Kaum jemand kennt die artenreiche Schmetterlingsfamilie der Wickler oder Blattroller. Und doch hat jeder schon einmal auf ihren Raupen herumgekaut und angewidert eine nur scheinbar leckere Frucht voll braunem Grieß ausgespuckt: Bäh, da ist der Wurm drin! Im Apfel wurmt der Apfelwickler, in der Pflaume der Pflaumenwickler, in der Traube der Traubenwickler, in der Erbse der Erbsenwickler. Von der Nelke bis zur Eiche, von der Kiefer bis zur Lärche, fast jede Nutzpflanze hat ihren Wickler. Etwa 5000 Arten dieser nachtaktiven Falter umflattern den Globus, unauffällig wie Motten. Ihre Raupen verpuppen sich, indem sie Blätter zusammenrollen (Blattroller), Nadeln oder Früchte umwickeln. Gärtner, Bauern und Förster bekämpfen die wurmige Pest mit allerlei Insektiziden, am Ende heißt es dann allzuoft: Kein Wurm drin, aber Pestizid drauf.

Doch ein Ende dieses klassischen Dilemmas im Pflanzenschutz ist allmählich in Sicht. Denn die Chemie wird immer grüner und raffinierter, sie lernt, Schädlinge mit ihren natürlichen Waffen zu schlagen. Beispielsweise werden Wickler mit Sexuallockstoffen (Pheromonen) in Fallen gelockt oder durch hohe Pheromondosen verwirrt. Denn wo es überall nach Sex riecht, da finden sie kaum die Partner und können sich nicht vermehren. Leider sind Pheromone teuer und sehr spezifisch, jede Wicklerart duftet auf ihre Weise - kein Falter will sich mit dem falschen paaren. Schon meckern Gärtner, Winzer und Ökobauern, das neumodische Pheromonzeugs koste viel und tauge wenig.

Gemach! Die drei diesjährigen Nobelpreisträger für Chemie haben einen Weg entwickelt, wie man aus billigen Rohstoffen ungeahnt schnell solch komplexe Naturstoffe, aber auch Arzneien oder Kunststoffe herstellen kann - beispielsweise schusssichere Kunstharze, in denen jede Kugel kleben bleibt.

Metathese heißt das Verfahren, das der Franzose Yves Chauvin und die beiden Amerikaner Robert Grubbs (Caltech) und Richard Schrock (MIT) maßgeblich entwickelt haben. Das Trio teilt sich zu je einem Drittel die Ehre und das Preisgeld von 1,1 Millionen Euro. Die Metathese habe sich zu einer der wichtigsten Reaktionen in der organischen Chemie entwickelt, schwärmt die Königliche Schwedische Akademie der Wissenschaften, sie sei ein wichtiger Schritt hin zur >Grünen Chemie< mit weniger potenziell gefährlichen Abfällen und smarter Produktion.

Den Anstoß für die Forschung gab die Ölindustrie

Als eines von vielen typischen Erfolgsbeispielen der Metathese beschreibt das Nobelkomitee die Herstellung eines Pheromons, nämlich das des Wicklers Platynota sultana. Dieser omnivorous leafroller (allesfressende Blattroller), kurz OLR, bohrt sich durch Äpfel, Birnen, Pfirsiche, Nektarinen und Trauben. Wer etwa kernlose Trauben oder süße Sultaninen lutscht, der sollte gewahr sein: Dem wurmfreien Genuss dürfte eine Pestizidbehandlung der Reben gegen OLR vorausgegangen sein. Die Laureaten Grubbs und Schrock möchten das ändern. Sie sind wissenschaftliche Berater der jungen, aufstrebenden Firma Materia im kalifornischen Pasadena, die allerlei Chemikalien rund um die Metathese anbietet: spezielle Katalysatoren, die inzwischen weltberühmten Grubbs- und Schrock-Katalysatoren, um spezifische Reaktionen zu steuern, aber auch Produkte, die durch Metathese gewonnen wurden. Dazu gehört auch das nobelwürdige Tetradecenylacetat, das Pheromon des famosen ORL-Blattrollers.

Bemerkenswert an diesem Duftstoff ist, dass er in zwei Varianten vorkommt, die zwar auf identischen atomaren Bausteinen beruhen, sich aber im räumlichen Aufbau unterscheiden. Solche Moleküle heißen Isomere. Beim ORL-Pheromon gibt es zwei Formen namens E und Z, ihr Mengenverhältnis im Duft beträgt 82 zu 18.