General Pervez Musharraf ist daran gewöhnt, Befehle zu geben. Selbstverständlich geht er auch davon aus, dass sie befolgt werden. Immerhin, er ist General und Präsident in einer Person, also unumschränkter Herrscher Pakistans. Als jedoch in diesen Tagen des Erdbebens zu sehen war, wie Musharraf, in Uniform gekleidet, auf einem freien Feld in ein Megafon hineinrief, irgendwelche Worte, die der Wind davontrug, wirkte der General wie ein entsetzter Offizier, der seine Leute noch einmal antreiben will, wohlwissend, dass die Niederlage längst schon eingetreten ist. Man hatte den Eindruck, dass keiner mehr da war, der seine Befehle hören konnte noch wollte. Zu niederschmetternd war die Katastrophe, die über Pakistan gekommen war. Blick auf die Stadt Balakot, Dienstag 11. Oktober 2005 BILD

Wer auch hätte zum Beispiel in Muzaffarabad die Befehle des Generals vernehmen können?

Die Hauptstadt des pakistanischen Teils von Kaschmir war nach dem verheerenden Beben vom Samstag in einen großen Friedhof verwandelt worden, einen Friedhof allerdings, aus dem Stimmen zu hören waren. "Hilf mir, um Himmels willen, zieh mich raus! Ich bin am Leben", diesen Schrei hörte ein Reporter der pakistanischen Tageszeitung Dawn, als er am Sonntag über die Trümmer der National Bank of Pakistan im Zentrum Muzaffarabads hinwegschritt. "Zieh mich raus! Zieh mich raus!" Der Verschüttete schrie immer verzweifelter. "Aber es ist schwierig", schrieb der Reporter in seinem Bericht, "einen Mann mit bloßen Händen aus einem eingestürzten, zweistöckigen Gebäude zu ziehen." Es gab keine Hilfe für den Mann in der National Bank of Pakistan, genauso wenig wie für Tausende andere. 11000 Menschen sollen allein in Muzaffarabad ums Leben gekommen sein, 80Prozent der gesamten Stadt sind zerstört. Pakistan hat mehr als 40000 Opfer zu beklagen. Das sind vorerst Schätzungen.

Tausende lebten jedenfalls noch, nachdem ihre Häuser über ihnen zusammengestürzt waren. Sie starben, weil niemand rechtzeitig zu Hilfe kommen konnte, niemand auch, der das geeignete Gerät gehabt hätte. Armeesprecher Shaukat Sultan sagte vier Tage nach dem Beben: "Tonnenweise Hilfsgüter sind in die betroffenen Gebiete gebracht worden. Aber dies ist eine Katastrophe enormen Ausmaßes. Wir haben Tausende Betroffene erreicht. Realität ist aber auch, dass wir Tausende in entlegenen Gegenden noch nicht erreicht haben."

General Musharraf hatte schon am Tag des Bebens erkannt, dass seine große Armee – immerhin rund eine halbe Million Soldaten – der Aufgabe nicht gewachsen war. Er bat um ausländische Hilfe. Sie kam schnell und zahlreich. Die "Bescheidenheit" des ansonsten recht nationalstolzen Generals Musharraf mag durchaus politischem Kalkül geschuldet sein. Er weiß sehr wohl, dass sich der Zorn des Volkes auf ihn richten könnte, wenn er die Krise nicht einigermaßen bewältigt. Da ist es besser, er verteilt die Verantwortung für eventuelles Versagen sofort auf viele Schultern – Hilfsorganisationen als Puffer für den Herrscher gewissermaßen. Dieser machiavellistische Gedanke ist dem General bestimmt nicht fremd.

Sicher ist vorerst, dass Erdbeben keine Gefahren per se sind. Denn nicht die vibrierende Erde tötet Menschen, sondern zusammenstürzende Bauten. Gemäß dieser Maxime haben Forscher der Vereinten Nationen jüngst die Erdbebenkarten umgeschrieben: In den roten Zonen höchster Gefahr liegen nicht mehr unbedingt die Regionen mit den stärksten Beben, sondern jene mit den am wenigsten stabilen Bauten, beispielsweise Südasien – das Erdbeben am Samstag bestätigte diese Einordnung auf grausige Weise.

Die Pläne zeigen, dass die Gefahr in wirtschaftlich starken Ländern, wo seit Jahrzehnten hohe Summen in eine erdbebensichere Architektur investiert werden, weitaus geringer ist als in ärmeren Ländern. So offenbaren die UN-Karten, dass das Leben eines Schulkindes in den Großstädten Südasiens 400-mal so gefährdet ist wie das eines Schülers in einer ebenso erdbebenbedrohten japanischen Metropole. Tatsächlich wurden bei dem Beben am Samstag Tausende Schulkinder von den Trümmern ihrer Schulen getötet.