Neues Festnetz

Wer dieser Tage durch deutsche Großstädte flaniert, kann an zentralen Straßenecken kostenlose Zeitreisen erleben. Etwa an der Friedrichstraße in Berlin-Mitte: Auf einer kleinen Baustelle, umringt von rot-weißem Absperrband, ragen aus locker angehäuften Pflastersteinen drei nagelneue Telefonzellen empor.

Das sind schon mal drei neue Telefonzellen mehr, als man sich im Zeitalter des Mobilfunks überhaupt vorstellen konnte. Doch damit nicht genug: Die Telekom will bis Ende nächsten Jahres in ganz Deutschland 10 000 Stück davon aufstellen.

Wir reden hier von Münzfernsprechapparaten. Jüngere Leute mögen sich diese Errungenschaft des 19. Jahrhunderts vorstellen als eine Art Riesen-Handy, das an einer Stahlsäule festgeschweißt ist, die wiederum unverrückbar im Bürgersteig verankert ist, mit einem Glasdach obendrauf.

Jede dieser Baustellen ist ein Angriff auf den gesunden Menschenverstand.

Denn für den steht seit Jahren fest: Wenn alle ein Handy haben, kann man diese ganzen alten Telefonzellen bald verschrotten. Die Telekom selbst warb schon 2000 mit der Drohung Wer kein Handy hat, muss in die Zelle und baute mit derselben Zellenverachtung seit 1992 rund 50 000 Telefonhäuschen ab.

Allenthalben erschienen mehr oder weniger sentimentale Nachrufe, die noch einmal heraufbeschworen, was die gute alte Zelle so an sinnlichen Eindrücken hergab: die stechenden Gerüche aus Bier, Urin und dem kalten Qualm des Vorredners, das eilige Liebesgeflüster unter dem lauter werdenden Pochen der draußen Wartenden, die Erfahrung von Endlichkeit, wenn in der digitalen Anzeige des Restguthabens die 0.00 aufblinkte. Ach, war das alles schön schrecklich.