Immer wieder gibt es Streit um Kunstwerke, die in der Zeit zwischen 1933 und 1945 gehandelt wurden, insbesondere um solche aus jüdischem Besitz. Wurden sie freiwillig verkauft oder haben die Nazis ihre Besitzer unter Druck gesetzt oder gar enteignet? Solche ungeklärten und unrechtmäßigen Eigentumsverhältnisse betreffen nicht nur Privatpersonen, sondern auch die Museen. Als erstes deutsches Institut leistet sich die Hamburger Kunsthalle nun eine wissenschaftliche Mitarbeiterin für die Provenienzforschung. Ute Haug forscht hier zwar schon seit fünf Jahren, aber erst jetzt ist ihre Stelle dauerhaft finanziell gesichert. Sie wird sowohl für die Kunsthalle als auch für das Museum für Kunst und Gewerbe recherchieren, zudem steht die promovierte Kunsthistorikerin anderen Museen und Privatleuten als Gutachterin zur Verfügung - gegen Honorar. Allerdings kann ich nur eine fragwürdige Herkunft überprüfen, nicht wie ein Kunstdetektiv für Erben auf die Suche nach verschollenen Kunstwerken gehen, sagt Haug.

Provenienzforschung ist ein langwieriges Geschäft. Das weiß die Wissenschaftlerin, die über die Rolle des Kölnischen Kunstvereins in der NS-Zeit promoviert hat, aus 25-jähriger Erfahrung. Bei einer ersten Sichtung in der Kunsthalle fanden sich 900 Gemälde, deren Herkunft Lücken aufwiesen.

Inzwischen hat sich die Recherche auf rund 100 Werke konzentriert. Danach soll das Inventar des Kupferstichkabinetts mit Zeichnungen, Grafiken sowie Münzen und Medaillen unter die Lupe genommen werden. Das kann für jedes einzelne Objekt Jahre oder gar Jahrzehnte dauern.

Eigene Recherchen sind der eine Teil der Arbeit, die Bearbeitung von Ansprüchen der andere. Für ihr Haus konnte Haug beispielsweise die privaten Ansprüche auf Max Liebermanns Porträt des Chirurgen Ferdinand Sauerbruch von 1932 aus der Sammlung Kirstein überzeugend widerlegen. Es stammte aus einem anderen Zweig der sowohl in Leipzig als auch in Berlin betrogenen Kirstein-Familie und wurde nach Haugs Urteil legal erworben. Um das herauszufinden, stellte sie zahllose Anfragen an Archive, Wiedergutmachungs- und Einwohnermeldeämter, Bibliotheken und Institute, studierte die verzweigten Verwandtschaftsverhältnisse und überprüfte die Erbfolge dieser besonders grausam verfolgten Familie. Andere Museen hätten unter dem Druck möglicherweise so ein Gemälde voreilig herausgegeben, vermutet Ute Haug. In einem anderen Fall hat sich die Kunsthalle mit eindeutig anspruchberechtigten Erben finanziell geeinigt, weil sie das Gemälde behalten wollte. Und einmal war die Kunsthalle bereit, ein Bild zu restituieren - aber trotz ausführlicher Recherche ließ sich kein Erbberechtigter mehr ausmachen. Der Fall liegt nun der Kulturbehörde zur Entscheidung vor.

Erst seit der Holocaust-Konferenz in Washington im Jahr 1998 ist bei den öffentlichen Institutionen das Bewusstsein erwacht, ihre Bestände nach unrechtmäßig erworbenen Bildern zu durchforsten. Obwohl sich Bund, Länder und kommunale Spitzenverbände 1999 zur Auffindung und Rückgabe solcher Kulturgüter bereit erklärten, bemühen sie sich nur langsam um Aufklärung - schließlich könnte der vermeintlich eigene Besitz gefährdet sein. Die beiden großen Auktionshäuser Christie's und Sotheby's sind da gründlicher - zum Schutz ihrer Ware und ihrer Kunden.

Lucian Simmons, der Leiter der Provenienz-Abteilung von Sotheby's in New York sagt: Seit acht Jahren arbeite ich mit einem dreiköpfigen Team daran.

Inzwischen ist auch jeder Spezialist im Hause kooperativ. Da wird auf die Rückseiten der Gemälde aus der fraglichen Zeit nach Sammlerstempeln und Ausstellungslabeln geschaut. Zudem hat seine Abteilung eine Datenbank mit 6000 sensiblen Namen aufgebaut, die bei der Einlieferung geradezu Pflichtlektüre der Experten ist. Wir stehen zwischen Einlieferung und Auktion natürlich unter einem ganz anderen Zeitdruck als ein Museum, sagt die zuständige Vizepräsidentin von Christie's in New York, Monica Dugot. Auch deshalb kommt es bei den großen Häusern vor, dass gelegentlich fragwürdige Werke aufgeboten werden.