Die junge Mutter muss noch ein paar Einkäufe erledigen. Sie schiebt ihrem Sohn, Lukas, einen Stuhl unter und sagt: "Setz dich hier hin und warte, bis ich zurückkomme. Oder stell dich hin und sieh zu, was passiert." Die Mama schärft dem Jungen Verhaltensregeln ein, die auch im Theater gelten: Sprich niemanden an! Misch dich nicht ein! Dann rauscht sie ab, vermutlich hin zu H&M, Prada und zum nächsten Asia-Markt. Und Lukas bleibt sitzen und schaut zu, was passiert: Die Vergangenheit tut sich auf.

Lukas sieht, wie der römische General Titus Andronicus aus der Schlacht gegen die Goten zurückkehrt. In einem Leichensack schleift er seinen Sohn hinter sich her – es ist der 25. Sohn, den er im Krieg verlor. Dann sieht Lukas, wie Titus seine Gefangenen hereinführt, die Gotenkönigin Tamora und deren Söhne. Titus lässt den tapfersten der Söhne verbrennen. Der infame Saturnin schnappt dem Titus die Kaiserkrone und die Tochter Lavinia weg. Saturnin verfällt den Reizen der Tamora und verstößt Lavinia. Tamora hintergeht Saturnin mit dem Mohren Aaron. Tamora und Aaron werden von Lavinia und ihrem Mann Bassian ertappt. Die Söhne Tamoras, Demetrius und Chiron, ermorden Bassian. Sie vergewaltigen Lavinia, reißen ihr die Zunge aus, hacken ihr die Hände ab, verstümmeln ihren Unterleib. Lavinia und ihr Schänder Chiron entdecken ihre Liebe füreinander. Titus ersticht Chiron und nötigt Lavinia, sich selbst zu töten. Aus Chirons Leib bereitet er eine Pastete, die er dessen Mutter Tamora vorsetzt; Tamora isst sie. Titus ersticht Tamora, ehe sie ihn erstechen kann.

Würde man das Bühnengeschehen im Zeitraffer abspielen, man sähe eine Wirbelszene wie aus dem Terry-Gilliam-Film Die Ritter der Kokosnuss: der Mensch als Hooligan-Hiob, als irrer Fechter, dem im Kampf ein Glied nach dem anderen abgeschlagen wird und der noch als blutender Stumpf, am Boden sich wälzend, den übermächtigen Tod ankräht: Hat gar nicht wehgetan!

Der Knabe Lukas sah sich die ungeraffte Fassung an. Stundenlang saß er am Bühnenrand und inhalierte die von Menschenopfern würzige Luft. Jetzt springt er auf die Bühne und hält eine flammende Rede: Ende aller Leiden! Versöhnung mit den Feinden! Die Menge jubelt, nennt den Knaben Kaiser Lucius. Lukas ruft: "Helft, Freunde, mir dies Land zu reinigen – von Hinterlist und – jetzt habe ich den Faden verloren."

Da kehrt seine Mutter vom Einkauf zurück. Sie ist empört: Man kann den Kleinen nicht allein lassen! Lukas jedoch bleibt auf der Bühne und faucht: "Aber ich bin doch der Kaiser von Rom!"

Der Knabe Lukas, der den Faden verliert und doch weitermacht, ist eine Erfindung des Dramatikers Botho Strauß. Das Fadenverlieren ist das Schicksal seiner Figuren. Wenn sie die Hände öffnen, sind die Fasern abgerissener Verbindungen darin. Wenn sie lauschen, hören sie Laute aus der Vorzeit. Wenn sie an Türen vorbeigehen, sind es Pforten zur Vergangenheit.

Das ewige Kind am Ende des Fadens, das sind wir, Strauß’ Zeitgenossen. In seinem mit einem gewaltigen Unheilszeigefinger fuchtelnden Essay Anschwellender Bocksgesang hat Botho Strauß einst der Masse böse Namen gegeben. Die Demokratie: ein "politisch-technischer Selbstüberwachungsverein". Unsere Welt: "Totalherrschaft der Gegenwart, die dem Individuum jede Anwesenheit von unaufgeklärter Vergangenheit, von geschichtlichem Gewordensein, von mythischer Zeit rauben und ausmerzen will." Unser Verhängnis: "keinen Sinn mehr für das Verhängnis zu besitzen, unfähig zu sein, Formen des Tragischen zu verstehen". Wir selbst: die "verwüstet Vergeßlichen", tumbe Resultate der "kulturellen Gesamtveranstaltung Jugendlichkeit". Zum Zwecke der Tiefenerinnerung hat Botho Strauß nun den Titus Andronicus, ein Frühwerk Shakespeares, in seine Dienste genommen. Er nennt’s Übermalung. In Schändung will er zweierlei zeigen: den blutigen Urgrund der Menschheit und die mürben Gerüste aus Geschwätz und Verdrängung, die wir darüber errichtet haben.