Wenn die iranischen Zensoren unangemeldet im Theater erscheinen, ist auch eine freie Gastchoreografin aus Deutschland der Willkür diktatorischer Kunstkontrolle ausgeliefert. Helena Waldmanns neues Stück hatte bereits seine Teheraner Generalprobe in Anwesenheit der zwei üblichen Tugendwächter überstanden, da tauchten wenige Stunden vor der Premiere acht bärtige Herren auf, um ein weiteres Defilee der tanzenden Zelte zu fordern. Seit der islamischen Revolution 1979 ist Tanz in Iran eigentlich tabu. "Rhythmische Bewegung" lautetet der politisch korrekte Terminus für das, was auf der Bühne noch stattfinden darf – und wer Waldmanns abstraktes Bildertheater kennt, der begreift die schwierige Aufgabe der Zensoren. Sollten sie die schwankenden, kreiselnden, sich überkugelnden Zelte als Tanz verbieten oder als Bewegung akzeptieren? Diktatur beruht ja auch auf willkürlicher Auslegung vermeintlich strenger Regeln. Es muss für das Ensemble eine Situation gewesen sein wie in Kafkas Erzählung Vor dem Gesetz : Da verwehrt ein Türhüter einem Bittsteller den Einlass "in das Gesetz". Der Bittsteller aber grübelt bis an sein Lebensende vergeblich über die richtige Formel, um Zutritt zu erlangen. Theater in Teheran beschränkt sich meist auf starre Rezitationen. Mit "Letters from tentland" hat Helena Waldmann das Tanzverbot ausgehebelt BILD

Helena Waldmann hat die erlösenden Worte im Januar 2005 gefunden. Als die acht Türhüter nach der Vorstellung stumm das Theater verlassen wollten, lief sie ihnen nach und überwand – aus Angst um ihre in monatelangen Proben, bei 40 Grad Hitze erarbeiteten und unter wechselnden Kulturbeamten durchgeboxten Letters from Tentland – die Schwelle der demutsvollen Zurückhaltung. Ob das Stück ihnen gefallen habe, fragte sie die Zensoren. Da brachten die vor Schreck keinen zusammenhängenden Urteilsspruch heraus. Vielleicht hatten sie vorab schon beschlossen, den Eröffnungsbeitrag des größten Theaterfestivals im Nahen Osten, des Fadjr 2005, milde zu beurteilen. Waldmann vermutet, dass die Auguren deshalb so zahlreich erschienen, um sich gegeneinander abzusichern – damit keiner den anderen nach Bewilligung des heiklen Spektakels ins Gefängnis bringen konnte.

Letters from Tentland ( "Briefe aus Zeltland") war das erste von einer ausländischen Choreografin in Iran inszenierte Stück seit über dreißig Jahren: ein politisches Ereignis gegen alle Wahrscheinlichkeit. Denn im Persischen steht das Wort Tschador auch für Zelt, und man müsste sich blind stellen, um die Analogie zwischen den pyramidenförmigen Bühnengeschöpfen und den glaubensstrengen Iranerinnen in ihren dunklen Umhängen nicht zu bemerken. Wenn die Zelte mit offenem Visier auf das Publikum zukommen, wirken sie wie wandelnde Gefängnisse. Das Stück ist aber keine Agitprop-Choreografie, sondern eine Meditation über die Dialektik des Verbergens und Enthüllens. Am Anfang stehen die Zelte stumm hinter einem Eisernen Vorhang aus weitmaschigem Kettenhemdgewebe. Wie Wächter, die zugleich Gefangene sind, bilden sie eine geschlossene Reihe, die von einem einzelnen Zelt durchbrochen wird. "Könnt ihr mich sehen?", ruft es dem Publikum zu. "Ich bin eine Projektion meiner Regisseurin!" Vielleicht haben die Zensoren Letters from Tentland auch deshalb durchgehen lassen, weil Waldmann ihre Islamismus-Kritik nicht zur Affirmation des eigenen Gesellschaftsmodells missbrauchte.

Helena Waldmann, Jahrgang 1962, eine der wildesten und zugleich formstrengsten Choreografinnen der Gegenwart, hat auf Einladung des Dramatic Arts Center Teheran das gefährliche Terrain der Gesinnungsdiktatur betreten. Kurz vor ihrer Premiere waren im Süden Irans ein Bürgermeister und ein Festivalkurator inhaftiert worden, weil sie ein sittenwidriges armenisches Gastspiel verschuldet hatten. Die Frage, ob sie Angst um ihre persönliche Sicherheit gehabt habe, weist Waldmann lachend zurück. Die ständige Gefährdung, die in Ländern wie Iran angeblich herrscht, gehört zu jenen Medien-Klischees, die ihr, seit sie wieder zu Hause in Berlin ist, aus jeder Zeitung entgegenschreien, und ganz ungeeignet seien, das Leben in Iran zu beschreiben. "Der Tschador", sagt sie, "ist das Oberklischee." Die Allerweltsmetapher, die uns eine intensivere Beschäftigung mit dem Islam erspart. Der wohlfeile Beweis für die Überlegenheit des Westens. Nach dem Fadjr-Festival tourte Waldmann mit ihren sechs Tänzerinnen durch Westeuropa, nach Brasilien und Seoul. Wenn sie Ende Oktober in Deutschland gastiert und die Iranerinnen das weibliche Publikum nach der Aufführung zu einem gemeinsamen Tee hinter den Vorhang bitten, kann man erleben, wie Kunst Bewegung in die Kopftuchdebatte bringt.

Letters from Tentland könnten ein Klassiker der Tanzgeschichte werden wie Oskar Schlemmers Bauhaustänze. Die Choreografin, die ursprünglich Bühnenbildnerin werden wollte, hat ihr Handwerk unter anderem bei Heiner Müller und dem Tanzminimalisten Gerhard Bohner gelernt. "Extreme Räume" sind ihr Markenzeichen, und ihre Methode besteht darin, die Theaterelemente Körper, Stimme, Architektur, Musik, Video und Licht auseinander zu deklinieren und sie zu überraschenden, surrealen Szenarien zusammenzusetzen. Seit ihrem ersten internationalen Erfolg 1993 mit Krankheit Tod hat sie vor allem das Potenzial von Vorhängen, Trennwänden, Gazefenstern und Überblendungen erforscht. "Doch auf einmal komme ich in ein Land, wo die Schleier nicht erfunden werden müssen."

Iran sei ein ein Land, "wo es zwar Millionen Regeln gibt, von denen aber keine einzige mehr befolgt wird". Da lebten die jungen Leute via Satellit in der internationalen Popkultur, aber bei ihren Hochzeiten müssten Männer und Frauen getrennt feiern. Da gebe es in der U-Bahn separate Abteile, aber im Sammeltaxi hockten alle dicht beieinander. Eine ihrer Tänzerinnen sei mal aus dem Taxi geworfen worden, nachdem ein fremder Mann sie begrabscht hätte – als das Mädchen sich wehrte, log er dreist, er suche nur seinen Schirm! "Ich habe mich oft geärgert", sagt Waldmann, "dass sogar meine Frauen mich schamlos belogen. Bis ich verstand, dass man in Iran lügen muss, weil man niemandem trauen kann." Von solchen Überlebenslügen handelt auch ihr Stück, von den Gruppenzwängen, die der Mensch, egal welcher Nationalität, nur schwer überwindet. Es zeigt, dass wir Menschen aus unserer Haut genauso wenig herauskönnen wie die Zelte. Sie verbeugen, verbiegen, verstecken sich zwar auf sehr menschliche Weise, sie umschleichen, umarmen, verschlingen einander und bleiben doch Alien-hafte Bewohner von Waldmanns Tschadoristan. Ihr Verhalten konterkariert die Verhältnisse. Die Ausdrucksvielfalt der Körper steht in grotesken Kontrast zur Normierung der inneren Natur des Menschen. Waldmanns Kunst ist, diesen Kontrast humorvoll zu tanzen. Wenn die Zelte, vorm Hintergrund des Teheraner Stadtpanoramas, überstrahlt vom Licht des schneebedeckten Elbrus-Gebirges, in eine Art Breakdance-Ekstase verfallen, dann entlädt sich der ungestillte Freiheitsdrang der gesamten Menschheit in einem seltsam schönen Theatermoment.

Die Idee zum Stück, sagt Helena Waldmann, sei ihr bereits am ersten Tag im südlichen Teil Teherans gekommen, als sie sich zwischen lauter verhüllten Frauen fühlte "wie auf einem wandelnden Campingplatz". Es dauerte dann noch Wochen, bis sie wagte, ihre Schauspielerinnen zu bitten, in ein Zelt zu schlüpfen. Körpersprache sei ja aus der iranischen Bühnenkunst nahezu verbannt. "Von zehn Stücken finden mindestens sechs an Tischen statt." Das iranische Theater muss unter ästhetischen Gesichtspunkten ähnlich enttäuschend sein wie die iranischen Städte. "Man sieht überhaupt keinen Orient, alles wirkt hingeschustert." Es sei einfach unschön, sehr im Gegensatz zu den Menschen. Für sie reimportiert Waldmann nun ein bisschen postmodern verfremdete altpersische Poesie. Zu Versen des Dichters Nizam tanzt das rote Zelt ein Solo, während die Lobpreisungen aus dem Jahr 1197 als Schriftornamente über die Leinwand flackern: "Der Vorstellung ist dein Palast entrückt … nur du, oh Gott, kannst unsern Zustand ständig wenden."