Washington

Fünf qualvolle Tage lang schien es, als erlebe New Orleans nicht nur eine Flutwelle, sondern eine Gewaltorgie. Horrormeldungen drangen Anfang September aus der versunkenen Stadt - Schießereien, Morde, Vergewaltigungen, besonders im Superdome und im Kongresszentrum, wo sich während des Hurrikans Katrina Gestrandete versammelt hatten. In dieser Situation fiel es Oberst Thomas Beron von der Nationalgarde zu, die Leichen aus dem Superdome dem staatlichen Katastrophenschutzamt zu übergeben. Oberst Beron erinnert sich, wie die Katastrophenschützer mit einem Lastwagen und drei Ärzten erschienen. Einer der Ärzte sagte: Mir liegt ein Bericht vor, wonach es hier 200 Leichen geben soll. 200 Leichen? Oberst Beron konnte nur von sechs Toten berichten. Vier Menschen, so stellte sich heraus, waren eines natürlichen Todes gestorben, ein weiterer an einer Überdosis eines Medikaments oder einer Droge. Ein anderer hatte sich von einer Brücke gestürzt.

Diese Geschichte hat Thomas Beron nun der Times-Picayune erzählt. Die Lokalzeitung fand heraus, dass auch im Kongresszentrum nur vier Menschen gestorben waren und nur einer davon gewaltsam. Die Zeitung hatte während der Flut berichtet, im Kongresszentrum lägen 30 bis 40 Leichen, darunter ein Mädchen, dem die Kehle durchgeschnitten worden sei. Sechs Wochen später lautet die Überschrift: Gerüchte über Tote erheblich übertrieben.

Im Nachhinein scheint es, als sei die Wahrheit das erste Opfer des Sturmes geworden. Alle Präzision: hinweggefegt. Inzwischen werden Korrekturen am Bild vom Pandämonium vorgenommen. Gleich mehrmals ließ die Stadtverwaltung Kongresszentrum und Superdome nach Leichen durchsuchen. Die Einsatzleitung konnte einfach nicht glauben, dass dort nur so wenige Tote geborgen wurden.

Bezirksstaatsanwalt Eddie Jordan nahm anfangs an, dass es in beiden Hallen 40 bis 50 Morde gegeben haben müsste. Bis zur vergangenen Woche sind dem Staatsanwalt aber nur vier Morde aus den Fluttagen bestätigt worden. Das entspricht einer durchschnittlichen Woche in Amerikas Mordhauptstadt. Drei Männer wurden wegen des Verdachts der Vergewaltigung festgenommen.

Das Gerücht war die Hydra von New Orleans. Schlug man dem Ungeheuer den Kopf ab, wuchs sofort ein neuer. Die Leute hörten etwas im Radio und sagten uns, Frauen würden in den Badezimmern vergewaltigt, berichtet der Nationalgardist Major Ed Bush. Ich sagte also: >Wo denn, bitte?< Jeder hörte etwas, niemand sah es.

Wer trägt Schuld an den Horrormärchen? Die Antwort birgt eine Überraschung.