Traum Ich habe einen TraumSeite 2/2

Ich arbeite fast nur noch, so viel wie nie zuvor in meinem Leben. Ich gehe so gut wie nicht mehr vor die Tür, brüte praktisch 24 Stunden am Tag über neuen Dingen. Diese Konzentration hätte ich gern schon früher gespürt. Heute frage ich mich: Was soll der ganze überflüssige Apparat, mit dem wir unser Leben beschweren? Wie organisiere ich mir eine andere Hierarchie? All die Floskeln und Worthülsen, die unsere Alltagswelt durchziehen – ich kann sie nicht mehr hören. Wie sich am Wahlabend alle wieder toll fanden! Für mich war das unerträglich. Anstatt zu konstatieren, dass das ganze System ad absurdum geführt wurde. Anstelle von, wie Bert Brecht das so schön formuliert hat, »das ZK entlässt das Volk« entlässt nun das Volk das ZK. In so einer Situation sind wir angekommen. Die Leute haben gar nicht mehr das Gefühl, dass sie der Souverän sind.

Das Schönste, was mir zurzeit im engeren Umfeld passieren kann, sind die Momente, in denen ich in die Augen meiner Frau gucke. Ich erspähe Blicke, die dieselben sind wie beim ersten Treffen. Ich bin baff und zugleich voller Gewissheit, warum ich sie so liebe. Bei meiner Tochter erlebe ich ähnliche Augenblicke. Sie guckt mich an und sagt mir, sie hätte einen dringenden Wunsch: Sie brauchte für ihre Babyborn-Puppe dringend dieses und jenes. Ihr Blick ist nicht unverschämt, sondern die reine Zuversicht, dass ich Babyborn-Sachen beschaffen kann. Der Vater wird’s schon richten. Damit ist der Fall für sie gebongt. Und während ich keinen blassen Schimmer habe, geht sie selbstgewiss zur nächsten Aktion über. Das ist doch etwas Wunderbares: ein Wunschtraum, mit dem man sich selber hypnotisiert. Ein Traum als Stimulanz. Die aparteste Form, von sich selbst einen Abstand zu gewinnen, ist dieses selbstvergessene Bewundern oder Bestaunen von etwas Schönem. Auch das kann in der Familie der eine für den anderen sein, auch so können familiäre Energien ausgetauscht werden. Ich sage das, ohne meiner Tochter zu nahe treten zu wollen. Denn sie ist nicht auf der Welt, um mir einen Dauergefallen oder einen Dauerspaß zu liefern. Familie ist doch auch etwas sehr Abstraktes. Wie andere enge Bindungen oder Freundschaften schafft sie große Nähe und bleibt doch eine Ansammlung aus Einzelwesen. Wirkliches Verschmelzen, geht das überhaupt?

Meine Nachtträume sind Antennen, die Blitze suchen, um von ihrer Energie getroffen zu werden. Sie sind Teil des Wechselspiels aus Energie aufnehmen und Energie abgeben. Oft träume ich, ich stehe in unruhigem Wasser. Das Wasser klärt sich. Es ist graugrün, dann durchsichtig. Ich sehe Fische und verliere die Angst. Wie oft hatte ich nachts, im Halbschlaf, tolle Ideen und dachte mir, vergiss das bloß nicht. Und immer waren sie morgens wieder weg. Aber wenn Träume so einfach wären, in ständiger Bereitschaft, bis in jeden letzten Winkel enttarnt und ausgedeutet zu werden, dann wären sie keine Träume. Und es gäbe keine neuen Träume mehr.

Aufgezeichnet von Andrea Thilo

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service