Das Einzige, was noch an die Zeit vor der Wende erinnert, ist ein Stück vernarbter Straße. Ein paar hundert Meter aneinander geklebte Betonplatten, die sich jedem bucklig in den Weg legen, der am Flughafen vorbei ins moderne Industriegebiet an der Grenzstraße fährt. Hier, mitten in der Dresdner Heide, spielt die Geschichte, die fast wie ein Wendemärchen klingt. In nur zehn Jahren haben sich die Felder zwischen Wilschdorf und Grenzstraße vom abgewickelten Militär- und Industriestandort zum europäischen High-Tech-Zentrum entwickelt. Dresden zählt heute zu den fünf bedeutendsten Chipmetropolen der Welt, wird in einem Atemzug mit Japan, Taiwan, Korea und Silicon Valley genannt. Vor ein paar Jahren hat das US-Magazin Time die sächsische Siliziumschmiede sogar Silicon Saxony getauft. Den Titel tragen die Dresdner seither mit Stolz. Mitarbeiter bei AMD in Dresden BILD

Rund 760 Unternehmen aus der Mikroelektronik haben sich in Dresden niedergelassen, allen voran Schwergewichte wie Infineon und der US-Konzern AMD, der zweitgrößte Chiphersteller der Welt. Zusammen erwirtschaftet die Halbleiterbranche fast die Hälfte der Dresdner Industrieproduktion, gut zwei Milliarden Euro mit einem jährlichen Wachstum von etwa fünf Prozent. Und sie schuf 20000 Arbeitsplätze, was Dresdens Arbeitslosenquote von 20 auf 14 Prozent senkte – angesichts der Lage in Ostdeutschland ein großer Erfolg. Der machte Sachsen im vergangenen Jahr mit 2,2 Prozent Wirtschaftswachstum sogar zum Wirtschaftsmotor Deutschlands. Aber dies wäre keine wirklich sächsische Geschichte, wenn das alles kampflos abgelaufen wäre. Und anders als im Märchen fehlt noch das Happy End.

Die aktuellen Zahlen klingen gigantisch: Ein Fünftel aller weltweit verkauften Mikroprozessoren – die Herzen jedes Servers, Laptops und PCs – stammen aus Dresden, genauer aus dem Werk von AMD. Dessen zwei miteinander verschmolzene Fabriken sehen wie ein Ufo aus, das gerade auf der grünen Wiese gelandet ist. Und wenn ein Trupp Chipentwickler in spacigen Ganzkörperanzügen über die Glasbrücke zwischen den Komplexen marschiert, ist vollends klar: Hier findet die Zukunft statt.

Die beiden Fabriken, Fab 30 und 36, sind mit 2500 Mitarbeitern AMDs einzige Mikroprozessor-Produktionsstätte weltweit. Sie könnte sogar noch viel größer sein. Die Manager des US-Herstellers denken bereits laut darüber nach, hier eine dritte Fabrik zu bauen. Die Dresdner Wirtschaftsförderer konnten die Ankündigung vor ein paar Wochen kaum glauben, damit würden noch einmal 1000 Arbeitsplätze entstehen. Doch es gibt noch ein Hindernis: AMDs großen Konkurrenten Intel. Der sorgte dafür, dass die Dresdner Heide derzeit Nebenkriegsschauplatz in einem globalen Wirtschaftskrimi ist (siehe nebenstehenden Artikel).

Mit 20 Prozent Marktanteil ist AMD zwar zweitgrößter Prozessorhersteller der Welt, aber der Wettbewerber Intel beherrscht den großen Rest: 80 Prozent aller verkauften Computer weltweit tragen Prozessoren mit dem Logo "intel inside", damit kassiert der Quasimonopolist sogar 90 Prozent der Weltumsätze. Mit dem Vorwurf, Intel habe den Markt systematisch behindert und sowohl Computerhersteller als auch Großhändler durch Drohungen vom Kauf der AMD-Produkte abgehalten, zog AMD jüngst vor Gericht.

Obwohl jeder fünfte Chip aus Dresden stammt, steht in den Regalen des örtlichen Media Markts kein einziger Computer mit AMD-Chip. Der Streit vor dem US-Gericht wird wohl noch Monate dauern. Bekommt AMD Recht, wäre ein Weltmarktanteil von etwa 25 Prozent realistisch, schätzt Hans-Raimund Deppe, Dresdner AMD-Chef.