit durch innere Einkehr und positives Denken korrigiert werden könnte. Nun lässt sich zwar darüber streiten, ob zuerst das Huhn oder das Ei da war, aber dass es genügt, mit den Flügeln zu schlagen und zu gackern wie eine Henne, um goldene Eier zu generieren, darf doch mit Fug und Recht bezweifelt werden.

Jedenfalls würde man gerne erleben, wie die Werbetexter, die sich diesen Schwachsinn ausgedacht haben, einem fünfzigjährigen Ingenieur erklären, dass er seinen Arbeitsplatz nur deswegen verloren hat, weil er vergaß, dass auch August Thyssen, Ferdinand Porsche oder andere berühmte Werktätige der deutschen Vergangenheit einmal klein angefangen haben. »Du bist Thyssen« – »Du bist Porsche«. Gewiss doch! Gewiss hätte unser Ingenieur das Zeug dazu, ein Porsche zu werden, wenn seine Fähigkeiten dazu nur auf dem Markt nachgefragt würden. Muss man den Initiatoren der Kampagne, die aus der Medienwirtschaft kommen, erst eigens erklären, dass unsere Probleme auf einem Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage beruhen, dass Kapital knapp geblieben, Arbeitskraft aber im Überfluss vorhanden ist?

Den Höhepunkt an Zynismus gewinnt die Kampagne aber in dem Fernsehspot, der Schwule und Behinderte auf dem Stelenfeld des Holocaust-Mahnmals versammelt. Der Bildeinfall ist in seiner Häufung diskriminierter Randgruppen so geschmacklos, dass man unweigerlich an jene alten Witze denken muss, die mit dem Satz »Jude allein reicht wohl nicht« endeten. »Du bist Deutschland.« Ei freilich! Auch Juden, Schwule und Mongoloide waren Deutsche. Jetzt sind sie aber tot. Ehrlicher wäre es gewesen, einen schneidigen SS-Offizier mit der Unterschrift »Du bist Deutschland« zu zeigen. Damit wäre man der Wahrheit schon näher gekommen; übrigens auch der Einsicht, dass allzu viel Trost aus dem Nationalstolz gerade von dem klügeren Teil der Deutschen nicht mehr gefordert werden kann.

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Leser-Kommentare

  1. Deutschland ist pleite da hilft auch kein tolles Du bist Deutschland.Es war doch wohl sonnenklar, dass im Zuge der EU nicht unser Qualitätsstandard erreicht werden kann. Dem "dummen" Volk ist es in Bonbonpapier verpackt aber genauso verkauft worden.Wir wissen ja jetzt wie die Realität aussieht. Wir haben uns an das arithmetische Mittel angepasst. Wenn Arbeitsämter mit Institutionen wie den Dortmunder Diensten zusammenarbeiten um Menschen mit akademischem Abschlüssen zu 1 Euro Jobs zu zwingen dann zeigt das doch ganz deutlich das diese Kampagne eine ultimative farce darstellt. All diese Menschen die ich dort sehe haben eine Erfahrung schon sehr sehr sehr lange nicht mehr gemacht bzw sie müssen erst mal nachschlagen was das überhaupt ist.EXISTENZANGSTMit soviel finanzieller Sicherheit lässt sich leicht ein solcher Stuss erzählen. Du bist Deutschland ja ja erzähls den anderen.
  2. Bestens!
  3. Werter Herr Jessen, Sie sind überflüssig. Diesen Eindruck muss jedenfalls der Leser Ihres Kommentars gewinnen. Was bitte sollen wir aus ihrem provokativen Geschimpfe lernen? Wo bitte soll uns ihre Einstellung weiterbringen?Ich weiß zwar nicht, was die Kampagne "Du bist Deutschland" bewirkt. Aber eins weiß ich: Ihr Kommentar bewirkt im besten Falle rein gar nichts. Vermutlich sogar schlimmer: Er wirkt kontraproduktiv.Bestätigt fühlen dürfen sich bei Ihnen mal wieder all jene, die immer schon der Meinung waren: "Ich bin nicht schuld. Die Politik ist schuld, die Wirtschaft ist schuld, der Weltmarkt ist schuld, die Globalisierung ist schuld."Sicher sind all diese Rahmenbedingungen (sic!) mitverantwortlich an den herrschenden Problemen. Aber zum einen sind wir nach wie vor eine der stärksten Volkswirtschaften der Erde mit hervorragenden Lebens- und Arbeitsbedingungen. Ich wage zu behaupten: Der durchschnittliche deutsche Arbeitslose lebt besser als drei Viertel der Weltbevölkerung!Und zum anderen war Deutschland immer dann schwach, wenn in Pessimismus und Staatskritik gemacht wurde: Siehe als Paradebeispiel die Weimarer Republik. Stark dagegen war Deutschland immer dann, wenn der Bevölkerung Selbstvertrauen und Optimismus vermittelt werden konnte: Siehe die Zeit vor dem ersten Weltkrieg, siehe den Beginn des Nazi-Regimes und siehe den Wiederaufbau und das "Wirtschaftswunder" nach 1950.Immer dann, wenn die Deutschen an sich und die Zukunft glaubten und der Meinung waren "es geht aufwärts", immer dann waren sie wirtschaftlich am erfolgreichsten.Man unterschätze also niemals den Einfluss der Psychologie auf wirtschaftliche Prozesse! Wirtschaft wird von Menschen gemacht, und Menschen urteilen nicht nur rational, sondern großteils nach Gefühlen, Meinungen und Intuitionen. Bestes Beispiel: Die Börse.Im Übrigen bin ich ebenfalls überzeugt davon, dass es gebildeten und wohlhabenden Menschen leichter fällt, zu dieser Kampagne ja zu sagen. Das bedeutet aber im Umkehrschluß NICHT, dass nicht auch Arbeitslose und einfache Arbeiter mehr Mut und Eigeninitiative entwickeln können.In diesem Sinne: Machen Sie sich nicht mit so vielen Anhängern des pessimistischen Zeitgeists gemein und reden Sie alles schlecht. Vielleicht hilft die Kampagne nicht, wobei ich das kaum glaube, - aber SCHADEN kann sie wohl kaum. Zumindest bringt sie Leben in die Diskussion und bewegt vielleicht den einen oder anderen zum Nachdenken, der das bisher zu wenig getan hat.Glückauf!Michael Thomann
  4. ein Held. Bitte verstecken Sie sich nicht hinter dem Begriff Glosse. Ihre Kritik ist einfach - sehr einfach. Im Urlaub in Spanien habe ich mich maßlos über Ihre destruktive Haltung und billigen Schlußfolgerungen geärgert und jetzt endlich kann ich diesen Leserbrief verspätet verfassen. Sie müssen die "Du bist Deutschland" Kampagne nicht gut finden, aber ich frage mich ernsthaft, warum Sie alle Klischees des Meine-Brille-wurde-einmal-jährlich-seit-der Schulzeit-von-meinen-Mitschülern-zerstört-und-ich-arbeite-jetzt-für-das-Feuilleton bedienen.Ihre Kritik ist so naheliegend. Warum können Sie nicht etwas positives bewirken, in dem Sie sich angenehm zurückhalten.Ich habe eben noch einmal den letzten Absatz gelesen und verstehe Ihre Boshaftigkeit nicht ! Was motiviert Sie ? Würden Sie immer noch die gleichen Parallelen ziehen ? Gab es keinerlei negative Reaktion innerhalb der Redaktion auf Ihre "Glosse" ?Herr Jessen, ich werde trotzdem ein Abo bestellen. Ich werde mich diese Woche intensiv um eine Werbeagentur bemühen, die die Kampagne: "Auch Du bist Deutschland" ins Leben ruft. Als Werbeträger bieten sich alle Hamburger Wochenblätter an. Haben Sie Interesse ?Du, Herr Jessen - sei´doch nicht so negativ.Kopf hochTom Heinkel
  5. Zur Erinnerung lese ich Robert Walser: Georg Brandes über Deutschland"Ach du unendliches Jammertälchen", schrieb einmal der Geschichtsschreiber Georg Brandes auf rosarotes Papier, "wie geht´s dir, Deutschländchen? Schlecht, schlecht. Eine Erbärmelei zieht sich in mich hinein, wenn ich daran denke, wie du zappelst und hungerst und die Edelsten, Besten in dir Beute der Entmutigung geworden sind. Es fieberschauert. Wer >es
  6. 6. \N
    So unterschiedlich kann Wahrnehmung sein. Eben noch sitzen vier, mitten im Berufs- und Familienleben stehende Akademiker fasziniert vor dem Fernseher - und dann dieser Artikel! Zu Ihrer Bemerkung zu den Randgruppen: egal ob und wie diese dargestellt werden: Kritik wird es in unserem ach so korrekten Land wohl immer geben.
  7. Wer ist denn eigentlich die Zielgruppe dieser Kampagne? Auffällig ist doch, daß sich vor allem Unternehmer und darunter viele Akademiker positiv angesprochen fühlen.Warum könnte das so sein? vielleicht weil viele Angestellte (auch Arbeiter) es gewohnt sind Befehle zu empfangen und auszuführen und Aufrufe "Tue endlich selbst etwas" für diese Kreise relativ sinnlos sind?Wie viel bequemer ist es da, auf Deutschland und seine "desolate" Situation hinzuweisen, in der es keine Arbeit gibt, aber alle doch arbeiten wollen. Ist es denn wirklich so oder wollen viele Deutsche zwar arbeiten aber eben nur das wozu sie Lust haben (warum sonst gibt es die berühmten polnischen Erntehelfer?) Aber natürlich ist die jeweilige Regierung schuld und natürlich haben wir sie selbst gewählt.Selbst Lafontaine (ungeachtet seiner merkwürdigen politischen Ansichten) hat es vorgemacht, unzufrieden mit seiner Partei und seiner Stellung darin hat er sich zu neuen Ufern aufgemacht und etwas erreicht.Wem das Wasser bis zum Hals steht, der sollte nicht auch noch seinen Kopf hängen lassen. "Tue endlich etwas" ist da heilsam und weckt auf, oder eben nicht, wie man hier ebenfalls lesen kann.Ach ja zum Thema Randgruppen und Mahnmal: Diese recht simple Logik zu Grunde gelegt, dürfte man mit gleichem recht behaupten: Nur weiße Deutsche, nicht behindert oder schwul dürfen sich vor Mahnmalen aufstellen...Vielleicht sollte der Slogan der Kampagne aber geändert werden, damit es auch der Letzte versteht:Du bist Merkel!Denn wenn es Frau Merkel schaffen kann, sollten wir es auch schaffen, denn du bist Merkel!P.S. Ebenfalls auffällig ist die durchweg negative Bewertung von Kommentaren, die der Ansicht des Artikels widersprechen. Aber keine Angst meine Damen und Herren Kritiker, andere Meinungen wird es immer wieder geben, egal wie sie bewertet werden!
  8. Werter Herr Jessen, Sie sind überflüssig. Diesen Eindruck muss jedenfalls der Leser Ihrer Glosse gewinnen. Was bitte sollen wir aus Ihrem provokativen Geschimpfe lernen? Wo soll uns Ihre Einstellung weiter bringen?Ich weiß zwar nicht, was die Kampagne "Du bist Deutschland" bewirkt. Aber eins weiß ich: Ihre Glosse darüber bewirkt im besten Falle rein gar nichts. Vermutlich sogar schlimmer: Er wirkt kontraproduktiv. Allenfalls der hier entbrannte Streit ist das Ergebnis Ihres Kommentars.Bestätigt fühlen dürfen sich bei Ihnen mal wieder all jene, die immer schon der Meinung waren: "Ich bin nicht schuld. Die Politik ist schuld, die Wirtschaft ist schuld, der Weltmarkt ist schuld, die Globalisierung ist schuld."Sicher sind all diese Rahmenbedingungen (sic!) mitverantwortlich an den herrschenden Problemen. Aber zum einen sind wir nach wie vor eine der stärksten Volkswirtschaften der Erde mit hervorragenden Lebens- und Arbeitsbedingungen. Ich wage zu behaupten: Der durchschnittliche deutsche Arbeitslose lebt besser als drei Viertel der Weltbevölkerung!Und zum anderen war Deutschland immer dann schwach, wenn in Pessimismus und Staatskritik gemacht wurde: Siehe als Paradebeispiel die Weimarer Republik. Stark dagegen war Deutschland immer dann, wenn der Bevölkerung Selbstvertrauen und Optimismus vermittelt werden konnte: Siehe die Zeit vor dem ersten Weltkrieg, siehe den Beginn des Nazi-Regimes und siehe den Wiederaufbau und das "Wirtschaftswunder" nach 1950.Immer dann, wenn die Deutschen an sich und die Zukunft glaubten und der Meinung waren "es geht aufwärts", immer dann waren sie wirtschaftlich am erfolgreichsten.Man unterschätze also niemals den Einfluss der Psychologie auf wirtschaftliche Prozesse! Wirtschaft wird von Menschen gemacht, und Menschen urteilen nicht nur rational, sondern großteils nach Gefühlen, Meinungen und Intuitionen. Bestes Beispiel: Die Börse.Im Übrigen bin ich ebenfalls überzeugt davon, dass es gebildeten und wohlhabenden Menschen leichter fällt, zu dieser Kampagne ja zu sagen. Das bedeutet aber im Umkehrschluß NICHT, dass nicht auch Arbeitslose und einfache Arbeiter mehr Mut und Eigeninitiative entwickeln können.In diesem Sinne: Machen Sie sich nicht mit so vielen Anhängern des pessimistischen Zeitgeists gemein und reden Sie alles schlecht. Vielleicht hilft die Kampagne nicht, wobei ich das kaum glaube, - aber SCHADEN kann sie wohl kaum. Zumindest bringt sie Leben in die Diskussion und bewegt vielleicht den einen oder anderen zum Nachdenken, der das bisher zu wenig getan hat.Glückauf!Michael Thomann
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  • Von Jens Jessen
  • Datum
  • Quelle (c) DIE ZEIT 06.10.2005 Nr.41
  • Kommentare 35
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