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Sie kann nicht anders

Angela Merkel muss eine Koalition der Versehrten führen. Was soll sie auch sonst tun?

Welch ein Bündnis! Hier eine Kandidatin, die, schwer geschlagen und wenig beliebt, kurz vor dem politischen Aus stand und sich nun mit letzter Kraft ins Kanzleramt rettet. Dort eine Partei, müde und matt nach sieben aufreibenden Jahren, die verzweifelt nach einem neuen Anfang sucht. Und zunächst nicht einmal einen Vizekanzler findet. Keine Frage, es sind zwei Versehrte, die da in Berlin einander die Hände reichen, um künftig Großes für Deutschland zu erreichen.

Kann das gelingen? Die Formation dieser Großen Koalition erinnert an die deutsche Nationalelf auf ihrem Weg zur Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land: Je konkreter die Aufstellung wird, desto nüchterner erscheint die Perspektive. Ulla Schmidt, Heidemarie Wieczorek-Zeul, vielleicht sogar Hans Eichel – vor allem der sozialdemokratische Teil der Mannschaft lässt bislang Wünsche offen.

Dennoch: Es gibt für Union und SPD kein Zurück mehr. Die Mehrheit der Wähler hat zwar am 18. September nicht ausdrücklich für eine Große Koalition gestimmt. Aber nun wird von den beiden Volksparteien erwartet, dass sie sich gemeinsam ins Zeug legen. Die Festlegung auf Angela Merkel als Doch-noch-Kanzlerin und die vorweggenommene Verteilung der Kabinettsposten haben das Bündnis de facto besiegelt, bevor die Koalitionsverhandlungen offiziell begonnen haben.

Union und SPD stehen dabei in den kommenden Wochen und Monaten vor einer doppelten Herausforderung: Sie müssen die Modernisierung des Landes, die in den vergangenen Jahren mit kleinen Schritten begonnen wurde, mit größeren Schritten fortsetzen. Und sie müssen, damit das gelingt, eine neue politische Umgangsform finden – jenseits der hohlen Rituale, die den Verdruss an der Politik mindestens so sehr befördert haben wie die anhaltend hohen Arbeitslosenzahlen.

Haushaltssanierung, Subventionsabbau, Steuervereinfachung, Investitionen in Forschung und Bildung, die Förderung von Familien, die Reform der Pflegeversicherung und des Föderalismus: Die inhaltlichen Aufgaben, vor denen eine Große Koalition steht, sind hinreichend beschrieben. Die Zuversicht von Union und SPD, dass man sich auf ein gemeinsames Regierungsprogramm einigen kann, ist offensichtlich groß. Sonst hätten sich die Partner in spe kaum darauf einlassen dürfen, bereits die Posten im Kabinett zu verteilen.

Doch der Grat zwischen notwendigen Kompromissen und faulen Verabredungen ist schmal, das zeigen die wenigen Festlegungen, die bislang bekannt sind. Dass die Union auf ihre Forderung nach einer weitergehenden Öffnung der Tarifverträge verzichtet, ist vernünftig. Längst garantieren die bestehenden Regeln ein ausreichendes Maß an Flexibilität. Dass SPD und CSU dagegen den Erhalt der Steuerfreiheit für Nacht- und Feiertagszuschläge durchgesetzt haben, bevor eine einzige Steuervergünstigung abgeschafft worden ist, dämpft die Hoffnung auf einen nennenswerten Subventionsabbau erheblich.

Helmut Schmidt, damals Fraktionsvorsitzender der SPD im Bundestag, hat das Wesen der ersten Großen Koalition vor fast vierzig Jahren so beschrieben: »Kompromiss in einer Koalition bedeutet die möglichst gleichmäßige Verteilung von Unzufriedenheit auf beiden Seiten.« Kein schlechtes Motto für Merkel&Müntefering. Denn größer als die inhaltlichen Differenzen ist ohnehin der mentale Graben zwischen Union und SPD.

Ein eigentümlicher Widerspruch prägt die politische Wirklichkeit in Deutschland. Auf der einen Seite zwingen der Föderalismus und das Verhältniswahlrecht die Parteien vielfach zur Kooperation. Auf der anderen Seite herrscht ein Lagerdenken, das Unvereinbarkeiten unterstellt. Gegensätze werden seit jeher groß, Gemeinsamkeiten klein geschrieben. Persönliche Abneigungen werden in das Gewand weltanschaulicher Differenzen gekleidet. Dass die Wähler ihre Entscheidungen meist nach anderen, viel nüchterneren Kriterien treffen, wird wider besseres Wissen ignoriert.

Der zurückliegende Wahlkampf und die anschließenden Nachbeben lieferten hierfür ein eindrucksvolles Beispiel. Mag sein, dass die SPD mit ihrem Beharren auf dem Führungsanspruch Gerhard Schröders den Preis für die Verhandlungen mit der Union erfolgreich in die Höhe getrieben hat. Acht Ministerien! Ein Unentschieden am Kabinettstisch! Die fortgesetzte Verteufelung Angela Merkels als kaltherzige Agentin des Kapitals war dagegen wenig hilfreich. Zähneknirschend muss SPD-Chef Müntefering den eigenen Leuten nun erklären, warum sie die ungeliebte CDU-Frau dennoch zur Kanzlerin befördern sollen. Als ob es 1966 für Sozialdemokraten einfacher gewesen wäre, das frühere NSDAP-Mitglied Kurt Georg Kiesinger zu wählen.

Es stimmt, der Wahlausgang vom 18. September markiert eine Zäsur für unser parlamentarisches System. Unübersichtlicher sind die Verhältnisse geworden, offener. Vielleicht auch: realistischer. Vor der Wahl, als die Union noch fest auf eine Koalition mit der FDP hoffte, erklärte mancher Christdemokrat, dieses Bündnis sei die letzte Chance für die in Misskredit geratene Parteiendemokratie. Wenn wir scheitern, sollte das heißen, werden sich die Wähler endgültig abwenden. Das war ein bisschen übertrieben. Aber die Verpflichtung, die darin zum Ausdruck kam, war gar nicht falsch. Sie gilt erst recht für eine Große Koalition. Seit mehr als einem Jahrzehnt belauern sich Union und SPD missgünstig auf dem Weg zur Modernisierung des Landes. Nun stehen sie gemeinsam und vor aller Augen in der Pflicht.

Eine Große Koalition wird nur erfolgreich sein, wenn Union und SPD den neuen Verhältnissen Rechnung tragen. Das heißt auch: wenn sich die Parteien selbst zurücknehmen. Darin liegt zugleich die große Chance dieser Konstellation. Ein Kabinett der Besten, in dem die Qualifikation entscheidet, nicht der Geschlechter-, Regional- oder Rechts-links-Proporz, wäre ein Anfang. Immerhin, mit Wolfgang Schäuble und Edmund Stoiber sowie Ursula von der Leyen und Annette Schavan hat die Union offensichtlich eine attraktive Mischung aus bewährten Alten und qualifizierten Neuen gefunden. Die SPD darf nachziehen.

Und weil das Träumen manchmal hilft, gleich noch ein zweiter Vorschlag: Wie wäre es, Union und SPD würden sich darauf verständigen, zu regieren und dabei erst einmal alle Landtagswahltermine zu ignorieren. Mancher Ministerpräsident wird das nicht gern hören. Aber dem Land würde es nutzen. Länger als zwei, höchstens drei Jahre wird eine Große Koalition ohnehin nicht friedlich beieinander bleiben. Aber die Zeit bis dahin muss genutzt werden.

Sie wolle »Deutschland dienen«, hat Angela Merkel gesagt, als sie sich um das Amt der Bundeskanzlerin bewarb. Für Sozialdemokraten gelte der Satz: Erst das Land, dann die Partei, wiederholte unlängst der frühere Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Peer Steinbrück, auch er ein guter Kandidat für das gemeinsame Kabinett. Etwas Pathos darf sein: Man wird die beiden bald gern beim Wort nehmen.

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Leser-Kommentare

  1. Anstatt nur immer wieder die Haare in der Suppe zu sehen, wäre es die Aufgabe der Öffentlichkeit (und noch zähle ich die Presse dazu), die Chancen dieser Regierung herauszustellen und dadurch zu fördern:

    Diese große Koalition bietet die historisch einmalige Möglichkeit, eine Föderalismusreform durchzuführen, die diesen Namen verdient, und damit das Land für die kommenden Jahrzehnte wieder regierbar zu machen. Das ist in diesem Moment wichtiger als jede Steuer- Renten- und sonstige Reform, liegt doch genau in der Kleinstaaterei und dem Querulantentum irgendwelcher Provinzfürsten der Grund, warum Deutschland immer unbeweglicher wird. Das Zeitfenster für diese Reform ist voraussichtlich klein, und es sollte schnellstmöglich genutzt werden.

    Danach kann dann meinetwegen "durchregiert" werden, von wem auch immer.

    Dr. G. Vollweiler

  2. Es gab eine Zeit, in der ich die "Zeit" sehr schätzte. Leider scheint diese "Zeit" Vergangenheit zu sein.

    Wann werden manche Autoren der "Zeit" begreifen, dass die Zeit des schwarz-gelben Reformexpresses vorbei ist? Ich wiederhole: sie ist vorbei. Es wird keine neokonservativen Visionen geben. Der Souverän wollte sie nicht!

    Auf jetzt, und lasst uns gemeinsam Deutschland wieder auf die Beine stellen. Es ist Zeit.

  3. Deutschland steht vor großen wirtschaftlichen Problemen mit
    einer Tragweite die man zum jetzigen Zeitpunkt gar nicht absehen kann. Der Handlungsbedarf für die Politik ist heute größer denn je. Da nützt es keinem, weder den Politikern noch dem Volk, in einem parteipolitischen Gerangel keine oder nur "Light" Reformen durchzubringen. Das ist, meines Erachtens bei der bevorstehenden Koalition zu befürchten.

  4. Wenn sich alle schnell auf ihre Irrtümer besinnen und die "Frühverrentung" als Spitzenpolitiker hinten anstellen, dann wird die "M&M"-Koalition viel langsamer vor den Herausforderungen der Zeit dahinschmelzen, als derzeit noch auf der Hand zu liegen scheint.

    Zunächst sollte sich Angela Merkel aber schnell von dem Schock erholen, doch Kanzlerin werden zu sollen, denn es hieß immerhin lange Zeit, dass sich die Bundesrepublik in einer Zwangslage der absoluten Überschuldung befände, die keinem mehr Lust auf das Regieren bescheren könne.

    Die Bescherung, die wir also noch vor Weihnachten zur Kenntnis nehmen dürfen, wird mit ziemlicher Sicherheit darauf hinauslaufen, das "Regieren bedeutet, die Gier in ihre Schranken zu verweisen" (Zitat: Konstantin Schneider) und damit sind alle, alle, alle gemeint, einschließlich Michael Schumacher, Günter Jauch, Friedrich Merz, Hilmar Kopper..... damit geht den Neiddebatten auch endlich die Luft aus.

    Wenn also diese "Koalition der Verehrten" sich beim "Du bist Deutschland" an die eigene Nase faßt, dann könnte die vermeintliche "Lazarett-Situation" bei der Rekrutierung von Ministern, die sich ja nur deshalb so darstellt, weil der Verschleiss von "Langzeitwichtigtuern" nun endlich auch den erlauchten Massen bewußt wird, ganz schnell überwunden werden.

    Dass ein SPD-Einwechselspieler "Null Bock" auf Schäuble-Querpass und Stoiber-Stress hat, das dürfte angesichts der dürftigen Spielkultur dieser Herren doch wohl einleuchten.

    Konstantin Schneider, Berlin

  5. Man bemüht sich dem Schock des Wahl-Ergebnisses Rechnung zu tragen, es wird aber nicht gehen. Der beste Fußball-Spieler ist gegangen. Die Trainer beider Mannschaften bereiten die Strategie, für welches Spiel eigentlich? Wir sind jetzt mit Frau Merkel in der dritten Liga, Gute Nacht Deutschland.
    Danke Gerhard, wir vermissen Dich!!!

  6. Frau Dr. Merkel wird noch zu spüren bekommen, welchen Preis sie bezahlt hat und noch bezahlen muss, um Kanzlerin zu werden. Darin und nicht nur darin sind sich Stoiber und Müntefering verräterisch einig.
    Fragt sich nur noch, wann Platzeck sich von seinem Schwur für Brandenburg entbunden fühlt: In drei Jahren, wenn die Großkoalitionäre ohnehin allmählich auseinanderrücken, um den Wahlkampf 2009 einzuleiten, oder doch schon früher, um dem persönlichen Aufbau des Kandidaten mehr Schubkraft zu verleihen.
    Wäre uns allen wirklich zu wünschen, wenn bis dahin für die Menschen in unserem Land gute Regierungsarbeit geleistet würde, und nicht nur das Ego der Repräsentanten gestreichelt, oder Balsam auf Parteiwunden verteilt würde.

    • 13.10.2005 um 17:23 Uhr
    • rawe64

    Die Überschrift "Koalition der Versehrten" ist absolut geschmacklos. Was würde wohl W.Schäuble durch den Kopf gehen, würde er ihn denn lesen.

    Welch ein oberflächlicher, banaler Artikel!

  7. Nichts Gutes ist zu erwarten, sollte die CDU sich für die "Vorzeige-Mutti" Ursula von der Leyen als Familienministerin entscheiden. Wer sie in Interviews erlebt hat, weiß: Aktive Familienpolitik für diejenigen Familien, die darauf angewiesen sind, fällt dann aus. Keine weitere Förderung der Ganztagsschulen. Kein Ausbau von Vorschul-Betreuungseinrichtungen. Es droht in diesem Fall die reine Verwaltung des Status Quo. Bitte nicht schon wieder diesen Rückfall in alte Ideologie-Gräben! Bildungschancen für alle heißt, sie durch Krippen- und Vorschul-Platzgarantie auch in "bildungsferne Schichten" zu tragen, und diese sind leider bei uns recht umfangreich.

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