Unter alldem, was Sozialdemokraten in diesen Tagen des bösen Erwachens aufgeben müssen, ist die Bundeskulturpolitik ein kleiner Verlust. Aber dass er so schmerzfrei vonstatten gehen würde, erstaunt doch. Oder hat irgendjemand einen Zug des Bedauerns im Gesicht Franz Münteferings erkennen können, als er den Verzicht verkündete?

Die Etablierung eines Staatsministers für Kultur war eine unbestrittene Großtat von Rot-Grün. Die Union, erst erbittert dagegen, musste vollständig konvertieren und denkt inzwischen nicht mehr daran, das Amt abzuschaffen. Der Sozialdemokratie hingegen ist die Sache wohl doch niemals zur wahren Herzensangelegenheit geworden. Sie blieb wesentlich Schröders Liebhaberei, geboren aus der echten Neigung des Bildungsaufsteigers zu den Künsten. Daher sein Mut, das Amt gleich dreimal an politikbetriebsfremde Freigeister zu geben - einen Verleger, einen Philosophen, eine Literaturliebhaberin.

Das beflissene Gerede über Kontinuität in der Großen Koalition täuscht über mächtige Verschiebungen hinweg. Die Sozialdemokratie verliert zugleich mit der Bundeskulturpolitik auch Bildung und Forschung an die Union. Alle hohen Ämter, in denen es um Werte, Identität und Orientierung geht, liegen jetzt in deren Hand - vom Präsidenten des Verfassungsgerichts über den Bundespräsidenten und den Bundestagspräsidenten bis zum Bundesbildungsminister und zum Kulturstaatsminister. Den Konservativen ist zu ihrem eigenen Erstaunen die kulturelle Hegemonie in den Schoß gefallen.

Wissen sie schon, was sie damit anfangen sollen? Sie leiden seit Jahren an philosophischer Unterzuckerung. Und nach den leidvollen Rückschlägen mit heimlich abgesagten geistigmoralischen Wenden und unsympathischem Leitkulturgedröhne wissen sie, dass es in der Kultur kein Durchregieren geben kann.

Der starke Mann der Bundeskulturpolitik wird Norbert Lammert als Bundestagspräsident sein, egal, wer neben ihm am Ende Kulturstaatsminister(in) ist. Lammert ist ein kluger, in der Fraktion gut vernetzter Mann. Er könnte auch Newcomern - im Gespräch sind die Hamburger Senatorin Karin von Welck, die Abgeordnete Gitta Connemann und die Berliner Kulturmanagerin Monika Grütters - den bitter nötigen parlamentarischen Rückhalt organisieren.

Es gilt nämlich unter anderem, das Berliner NS-Gedenkstättenchaos zu reorganisieren, der Opernstiftung dort auf den Zahn zu fühlen, die Aufarbeitung der SED-Diktatur neu zu strukturieren, das Vertriebenen-Museum den Ewiggestrigen zu entwinden und zur Bundessache zu machen. Und dann muss endlich - unter Vermeidung von Kitsch oder erpresster Versöhnung - das Loch im Herzen der Hauptstadt geheilt werden, mit einem Bau, der ein Zeichen des Optimismus setzt. Die Debatte, ob das besser mit einer Schloss-Rekonstruktion oder einem Neubau geht, wird ein Testfall für die neue kulturelle Hegemonie der Konservativen sein.