Dem Sarg folgen ein Arzt und ein junges Mädchen. Dazu ein paar englische Landsleute und einige Kapitäne, deren Schiffe zufällig am Ort des Geschehens, in Calais, vor Anker liegen. Es ist der 21. Januar 1815. Die Fremde, die man dort so still zu Grabe trägt, ist keine Unbekannte. Sie gehörte zu den berühmtesten, begehrtesten Menschen der Epoche. Nicht nur Lord Nelson, der Held von Trafalgar, der fast auf die Woche genau neun Jahre zuvor in Londons St. Pauls-Kathedrale feierlich bestattet worden war, hatte sie angebetet. Maler aus ganz Europa porträtierten sie, Dichter besangen ihre Schönheit. Die junge Emma, wie der englische Maler
George Romney (1734–1802) sie sah BILD

Und doch war das ärmliche Begräbnis der Emma Hamilton in Calais auch so etwas wie eine späte Heimkehr in jene Sphäre, in der ihre beispiellose Karriere einst begonnen hatte. Denn Lady Hamilton entstammte keineswegs der Klasse, in der sie den größten, glanzvollen Teil ihres Lebens verbrachte.

Als Tochter des Dorfschmieds Henry Lyon wurde sie geboren, am 26. April 1765 in Chester, in der Grafschaft Cheshire. Der Vater starb kurz nach ihrer Geburt, die Mutter zog mit dem Kind zu ihren Eltern nach Hawarden. Als ambulante Kohlenhändlerin verdiente sie sich den Unterhalt.

Das Leben der Emma Lyon scheint vorgezeichnet. 14Jahre alt, tritt sie ihre erste Stelle als Kindermädchen in einer Arztfamilie an. Dort lernt sie lesen und schreiben. Gemeinsam mit der Mutter geht sie bald darauf nach London, wo beide als Dienstmädchen arbeiten. Um 1780 ist Emma angestellt im Haushalt des Besitzers des Drury Lane Theatre – natürlich will sie jetzt Schauspielerin werden.

Doch die nächste Station ist trist. Sie wird Zofe in einem Edelbordell; dort soll sie auch ihrem ersten Liebhaber begegnet sein, einem Marineoffizier. Dann finden wir sie in einem merkwürdigen Etablissement wieder, im "Tempel des Äskulap" oder "Tempel des Hymen" des selbst ernannten Sex-Therapeuten James Graham. Der Schotte verspricht, Impotenz heilen zu können, und bietet in seinem luxuriösen Haus neben harmlosen Moorbädern allerlei hypnotische und "elektrische" Behandlungen an. Zudem gibt es für unfruchtbare Ehepaare ein besonders anregendes "himmlisches Bett", aphrodisisch parfümiert und auf Kristallfüßen ruhend, 50 Guineen die Nacht.

Die Attraktion des Hauses aber sind die "Göttin Hygieia", die Göttin der Gesundheit, und ihre Gehilfinnen. Eine davon ist Emma. Bekleidet nur mit einem Gazeschleier, zeigt die junge Schönheit ihren Körper in antikischen Posen, die ihre therapeutische Wirkung auf Doktor Grahams männliche Patienten nicht verfehlen.

Emma findet Gefallen an diesen Auftritten, an diesen "Attitüden", wie sie genannt werden. Im Laufe ihres Lebens entwickelt sie die pantomimische Kunst des "lebenden Bildes" zur Vollkommenheit. So bezaubert sie später in Neapel ihre Gäste als Medea, Iphigenie, als Ariadne und Niobe. Auch Goethe ist hingerissen: "Man schaut, was so viele tausend Künstler gerne geleistet hätten, hier ganz fertig in Bewegung und überraschender Abwechslung. Stehend, kniend, sitzend, liegend, ernst, traurig, neckisch, ausschweifend, bußfertig, lockend, drohend, ängstlich etc., eins folgt aufs andere und aus dem andern. Sie weiß zu jedem Ausdruck die Falten des Schleiers zu wählen, zu wechseln, und macht sich hundert Arten von Kopfputz mit denselben Tüchern."

Früh schon zieht Emma die Künstler an. In jenem Londoner Tempel des Erotologen Graham lernt der Maler George Romney sie kennen und glaubt, in ihr sein ideales Modell gefunden zu haben. Von 1782 an entsteht Porträt um Porträt, ein wahrer Schaffensrausch überwältigt den 50-jährigen Meister: Emma als Circe, Kassandra, Kalypso, als Heilige Cäcilie, Maria Magdalena und Johanna von Orléans. Romney schmachtet sie an, sie ist seine "divine lady", die Beziehung bleibt platonisch.

Wesentlich irdischer gestaltet sich die Leidenschaft von Sir Harry Fetherstonehaugh. 1781 nimmt er die 16-Jährige mit auf seinen Landsitz nach Sussex. Emma führt dort ein buntes Leben. Mit frühem Selbstbewusstsein und voller Lebenslust entfaltet sie all ihre Kunst und all ihren Charme, zeigt, bei prachtvollen Diners, ihre "Attitüden", singt und tanzt nackt auf dem Tisch. Sir Harry führt sie vor – er ist stolz, alle beneiden ihn um diese temperamentvolle Schönheit. Doch dann hat er genug. Das hübsche Spielzeug beginnt ihn zu langweilen, und als Emma ihm gesteht, schwanger zu sein, speist er sie mit einem Almosen ab und weist sie aus dem Haus.