Was in Bayreuth geschah, ist ein kleines Wunder: Der sieche Philosophie-Studiengang, der gerade einmal drei neue Studenten pro Jahr anlockte, steht plötzlich wieder in Blüte. 150 Neulinge melden sich nun an, nicht einmal die Eignungsprüfung kann sie schrecken. "Das Bachelor-Master-System hat uns gerettet", sagt der Hochschullehrer Rainer Hegselmann. Er dockte kurzerhand sein Fach an die Wirtschaftswissenschaften an und offerierte den Bachelor-Studiengang Philosophy and Economics – eine Neuheit in der deutschen Uni-Landschaft und offenbar eine gefragte Marktlücke. BILD

So erfinderisch wie in Bayreuth gehen die wenigsten deutschen Universitäten an die obligatorische Umstellung auf den Bachelor. "Die meisten ziehen einfach bei ihren Magister- und Diplomstudiengängen nach sechs Semestern einen Strich und nennen das dann Bachelor", klagt Bettina Jorzik vom Stifterverband der deutschen Wirtschaft. "Da fehlt jedes Bemühen um ein eigenes Profil." Vor zwei Jahren prämierte der Verband die vier Studiengänge, deren Bachelor- und Master-Angebote er für besonders gelungen hält – darunter den in Bayreuth. Die erhoffte Beispielwirkung allerdings lässt bis heute auf sich warten. Besonders durchdacht reformierte Studiengänge, die seither entstanden sind, gibt es offenbar wenig – weder beim Stifterverband noch bei der Hochschulrektorenkonferenz ist ein leuchtendes Beispiel bekannt.

"Viele vertun da eine Chance", sagt Bettina Jorzik. Denn anders als bei den herkömmlichen Magister- und Diplomstudiengängen bieten die neuen Abschlüsse den Universitäten die Möglichkeit, sich von den strengen Richtlinien der Kultusminister zu lösen. Interessante Fachkombinationen wie zwischen Philosophie und Wirtschaft sind dadurch möglich, vor allem die technischen Studiengänge können ihren Absolventen den Weg ins Ausland ebnen. "Über kurz oder lang rächt es sich", sagt Lars Hüning vom Centrum für Hochschulentwicklung, "wenn Universitäten ihre bestehenden Programme einfach umetikettieren. Dann setzen die engagierteren Hochschulen die Maßstäbe – und können sich ihre Studenten aussuchen." Trotzdem kochen viele Unis nach wie vor ihr eigenes Süppchen bei der Umstellung auf Bachelor und Master. Nur wenige Professoren greifen auf die Erfahrungen ihrer Kollegen zurück. "Viele praktizieren eine Abschottung, die nicht hilfreich ist", sagt Lars Hüning. Und das, obwohl derzeit so viele Studiengänge umgestellt werden wie noch nie: Um 42 Prozent, hat die Hochschulrektorenkonferenz ausgerechnet, stieg das Angebot an Bachelor- und Master-Programmen bei den Universitäten allein zwischen Sommer- und Wintersemester. Damit bieten knapp ein Drittel der Studiengänge die neuen Abschlüsse an, bei Fachhochschulen liegt die Quote sogar bei deutlich über 50 Prozent. Dass sich Mut auszahlt, belegen die Beispiele der Universitäten, die der Stifterverband als vorbildlich ausgezeichnet hat. Deren Erfolg hält an, noch Jahre nach der Umstellung auf den Bachelor.

Werkstoffkunde und Mathematik durch die Hintertür

"Professoren sind Primadonnen, keiner will sich da an einer anderen Uni orientieren." Anders kann sich Manfred Hampe von der TU Darmstadt nicht erklären, dass noch keiner seiner Professoren-Kollegen nach dem Erfolgsrezept seines Studiengangs Mechanical and Process Engineering gefragt hat. Hinter dem aufwändigen englischen Namen verbirgt sich der gute alte Maschinenbau – zumindest im Grundgerüst. Denn angereichert wird er in Darmstadt mit einem Motivations-Turbo. "Wir pauken in den ersten Semestern nicht nur Mathematik und Mechanik, sondern zeigen auch die Faszination unseres Faches", erklärt Hampe. Gleich nach dem Formelseminar gehen die Studenten in den Praxisunterricht – Aufgabe dort: eine Meerwasser-Entsalzungsanlage für Namibia bauen. Durch die Hintertür werden da alle Grundlagen des Faches vermittelt, von der Energietechnik bis zur Werkstoffkunde. "Die Mathematik wird damit nicht einfacher", sagt Manfred Hampe, "aber die Leute verstehen wieder, wofür sie das machen." Die meisten bleiben am Ball: Die Abbrecherquote ist seit der Einführung des Bachelor-Programms dramatisch gesunken. Gleichzeitig verdreifachte sich die Zahl derer, die für einige Semester ins Ausland gehen. "Unser neues Programm soll die Studenten für den europäischen Arbeitsmarkt fit machen", sagt Hampe – und für diese Perspektive verzichten die meisten gern auf den bei Ingenieuren so beliebten Diplom-Titel.

800 Briefe bekommt Michael Baurmann zu jedem Wintersemester, alle von Abiturienten, die gern an der Uni Düsseldorf Sozialwissenschaften studieren möchten. Nur 90 Bewerber können Baurmann und seine Kollegen aufnehmen in den neuen Studiengang, der als Mischung aus Soziologie, Politik und Medienwissenschaften angelegt ist. Dass die nicht alle in Düsseldorf ihren Abschluss machen, liegt in der Absicht der Professoren. "Wir möchten uns auch daran messen lassen, wie viele unserer Bachelor-Absolventen im Ausland erfolgreich weiterstudieren", sagt Michael Baurmann. An der angesehenen London School of Economics sind seine Zöglinge inzwischen gelandet, andere machen in Amerika ihren PhD. Ein Drittel der Düsseldorfer Sozialwissenschaftsstudenten erwirbt den Master im Ausland, ein weiteres Drittel bleibt an der Heimatuniversität, und ein Drittel geht nach dem Bachelor in den Beruf. Besonders stolz ist Michael Baurmann auf die Abbrecherquote von "praktisch null", die gerade für Sozialwissenschaftler bemerkenswert ist. Und: 80 Prozent der Studenten schaffen ihren Abschluss in der Regelstudienzeit – der Bundesdurchschnitt liegt in diesen Fächern bei etwa fünf Prozent.

In Gruppen Lösungen finden statt Pflanzennamen zu pauken

Schmetterlinge aufzuspießen hält Bruno Moerschbacher für unzeitgemäß. "Niemand erwartet heute von einem Biologen, dass er jeden Schmetterling sofort mit seinem lateinischen Namen kennt", sagt der Münsteraner Biologe. Die Zukunft seines Faches sieht er in der Gen- und Biotechnik – und musste trotzdem jahrelang nach dem traditionellen Studienprogramm unterrichten, bei dem gern Herbarien angelegt und Pflanzennamen gepaukt wurden. "Erst bei der Umstellung auf den Bachelor-Master-Studiengang hatten wir den Mut, da mal richtig zu entrümpeln", sagt Moerschbacher. Seither richtet er das Curriculum des Studiengangs Biowissenschaften vom enzyklopädischen zum exemplarischen Lernen aus und schickt die Studenten in Seminare für Sozialkompetenz. Und er gibt ihnen harte Nüsse zu knacken für die Projektarbeit: Wie lässt sich die rätselhafte Erdbeerkrankheit stoppen, die sich aus Südeuropa in Richtung Deutschland verbreitet? In kleinen Teams suchen die Studenten nach Lösungen, die sie dann in einer wissenschaftlichen Arbeit festhalten. "An solchen Projekten ist die Wirtschaft sehr interessiert. Die wollen Absolventen haben, die routiniert in Gruppen arbeiten und Lösungen finden", sagt Bruno Moerschbacher. Um die Bachelor-Absolventen ist ihm deshalb nicht bange – wer allerdings mit Biologie in eine Führungsposition möchte, der sei mit einer Promotion nach wie vor gut beraten.