War was? Tagelang hatten sich die Berichte über den Versuch eines Putsches gegen den Aufsichtsratschef von Volkswagen, Ferdinand Piëch, überschlagen. Christian Wulff betrieb als Vertreter des Landes Niedersachsen, des bislang größten Anteilseigners, die Ablösung von Piëch, weil dieser nach dem Einstieg von Porsche bei VW kollidierende Interessen habe. Piëchs Familie zählt zu den Eigentümern von Porsche und Piëch zu den Aufsichtsratsmitgliedern beim Zuffenhausener Sportwagenhersteller. Nach einer Sondersitzung des VW-Kontrollgremiums am Montag war die Aufregung vorbei: Gut, der Vorstand von VW soll einen Grundlagenvertrag für die Zusammenarbeit mit Porsche aushandeln, und die Personalie Piëch wurde "kontrovers diskutiert". Das war es dann aber auch schon.

Es gibt sicher bessere Beispiele als VW, um die Prinzipien guter Unternehmensführung, auch Corporate Governance genannt, zu diskutieren. Zu speziell ist der Fall des Wolfsburger Autobauers. Und ja, Christian Wulff ist als Ministerpräsident auch nicht gerade unabhängig und in der Not eher Vertreter der Interessen Niedersachsens als der Interessen der anderen Kapitaleigner. Auch die als Putschpartner gehandelten Aufsichtsratsmitglieder Heinrich v. Pierer und Gerhard Cromme haben als Aufsichtsratschefs der Konzerne Siemens respektive ThyssenKrupp – beides Zulieferer von VW – zwei Hüte gleichzeitig auf. Und schon vor Porsches Einstieg war Piëchs Doppelrolle fragwürdig, nur debattierte sie niemand.

All dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die Zweifel um den Enkel von Ferdinand Porsche mit der strategischen Beteiligung von Porsche eine neue Qualität bekommen haben. Dass Piëch mit unverbrämtem Stolz verkündet, es hätten schon einige vergeblich versucht ihn hinauszudrängen, macht die Situation noch unerträglicher. Die Sturheit, mit der er weiter an allen Ämtern festhält, offenbart jene Egozentrik, die ihm Kritiker schon lange nachsagen. Das Traurigste ist aber, dass Piëch nur das letzte in einer Reihe von Beispielen ist, die der deutschen Aufsichtsratspraxis anno 2005 ein blamables Zeugnis ausstellen.

Da ist zunächst Heinrich v. Pierer: Im Januar wechselte der langjährige Vorstandschef von Siemens direkt in den Sessel des Aufsichtsratschefs – als wäre dies die größte Selbstverständlichkeit der Welt und nicht etwa eine Praxis, die in Deutschland seit Jahren heftig kritisiert wird. Infineons oberster Aufpasser Max Dietrich Kley musste die Korruptionsaffäre beim Münchner Chiphersteller aufklären und machte ebenfalls keine gute Figur. Dann Hilmar Kopper: Auch nach dem krachenden, von Medien und Börse begrüßten Abgang Jürgen Schrempps als Chef von DaimlerChrysler sieht der Deutschbanker keinen Anlass, seinen Posten als Aufsichtsratschef des Autokonzerns vor dem Vertragsende 2007 zu räumen – obwohl vor allem er Schrempp über Jahre protegiert hatte und deshalb mitverantwortlich ist für die Stuttgarter Misere. Und bei der Allianz wurde im Verlauf der Neustrukturierung laut, dass Transaktionen in Milliardenhöhe faktisch von einem fünfköpfigen Ausschuss abgesegnet werden können und der restliche Aufsichtsrat auch bei zentralen Entscheidungen vor allem Tischvorlagen abnickt. Bei solchen Verhältnissen bleibt Kontrolle eine Schimäre – und dem Betrachter nur ungläubiges Kopfschütteln.

Natürlich gibt es auch Positives zu berichten. Experten der Corporate Governance erklären die Zeiten für passé, in denen ein Aufsichtsrat völlig zahnlos, unvorbereitet und unwillig war. Vielfach würden die Kontrolleure ihre Aufgaben ernster nehmen als früher. Es gibt Fälle wie den des ehemaligen MAN-Vorstandschefs Rudolf Rupprecht, der nur nach langem Zögern in den Aufsichtsrat wechselte und dann auch nur einfaches Mitglied wurde.

Spätestens der Wirbel um die Deutsche Börse im Frühjahr hat zudem gezeigt, dass die kuscheligen Zeiten der Deutschland AG vorbei sind. Gerade ausländische Investoren drängen darauf, dass die Interessen der Kapitaleigner nicht hinter den Fantasien einzelner Vorstände zurückstehen. Das ist im Einzelfall unbequem und mitunter ungerecht, im Grundsatz aber zu begrüßen.

Für Nachahmer geeignet ist der Schritt der Allianz, sich in eine europäische Aktiengesellschaft, eine so genannte Societas Europaea, umzuwandeln – ein Schritt, der dem Versicherungskonzern erlaubt, den obersten Aufsichtsrat zu verkleinern und für Vertreter europäischer Tochterfirmen zu öffnen. Beide Maßnahmen sind sinnvoll: Jeder von Meetings geplagte Arbeitnehmer weiß, dass Treffen mit 20 Teilnehmern – so groß sind nach den deutschen Bestimmungen die Aufsichtsräte deutscher Konzerne – inhaltliche Diskussionen kaum erlauben. Außerdem sollten globale Unternehmen nicht mehr von rein deutschen Aufsichtsräten überwacht werden. Dabei gehen zu viele wichtige Perspektiven verloren.