Ab 8 Jahren

Im Biblio-Knast

Eoin Colfer erzählt höchst komisch vom Abenteuer Bücherei

Verregnete Sommerferien sind kein ungewöhnliches Szenario – richtig nervend werden sie aber erst in einer Familie mit fünf Söhnen, »alle jünger als elf«: Weil die Eltern den irrwitzigen Lärm- und Aktivitätspegel nicht mehr ertragen, verurteilen sie Tim und Marty, die beiden Ältesten, zu nachmittäglichem Frondienst in der Bücherei. Doch im Biblio-Knast regiert die korpulente Mrs. »Knolle« Murphy mit Angst und Schrecken und verbannt Tim und Marty auf das »kleine, abgewetzte Stück Teppich«, das den Kinderbuchbereich markiert. Wer ihn unerlaubt verlässt, bekommt zu spüren, wie Knolle ihre Bibliothekarinnenstempel als Waffe gebraucht: Zielgenau schleudert sie sie aus dem Handgelenk wie Spiderman seine Fäden.

Wo Eoin Colfer bei seinen Bestsellern um Artemis Fowl gerne weitschweifend fabuliert, erzählt er diesen Auftakt zu einer neuen Serie für jüngere Leser rank und schlank – und jedes Wort sitzt. Nicht weniger spitz als die schrägen Zeichnungen von Edelfeder Tony Ross, wenn die Buchrücken verführerisch lächeln oder Knolle Murphy ihren Kopf wie eine Panzerkanone dreht. Gemeinsam verwandeln sie die Bibliothek in einen Abenteuerschauplatz für gefährliche Expeditionen: Marty ist nämlich ein Hasardeur der Kinderstreiche, der versucht, Knolle Murphy in den Wahnsinn zu treiben. Doch die Horror-Bibliothekarin schlägt furchtbar zurück, indem sie ihm »ICH LIEBE BARBIE« auf den Arm stempelt.

Die Jungen kennen die Wahrheit hinter den Dingen. Und so stellt sich aus Sicht des neunjährigen Ich-Erzählers Tim die Literatur so langweilig dar, wie sie oft ist. »Bildend« ist für ihn ein Schreckenswort, und Hochliteratur erscheint ihm als lustfeindlicher Irrweg der Erwachsenenkultur: »In dieser Bücherei lasen ernsthafte Männer ernsthafte Bücher und niemand durfte auch nur das leiseste Lächeln zeigen.« Die Werke blicken ihn von den Regalen an, als wollten sie ihn anfallen und »zu Tode langweilen«. Doch plötzlich, nachdem er tagelang vorgegeben hat zu lesen, gerät Tim an das richtige Buch. Er verliebt sich in Finn McCool, der Riese von Irland und liest sich in einen Rausch. So bleibt am Ende Knolle Murphy die buchstäblich notwendige Barriere aus lebloser Pflichtlektüre, die es zu überwinden gilt, bevor Lesen richtig Spaß macht. Wie dieses Buch. Christian Kortmann

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    • Von Christian Kortmann
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    • Quelle (c) DIE ZEIT 13.10.2005 Nr.42
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