lebenszeichen Einzelgänger
Harald Martenstein entdeckt eine neue Generation
Bei Besuchen im Internet habe ich wiederholte Male festgestellt, dass ich auf einer Internet-Seite als »Theoretiker der Single-Generation« geführt werde. Dabei bin ich, streng genommen, gar kein Single. Dann habe ich nachgeschaut, welche anderen Autoren außer mir auch noch Theoretiker der Single-Generation sind. Es sind fast alle Autoren, die ich kenne. Sowohl lebende als auch tote. Unter anderem gehören Benjamin Lebert (Jahrgang 1982), Peter Handke (Jahrgang 1942) und Georges Simenon (Jahrgang 1903) dazu.
Da dachte ich: Das ist ja die Königin der Generationen. Die Single-Generation umfasst Menschen zwischen 23 und 102! Single zu sein geht eben immer, wie Kürbissuppe kochen oder SPD wählen. Es ist nicht so eine Schmalspurgeneration wie die Generation Golf, die Generation Berlin und dieses ganze andere Generationsgewusel, wo kein Mensch mehr den Überblick hat. Die Single-Partei wäre ein viel breiter gefächertes Projekt als die Grünen. Ich dachte: Wenn du tatsächlich ein führender Theoretiker der Single-Generation wirst, ist das wie die Lizenz zum Gelddrucken. Florian Illies wird kommen und fragen, ob ich ihm was leihen kann. Anschließend dachte ich, dass es eine Verwechslung sein muss; ich bin doch gar kein richtiger Theoretiker. Bloß weil man hin und wieder ein Semikolon verwendet, ist man doch noch lange kein Theoretiker.
Auf der Internet-Seite steht, dass Singles in unserer Gesellschaft diskriminiert werden. Das halte ich für übertrieben. In den Hotels bekommen Singles immer ein Zimmer für sich allein. Nichtsingles werden gezwungen, ihr Zimmer mit anderen Leuten zu teilen, mit denen sie sich dann meistens streiten. In meiner Generation hat man unter »Single« übrigens lange Zeit kleine Schallplatten verstanden, auf denen allerdings, was junge Menschen sicher überraschen wird, zwei Songs drauf waren und nicht bloß einer. Der Satz »Du, ich habe mir gestern eine neue Single besorgt, die ist total schön« deutete damals noch nicht auf eine sexuelle Eroberung hin.
Neulich habe ich mal wieder auf die Single-Seite geschaut und festgestellt, dass sie neuerdings zwischen »Autoren« und »Theoretikern« der Single-Generation differenzieren. Ein Theoretiker der Single-Generation ist Maxim Biller, eine Autorin der Single-Generation ist Hera Lind. Außerdem haben sie jetzt eine Liste »Singles in aller Welt«, auf der aus jedem Land der wichtigste Single-Theoretiker zu finden ist. Der Maxim Biller von Island heißt Hallgrimur Helgason. Vielleicht heißt »Hallgrimur Helgason« aber auch nur »Maxim Biller« auf Isländisch. In Kroatien dagegen wird der Single-Diskurs von Rajuna Jeger beherrscht. Rajuna hat einen Roman über ihren Exfreund geschrieben, der Darkroom heißt. Der Titel soll eine Metapher für das sein, was in dem Gehirn ihres Exfreundes vor sich geht.
Eine andere Liste nennt die »Songs der Single-Generation«, quasi die Singles der Singles, es beginnt mit Sound of Silence von Simon and Garfunkel. Diese Single habe ich mal besessen. Trotzdem musste ich feststellen, dass ich aus der Liste der »Theoretiker der Single-Generation« gestrichen bin. Peter Handke ist noch drin. Das finde ich nicht gut.
- Datum 06.10.2005 - 14:00 Uhr
- Serie Lebenszeichen
- Quelle (c) DIE ZEIT 06.10.2005 Nr.41
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