Am Morgen, erzählt man in der Kneipe des Dorfs, hat einer 26 Kilo Steinpilze gefunden. Einen Reichtum. Das spricht sich schnell rum, bis ins nahe Schloss, wo gerade ein Dutzend Fremde zu Gast ist. Steinpilze! Wo muss man suchen? "Im Wald", sagen die Dorfleute listig. Wald ist hier überall. Das Vorfindliche will entdeckt werden. Die Kunst zu sehen: Jean-Christophe Ammann spricht mit den Denkern vor dem Château d"Orion BILD

Das gilt nicht nur für Steinpilze, das gilt auch für Schlösser. Hier, im Südwesten Frankreichs, im acquitanischen Hinterland der Pyrenäen, zwischen Pau, der Hauptstadt Navarras und der Atlantikküste von Biarritz, steht auf einem Hügel seit 500 Jahren ein Herrenhaus, in dem unlängst ein paar Leute die Ärmel hochgekrempelt haben, um das Vorfindliche neu zu entdecken und es als Reichtum erkennbar zu machen. Château d’Orion heißt das dreistöckige robuste Gebäude aus hellen Steinquadern, zum Schloss hat es sein Name geadelt.

Und jetzt kann man "Denkwochen" buchen. Denken im Schloss? Wer sich auf den Weg zu jenem Château d’Orion macht, und das sollte jeder tun, dem der Sinn danach steht, Spielraum zu erkunden, befreit sich am besten zuerst von irreleitenden Vorstellungen: Die einschlägigen Dienstleistungen fürs Wohlbefinden sind hier nicht zu haben, Fortbildung im üblichen Sinne findet nicht statt, politische Belehrung fällt aus, ökologische Nachhilfe wird nicht erteilt, Naturerkundung mit Anleitung ist nicht das Thema, mit Esoterik wird anderswo Geld verdient. Fernseher gibt’s gar nicht.

Hier will überhaupt niemand den Angereisten für sein Geld pädagogisch beglücken, hier wird einem der Luxus nicht angedient. Und doch kommt man mit der Erfahrung von Luxus zurück. Die Natur, die Kunst, die Politik, die Geschichte, die stilsichere Schönheit des Hauses, eine königliche Küche, die Ruhe und die anderen Menschen haben das ihre dazu beigetragen: alles in allem un coup de chance, das klingt nicht süßlich wie Glück.

Nichts ist hier süßlich. In der Ferne zeichnen die Pyrenäen ihre Silhouette in den Horizont, die menschenarme Gegend davor gewinnt ihre Struktur durch Weinberge, Wälder, Weideland, einzelne Gehöfte, wenige Wege, oft hängt Nebel über dem rauen Land. Unter der gewaltigen Plantane vorm Schloss sitzt bei einer Karaffe Wasser die Erfinderin des heutigen Château d’Orion am Tisch und zieht immer mehr staubige Manuskripte aus alten Kisten, während sie erzählt und erzählt, was sie hierhin verschlagen hat.

Elke Jeanrond ist, und das scheint sie immer noch zu überraschen, heute die Schlossherrin von Château d’Orion. Einst war sie Kind kleiner Leute, der Großvater im Pfälzischen ein armer Schuster, aber Besitzer immerhin eines Leiterwagens, einer Singstimme, und beides setzte er ein, den Nachbarn ein Sprudelwasser anzupreisen, um seinen Traum zu erfüllen, Getränkehändler zu werden.