Als Sonja Lehmann im Frühjahr vergangenen Jahres auf die Internet-Seite ihrer neuen Hochschule klickte, kam sie aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die 24-Jährige studierte damals Englisch und Altsprachen in Göttingen und hatte gerade die Nachricht bekommen, dass sie das kommende Jahr im Ausland verbringen würde. "Ich dachte: Dieses Kursangebot, das ist einfach viel umfangreicher als zu Hause." Sie konnte einen Kurs über antike Religion wählen, bei dem sie nicht nur Texte lesen musste – sondern auch etwas lernte über Archäologie, Kunst, soziale Theorien. Sie konnte einen Kurs belegen, bei dem sie nicht nur Bücher lesen musste, sondern selbst auch schrieb, erinnert sie sich.

Sonja Lehmann studierte im vergangenen Jahr an einer amerikanischen Massenuniversität mit 33000 anderen Studenten, einem übervölkerten Campus und immer weniger Geld vom Staat. Doch sie studierte auch an einer der weltbesten Universitäten. Das Higher Education Supplement der Londoner Times hält sie für die zweitbeste Hochschule der Welt, das Jiao-Tong-Ranking aus Shanghai setzte sie auf Platz vier, und die Zeitschrift U.S. News and World Report kürte sie zur besten Staatsuni der USA.

Sonja Lehmann studiert an der University of California in Berkeley.

Berkeley, wenige Meilen von San Francisco entfernt, die alte Hippie-Hochburg, die Staatsuni, die erfolgreichste öffentliche Hochschule der Welt. Berkeley, das so viel mehr gemein hat mit der deutschen Massenuniversität als Harvard oder Stanford, jene exklusiven privaten Einrichtungen. Berkeley, die wohl einzige Spitzenuni, die deutschen Bildungsreformern ein Vorbild sein kann.

"Es gibt in Deutschland die völlig falsche Vorstellung, dass von Harvard und Yale die ganze Zukunft des Wissenschaftsstandorts abhängt", sagt der Verwaltungswissenschaftler Eckhard Schröter, der im September von Berkeley nach Deutschland zurückgekehrt ist. Eicke Weber ist Chef der German Scholars Organization, eines Verbandes deutscher Forscher in Nordamerika. Er sagt: "Wenn man etwas lernen möchte, dann nicht von Harvard oder Stanford, sondern von Berkeley." Selbst für den Ex-Stanford-Rektor Gerhard Casper geht das fortwährende Schielen auf die berühmten Privatuniversitäten "an der Sache vorbei".

Denn die Gemeinsamkeiten der University of California in Berkeley mit einer staatlichen Hochschule in Deutschland sind bestechend.

Ähnliches Recht: Berkeley ist eine Staatsuni, eingebunden in das System der University of California (UC) – eines Verbundes von zehn Dependancen (ZEIT Nr. 38/05). Wie hierzulande sind Hochschulen in den USA Ländersache. Einige US-Staaten haben es geschafft, weltweit wettbewerbsfähige Unis aufzustellen, an erster Stelle Kalifornien.

Ähnliche Sorgen: Die Hochschule in Berkeley plagt – wie andere Staatshochschulen in den USA auch – ein ständiger Kampf ums Geld. Seit 1970 hat der Staat seine Zuwendungen auf die Hälfte heruntergefahren, nur noch ein Drittel des Budgets kommt vom Land Kalifornien; die Hochschule musste die Studiengebühren massiv erhöhen – ein Semester kostet einen Nichtkalifornier 12600 Dollar (einen Kalifornier nur 3700 Dollar), und in den kommenden Jahren wird die Hochschule ihre Studenten noch stärker belasten.