Erst jubelten die Eisforscher über den Bilderbuchstart des europäischen Klimasatelliten Cryosat. Dann wich ihre Champagnerlaune eisigem Grausen: Die russische Raumfahrtbehörde Roskosmos hatte Cryosat am Wochenende zwar anmutig gestartet, musste dann aber nach langem Zögern der Europäischen Raumfahrtagentur Esa und den bitter enttäuschten Glaziologen gestehen: Ihr Späher war nicht in der Umlaufbahn um Nord- und Südpol gelandet, sondern nördlich von Grönland im Eismeer. Der teure Schlag ins Wasser (136 Millionen Euro) war kaum verhallt, da verkündete die Esa, alles zu tun, um einen zweiten Start hinzukriegen.

Schon erstaunlich: Forscher schießen millionenteure Satelliten mit alten sowjetischen SS-19-Atomraketen hoch, um das Eis an den Polen zu untersuchen - obwohl Satellitenbilder längst beweisen, dass die Polkappen schmelzen.

Jedermann weiß das. Oder?

Heinz Miller schüttelt nur den Kopf. Der angesehene Glaziologe und Vizedirektor des Alfred-Wegener-Instituts kennt das gängige Vorurteil, an beiden Polen schwinde das Eis. Alles Käse. Die Effekte sind eher gegenläufig, sagt er. In der Arktis nehme das Eis derzeit ab, in der Antarktis hingegen zu. Satellitenbilder seien mit Vorsicht zu genießen: Sie zeigen nur die Eisfläche zum bestimmten Zeitpunkt, sagen aber nichts über die Eisdicke. Und nur wer die Dicke kennt, kennt auch die Eismassen. Aus deren Änderung, möglichst ganzjährig beobachtet und nicht nur momentan, lässt sich ein Klimawandel ablesen. Deshalb sollte Cryosat erstmals die Eisflächen und -dicken ständig messen, drei Jahre lang.

Der Wind prägt entscheidend die Eisbedeckung der Arktis. Hier gibt es ausgeprägte Schwankungen im Lauf von Jahrzehnten, sagt der Klimaforscher. Er kann dies im Klimaarchiv der Eisbohrkerne verfolgen. Die Schwankungen tauchen auch in Modellrechnungen auf. Die verstärkte Hurrikanaktivität dürfte ebenfalls damit zusammenhängen. Verstanden ist das längst nicht.

Der Meeresspiegel wird sich bis 2100 nur wenig erhöhen. Schmelzwasser von Gletschern und höhere Temperaturen lassen den Spiegel steigen, mehr Schneefall in der Antarktis wirkt dem entgegen, sagt Miller in Übereinstimmung mit seiner Zunft. Niemand weiß, wie dick der gewaltige Eispanzer der Antarktis insgesamt ist. Cryosat sollte ihn vermessen - und liegt nun am Meeresgrund. Seine Daten hätten entscheidende Argumente für die Klimadebatte geliefert, zumal Polareis sehr empfindlich auf Klimaänderungen reagiert.

Darum sollten die Forscher die Esa mit dem Zweitstart beim Wort nehmen. Ein Cryosat-Nachbau dürfte viel billiger sein als der Vorgänger, etwa weil die teure Entwicklung entfällt. Und bei den Raketenbauern (ihre alte SS-19 hat funktioniert, die neue dritte Stufe versagte) müsste ein satter Glaziologen-Rabatt drin sein. Fazit: Selbst wenn der Neustart einiges kostet, die Folgen verbreiteten Unwissens über den Klimawandel könnten uns viel teurer zu stehen kommen.