Hans Graf von der Goltz steht in seiner Münchner Wohnung, seine Füße sind in einem Löwenfell versunken. »Das war ein man-eater«, sagt er und deutet auf den Boden. 27 Menschen habe der gefressen, bevor ihn Goltz erlegte, 1990 in Südafrika. Der Graf ist ein sehr höflicher Mensch, niemals würde er vor einer Dame den Raum betreten, sie niemals eine schwere Tasche tragen lassen. Den Löwen hat er dennoch getötet und auch die beiden Büffel, deren massige Köpfe an der Wand gleich neben den Ahnenporträts in Öl hängen. Gegenüber stehen Regale mit Schiller-, Goethe- und Lessing-Bänden in Leder, zwischen ihnen ruhen Goltz’ Jagdwaffen hinter Glas, Doppelflinte, Doppelbüchse. Tod und Tradition, eine Symbiose. Frank Schirrmacher, der FAZ- Herausgeber, war einmal bei Goltz zu Besuch. Er habe zu ihm gesagt, das Zimmer sehe aus wie eine Mischung aus Ernest Hemingway und Thomas Mann, erzählt Goltz. Der Graf lächelt, das hat ihm ganz gut gefallen.

Er setzt sich auf das Sofa in der Mitte des Zimmers, vor ihm auf dem dunklen Holztisch stehen Kaffee, Kuchen. Englisches Porzellan. Es ist dunkel. Parterre. Das Sonnenlicht erreicht kaum den großen Schreibtisch am Fenster, ein paar Lampen werfen orangefarbenes Licht. Goltz ist 79, groß gewachsen. Er stützt seine Ellbogen auf die Knie, wartet auf Fragen. Nie würde er sich aufdrängen. Fünfzig Jahre hat er die Wirtschaft der Bundesrepublik mitbestimmt, mitgeprägt. Er war Vorstandsvorsitzender des Pharmaziekonzerns Altana, für BMW und Dresdner Bank saß er im Aufsichtsrat. Er kannte sie alle: die Manager, die Minister, die Konzernchefs. Mehr als zehn Jahre war er engster Vertrauter des Großindustriellen Herbert Quandt, später sein Testamentsvollstrecker. Er hat neun Bücher geschrieben. Gemalt. Gebildhauert. Goltz war Künstler, Schriftsteller, Wirtschaftsboss – vielleicht unterscheidet ihn das von seinen Nachfolgern. Seit 1997 ist er im Ruhestand. Nun beobachtet er den grausamen Niedergang des Ansehens von Unternehmern aus der Ferne: feindliche Übernahmen, Mannesmann-Prozess, VW-Affäre, Massenentlassungen bei Mercedes. Heuschrecken! Was denkt einer wie er über die heutigen Wirtschaftslenker?

Goltz mustert sein Gegenüber prüfend. Er ist es nicht gewöhnt, von sich zu erzählen; etwas preiszugeben fällt ihm schwer. Sein Freund Jörg A. Henle, früher selbst Chef des Stahlkonzerns Klöckner, sagt, das komme daher, dass man an der Spitze eines Unternehmens einsam sei. »Wenn sich jemand nähert, bleibt immer die Frage: Was will der?« Stets sei da die Furcht, es könnte etwas Vertrauliches durchsickern, etwas gegen einen verwendet werden.

Deshalb enden auch Goltz’ 1997 erschienene Erinnerungen Unwegsames Gelände schon 1960. Über Lebende mag er nicht urteilen. »Ich hätte Zensuren verteilen müssen, das wollte ich nicht«, sagt er. Es gehört sich nicht. Wenn sich Goltz kritisch über jemanden äußern muss, bereitet ihm das körperlich Unbehagen. Dann schaut er zu Boden, die Hände vors Gesicht geschlagen. Die VW-Affäre, Peter Hartz zum Beispiel. Goltz’ Kopf wiegt hin und her. »Wie kann so etwas sein?«, fragt er leise. Dass dem Betriebsrat Lustreisen von der Firma spendiert werden, die als Spesen abgerechnet werden. Sicher, Ähnliches gab es früher schon. Geschäftsbesprechungen in Südamerika endeten auch zu seiner Zeit oft in Nachtbars. Der Kunde bestand darauf. Es war notwendig, also ist er mitgegangen. Für die Firma, den Auftrag. Seine Pflicht. Es fällt schwer, sich Hans Graf von der Goltz dort, feiernd, mit einem bunten Cocktail in der Hand, vorzustellen.

Und die Ankündigung von Mercedes, 8000 Stellen zu streichen? »Das ist der Fluch der bösen Tat«, sagt er. »Schrempps Gigantomanie, aus Mercedes die Welt-AG zu machen, ist fürchterlich gescheitert.« Wenn man einmal den Pfad der Tugend verlasse, sei es schwer, ihn wieder zu betreten.

Goltz wird still, er wartet auf die nächste Frage. Er verhält sich ein wenig wie auf einer Bühne, die Augen der Ahnen sind stets auf ihn gerichtet. Wenn er seinen Kopf nach rechts wendet, blickt er auf das Porträt eines Vorfahren väterlicherseits, der unter Peter dem Großen in Russland gekämpft hat. Daneben ein Oberbefehlshaber der sächsischen Truppen bei der Schlacht am Kahlen Berge 1683 und ein Abgeordneter in der Frankfurter Paulskirche 1848. Und wenn er nach links schaut, sieht er seinen älteren Bruder, jung und schmal, mit rötlichblonden Haaren. Er ist 1942 in Russland gefallen. Das vorläufige Ende der Reihe. Goltz ist mit diesen Bildern aufgewachsen, sie hingen in der Berliner Villa seiner Kindheit am Wannsee, haben Kriege, Flucht, Plünderungen überdauert. Sie wirken wie eine fortwährende Mahnung. Karriere wird erwartet, gilt als Selbstverständlichkeit. »Man muss sich in seinem Leben so verhalten, dass man vor solche Leute hintreten kann, ohne sich zu schämen«, sagt Goltz. »Ich« zu sagen fällt in dieser Umgebung schwer. Selbst in seinen Erinnerungen spricht Goltz von sich in der dritten Person. Die Ahnen sind allgegenwärtig, wachen, treiben an, manchmal können sie einem wohl auch die Luft nehmen.

Goltz würde das nicht so ausdrücken. Er hat seine Herkunft immer als »förderlich für seine Aufgaben« angesehen. Dieses Wertefundament. Privilegiert – das Wort hört er nicht gern. Aber die feinen Familien-Netzwerke, gut gepflegte Verbindungen über Jahrhunderte hinweg, die sich durchs ganze Land ziehen, heben ihn doch hervor. Geben eine Art innere Gelassenheit, Unabhängigkeit. »Ich habe nie nach etwas gestrebt, ich bin es immer geworden.« Goltz betrachtet seine Existenz nur als kurze Episode innerhalb einer langen Familiengeschichte. Die Zeit vergeht, die Goltz bleiben.