Das Glück wohnt nicht in Pakistan. Nicht heute, da Zehntausende Menschen einem Erdbeben zum Opfer gefallen sind, und gestern oder vorgestern wohnte es auch nicht hier. Genau genommen, macht das Glück einen weiten Bogen um diesen Staat, der 1947 entstanden ist. BILD

Die Trauer allerdings hat in Pakistan eine bleibende Heimstatt. Die Geburt des Landes kostete Hunderttausende das Leben. In den Jahrzehnten danach führte Pakistan drei verlustreiche Kriege mit dem Nachbarn Indien. Es verlor einen großen Teil seines Staatsgebietes, das heutige Bangladesch. Alles, was uns im Westen gegenwärtig Angst macht, findet sich in Pakistan: Fundamentalismus, Terrorismus, Atombomben. Als hätte Gott einen Ort erschaffen, in dem er die modernen Schrecknisse versammelt, um sie vielleicht eines Tages auf den Rest der Welt loszulassen.

Das beunruhigend Beruhigende an alldem ist, dass das Unglück Pakistans von Menschenhand gemacht ist – auch ein guter Teil des Leides, welches das Beben gebracht hat. »Baut doch so erdbebensicher wie die Japaner. Euch wäre nicht viel passiert!« Dieser Zuruf ist richtig, aber zugleich wohlfeil und besserwisserisch. Die Pakistaner sind darüber unterrichtet, dass man in Japan erdbebensicherer baut. Auch, dass man es den Japanern nachmachen sollte, ist ihnen bekannt. Aber leider können sie sich das nicht leisten. BILD

Die Pakistaner wissen aber auch, dass der Westen sich für ihr Land erst interessierte, als dort eine Gefahr heranwuchs.

»Pakistan? Wo liegt das? Ach ja, irgendwo da unten…« So ähnlich wohl lautete die Antwort vieler, die vor dem 11. September 2001 nach dem Land gefragt wurden. Erst seit den Anschlägen in den USA ist Pakistan auf unserer Landkarte erschienen. Denn nichts fürchten wir mehr als radikale Islamisten, die am Atombombenknopf sitzen. Das ist unser pakistanischer Albtraum. BILD

Dabei verdrängen wir, dass in erster Linie nicht wir uns vor Pakistan fürchten müssen, sondern die Pakistaner selbst. Seit Jahrzehnten, jeden einzelnen Tag, leben sie unter der Knute einer machtversessenen Kaste. An ihrer Spitze stehen die Generäle, es folgen die Mullahs und die Feudalherren. Kaum einer hatte je echtes Interesse daran, dem pakistanischen Volk zu Bildung, Arbeit und Wohlstand zu verhelfen.

Die Menschen in Kaschmir, die von dem Erdbeben am härtesten getroffen sind, können davon ein Lied singen. Zwischen den verfeindeten Nachbarn Pakistan und Indien sind sie Verschiebemasse geblieben. Kaschmir führten die Herren immer im Munde, aber die Kaschmiris sind nie zu wirklichen Bürgern geworden – und jetzt liegen sie zu Tausenden unter Trümmern begraben.

Dabei hatte alles so hoffnungsfroh begonnen. »Säkular, demokratisch, freundlich gegenüber Indien« – mit diesen Worten beschrieb Staatsgründer Ali Jinnah die Zukunft Pakistans. Ein moderater islamischer Staat wie die Türkei war das Ziel. Herausgekommen ist ein Militärregime, das nicht allzu hässlich ist, aber dafür ziemlich unfähig. Und das ist fast schlimmer.