Eine populäre These dieser Tage lautet: Europa ist schuld daran, dass Afrikaner an spanischen Zäunen sterben. Die Europäer morden gleich mehrfach. Sie schießen nicht nur auf Flüchtlinge, wenn die in ihre Wohlstandsfestung drängen. Schlimmer noch, sie treiben sie überhaupt erst ins Elend und damit auf die gefährliche Wanderschaft. Und weiter heißt es: Europas Handelspolitik zerstört die Existenz der Menschen, schließlich verscherbelt die EU Nahrung zu Dumpingpreisen auf afrikanischen Märkten, vernichtet so die Existenz der Bauern, treibt ganze Landstriche in den Ruin und zwingt die Menschen zur Flucht. Am Ende lässt Europas restriktive Einwanderungspolitik den armen Menschen keine andere Wahl, als die Stacheldrähte von Melilla und Ceuta zu stürmen – und vielleicht dort zu sterben.

Die Gegenthese, ebenso platt und nicht minder plakativ, verortet die Schuld allein in Afrika. Danach treiben unfähige Regierungen, korrupte Politiker, faule Eliten, marodierende Mörderbanden, Seuchen und Naturkatastrophen die jungen und starken Menschen ins Ausland. Schlepperbanden öffnen ihnen verbotene Wege, zurück bleiben schwache, ausgemergelte Gesellschaften, oft gepeinigt von alten Despoten, unfähig zu Reformen. Afrika, lautet diese These, begeht Selbstmord.

Falsch sind beide Behauptungen – und doch steckt in ihnen ein richtiger Kern. Afrikas Elend und das Schicksal der Flüchtlinge haben viele Gründe und viele Schuldige, sowohl in Europa als auch in Afrika. Genau das macht die Situation so kompliziert – und fast unlösbar. In vielen Ländern Afrikas (nicht in allen!) herrschen tatsächlich korrupte Eliten, toben Bürgerkriege zwischen verfeindeten Clans und Söldnertruppen. Viele Landstriche können die wachsende Bevölkerung nicht mehr ernähren. Kein Wunder also, dass Familien ihre Söhne in der Hoffnung auf ein bisschen Geld für die Zurückgebliebenen in die Tomatenfelder Spaniens schicken. Wo Gesellschaften versagen, wandern die Starken aus.

Das spricht Europa nicht frei. Denn mit unserer Wirtschaftspolitik verschlimmern wir die elende Situation. Gerade in diesen Tagen zeigt sich das in den Brüsseler Sitzungssälen der EU beispielhaft. Wie die Union dort auf Druck der Welthandelsorganisation ihre Zuckerberge abbauen und die überkommene Marktordnung reformieren will und dabei die Sorgen der Afrikaner einfach überhört, ist gespenstisch. Da plant die EU Entschädigung für ihre Bauern, wenn die künftig weniger Zucker billiger produzieren müssen. Die Afrikaner aber sollen den Verfall der Garantiepreise, an die auch sie sich gewöhnt haben, fast ohne Hilfe bewältigen. So sieht es derzeit zumindest das EU-Parlament vor, und viele EU-Regierungen wollen die Reform im November so beschließen. Dass dann das Elend in manchen Ländern Afrikas quasi über Nacht explodieren wird, findet in Brüssel bislang kaum Gehör. Und wer protestiert?

Das ist nur ein Beispiel, es gibt davon leider viele. Europa fischt die Meere Senegals und Guineas leer und überweist den Regierungen dafür ein Handgeld. Wir in Europa verbauen mit allerlei Tricks anderen den Zugang zu unseren Märkten, gerade hat die Weltbank das wieder belegt. Wir überschwemmen Afrikas Märkte mit subventionierten Billiglebensmitteln, der streitbare Aktivist Jean Ziegler beschreibt drastisch, wie in Dakar europäisches Obst zu einem Drittel des afrikanischen Preises verkauft wird. Doch unsere Ignoranz beschränkt sich bei weitem nicht aufs Ökonomische: Wenn Afrikaner unter ihren Diktatoren leiden, schaut Europa immer noch gern weg. Zugleich schotten wir uns ab und lassen den Menschen keine Chance, ihrem Elend legal durch Auswanderung zu entgehen. Die Europäer hatten in vergangenen Jahrhunderten größere Möglichkeiten und machten sich auf den Weg nach Amerika.

Sicher, Europa kann nicht alle Beladenen dieser Erde aufnehmen. Sicher wird es auch keine schnelle Lösung für die Probleme unseres benachbarten Kontinents geben – immerhin erkennt die Afrika-Strategie, die EU-Kommissar Louis Michel dieser Tage vorstellt, das an und präsentiert eine Reihe sinnvoller regionaler Projekte. Doch das reicht nicht. Eine faire Zuckermarktreform im November, ein bisschen besserer Wille bei der Agrarpolitik, echte Zugeständnisse bei der Welthandelsrunde in Hongkong und eine gemeinsame europäische Einwanderungspolitik, die sich um mehr als nur Abschiebelager im In- und Ausland kümmert, müssen hinzukommen. Der Vorwurf der Beihilfe zum Elend lässt sich sonst nicht entkräften. Petra Pinzler