Traum Ich habe einen Traum
Jörg Immendorff, 60, ist einer der bekanntesten deutschen Maler. Er studierte bei Joseph Beuys und arbeitete zwölf Jahre lang als Kunsterzieher an einer Hauptschule. Zu seinen Werken zählt der Bilderzyklus »Café Deutschland« (1977 bis 1983), in dem er seine Vision einer Wiedervereinigung darstellte. Seit sieben Jahren leidet Immendorff an einer Variante der unheilbaren Nervenkrankheit ALS. An der Berliner Charité fördert er die . Er träumt davon, die Zeit und die Angst zu besiegen
Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich davon träume, meine Hand wieder voll bewegen zu können, sie ganz nach meinem Willen einzusetzen. Ich habe in letzter Zeit versucht, meine Krankheit in den Griff zu bekommen, indem ich mir vorstelle, mit jedem neuen Bild, das ich male, nicht etwa Zeit zu verlieren oder kostbare Energien abzugeben, sondern im Gegenteil: Zeit zu gewinnen. Jedes neue Bild schenkt mir einen Tag. So kann ich mein Bewusstsein speisen. Dahinter steht eine Vorstellung von Spontanheilung. Man malt oder denkt sich etwas möglich.
Die Handschrift des Malers ist letztlich immer eine geistige, die weiter reicht als die Hand und der Pinsel selber. Ich unterstelle jedem guten Künstler, dass er vernetzt ist mit vielen großen Dingen. Das Männeken, das ich 1985 in Electric Painting gemalt habe, besteht nur noch aus elektrischen Bündeln. Daniel Düsentrieb war mir immer sympathisch, doch der Mensch, der aus sich selbst heraus glüht, ist nicht nur im Comic möglich. Der Künstler lädt sich auf, indem er immer wieder zum Beobachter wird. So wie auch der Betrachter ein Teil dieser Batterie ist, sich selbst mit einbringen muss, damit zwischen Werk und Betrachter etwas passiert. So gesehen gibt es in der Kunst keine Konsumenten, nur Aktivisten.
Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie verquer und »einfach« alles war, als ich anfing, Kunst zu studieren. Die Kunst hat mich im wahrsten Sinne ummantelt. Ich war schlaksig, absolut penetrant, zugleich unzuverlässig, labil, völlig unbrauchbar für das praktische Leben. Und plötzlich rutschte ich in dieses Professionelle hinein, häufte eine Reihe von Erfahrungen an, malerisch und philosophisch, begann mich zu vergleichen, war drin im System. Da begannen dann die unangenehmen Träume, weil man irgendwem gefallen wollte. In dem Wissen, dass das Gefallenwollen eigentlich nichts mit einem selbst zu tun hat, redete ich mir ein, ich zielte auf eine wichtige Gruppe, rutschte so noch tiefer hinein, bastelte am eigenen Ich herum wie an einem Auto, nahm das falsche Benzin. Und stellte plötzlich fest, dass mir der Grund, warum ich mich eigentlich mochte, unterwegs abhanden gekommen war.
Ich will mir die Krankheit nicht schönreden. Die Unfähigkeit, mich eigenständig zu bewegen, die Abhängigkeit von anderen ertrage ich nur schwer. Es nervt mich extrem, andere immerzu bemühen zu müssen. Ich habe immer auf meine Unabhängigkeit gepocht, es genossen, Dinge völlig eigenständig zu machen. Andererseits hat meine Krankheit dazu geführt, dass ich mir heute näher bin, als ich es je war. Ich bin konzentrierter im Denken geworden. Auch, weil nichts mehr schnell geht.
Auf den Gedanken an mein Ende laufe ich zu. Ich gehe nach draußen und verkünde den Kampf gegen die Zeit. Es ist ein Kampf, in dem ich mich vehement gegen eine Rezeption wehre, die ständig die Krankheit in meiner Kunst sucht. In keiner Mona Lisa , keinem großen Bild der Welt kommt etwas derartig Individuell-Emotionales vor. Kein muskelgesunder Mann mit kräftigem Pinselduktus ist eine Gewähr für ein gutes Werk.
Neues Bild für neues Bild. Ich weiß nicht, was ich erwarte. Es heißt, wer die existenzielle Erfahrung einer lebensverkürzenden Krankheit macht, erlebe jeden Tag, als sei es sein letzter. Was für ein Quatsch! Ich bin muffelig, ich mache immer wieder die gleichen Fehler, obwohl ich mir am Abend vornehme, am nächsten Tag hier anders zu handeln, da noch gelassener zu werden.
- Datum 19.01.2007 - 03:14 Uhr
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- Serie Traum
- Quelle (c) DIE ZEIT 06.10.2005 Nr.41
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