DIE ZEIT: Herr Bundespräsident, in Ihrer Antrittsrede vor dem Deutschen Bundestag haben Sie gesagt: "Für mich entscheidet sich die Menschlichkeit unserer Welt am Schicksal Afrikas." Ihre erste große Auslandsreise hat Sie nach Afrika geführt. Warum liegt Ihnen dieser Kontinent so am Herzen?

Horst Köhler: Ich habe in Afrika einerseits Not, Hunger, Tod und Chaos erlebt wie sonst nirgendwo. Andererseits habe ich dort Menschen kennen gelernt, die sich nicht unterkriegen lassen. Vor allem Frauen versuchen mit unglaublicher Beharrlichkeit, für ihre Kinder aus der Not etwas Gutes zu machen. Sie meistern ihr Schicksal mit einer Würde, wie ich das vorher nicht erlebt habe. Wenn wir es ehrlich meinen mit ethischen Kategorien der Menschlichkeit auf diesem Globus, können wir diesen Kontinent nicht vergessen oder fallen lassen.

ZEIT: Die niedrigste Lebenserwartung, die höchste Kindersterblichkeit, 30 Millionen Menschen HIV-positiv, Kriege, Hungersnöte, Flucht – das sind die üblichen Hiobsbotschaften aus Afrika.

Köhler: Aber hinter den Schlagworten gibt es auch Zeichen der Hoffnung. Die Einschulungsrate zum Beispiel steigt, wenn auch viel zu langsam. Es gibt besseren Zugang zu Wasser. Und dort, wo Aids sich nicht verbreitet hat, steigt die Lebenserwartung.

Doch ich will nichts schönreden: Wir stehen auch vor Entwicklungen, die zeigen, dass in Afrika etwas dramatisch falsch läuft. Für mich ist das aber gerade kein Grund, sich jetzt abzuwenden. Vielmehr sollten wir darüber nachdenken, was wir in der Entwicklungspolitik und was die Afrikaner selbst verbessern können.

Ein Faktor muss dabei immer beachtet werden: Die Dinge brauchen Zeit. Die afrikanischen Staaten sind erst vor 40, 50 Jahren entstanden, nach einer schrecklichen Geschichte, nach Sklaverei und Kolonialismus. Dabei ist viel an kulturellem Wurzelwerk zerstört worden. Jetzt tauchen diese Länder in der globalisierten Welt auf und haben kein Wurzelwerk mehr. Man darf nicht das Unmögliche erwarten. Und man darf nicht vergessen, wie viele hundert Jahre wir in Europa gebraucht haben, um Demokratie und Rechtsstaatlichkeit fest in unseren Gesellschaften zu verankern.

ZEIT: Jetzt rufen Sie eine "Partnerschaft mit Afrika" ins Leben, an der afrikanische Staatschefs, Unternehmer und Schriftsteller, aber auch Politiker und Wirtschaftsleute aus Deutschland teilnehmen. Was wollen Sie mit dieser Initiative bewirken?

Köhler: Ich habe durch meine Jahre im Ausland, vor allem im IWF, nicht nur die Probleme auf dem afrikanischen Kontinent kennen gelernt, sondern auch Scheinheiligkeit und Heuchelei in den Industrieländern. Die Tatsache, dass Nord und Süd in ihrem Dialog immer noch viel zu sehr aneinander vorbeireden, ist für mich eine der Ursachen dafür, dass wir nicht besser und schneller vorankommen.

Der Zweck dieses Forums ist es, den Versuch eines echten Dialogs zu machen – ich unterstreiche: den Versuch! Ich möchte Gelegenheit geben, Fragen zu stellen – Fragen von den Ländern des Nordens und Fragen der Afrikaner an uns; Fragen, die wir uns selbst stellen müssen, und solche, die die Afrikaner an sich selbst richten. Sie müssen erst einmal wissen, was sie als Afrikaner wollen, und dann formulieren, was ihnen von außen helfen kann.

ZEIT: Wer sind Ihre politischen Partner bei der neuen Afrika-Initiative? Gibt es sie wirklich, die von Ihnen so genannte "neue Generation verantwortungsvoller Reformer"?

Köhler: Zunächst einmal gilt es, Afrika immer in seiner Vielfalt zu sehen. Es gibt tausend Afrikas, mit unzähligen Volksgruppen und Sprachen. Das muss man wissen, um nicht falsche Schlussfolgerungen aus Einzelgesprächen zu ziehen.

Wir haben für die erste Begegnung Präsidenten eingeladen und ehemalige Präsidenten, in deren Ländern der Demokratiewechsel geklappt hat – ich denke an Joaquím Alberto Chissano aus Mosambik –, darüber hinaus Vertreter der Zivilgesellschaft, die zum Teil sehr kritisch gegenüber ihren eigenen politischen Führern und gegenüber der Entwicklungspolitik insgesamt sind.

Wir versuchen, auch mit Denkern, Schriftstellern und Journalisten ins Gespräch zu kommen. Es geht nicht darum, das, was wir scheinbar wissen, im Guten wie im Schlechten, zu bestätigen. Wichtig ist mir, dass es eine Kerngruppe von Leuten gibt, die mit mir über die nächsten Jahre an diesem Thema arbeiten. Ich hoffe, dass Vertrauen entsteht.

ZEIT: Handelt es sich um ein nationales Unterfangen, oder wollen Sie auch Vertreter aus anderen westlichen Ländern einladen?

Köhler: Nein, zunächst habe ich mich bewusst auf Vertreter aus Deutschland beschränkt. Aber auf den nächsten Treffen sind wir für internationale Vertreter offen. Ich will, ehrlich gesagt, ganz bescheiden anfangen und hoffe, dass in diesem bunten Kreis von Leuten eine gewisse Offenheit entsteht, die Spannungen und Widersprüchlichkeiten zulässt, damit wir gemeinsam neue Erkenntnisse finden können.

ZEIT: Es ist schwieriger geworden, Afrika-Initiativen zu verkaufen. In unserer Wohlstandsgesellschaft muss der Gürtel enger geschnallt werden, die Entwicklungshilfe ist immer mehr umstritten. Es gibt sogar die Forderung, sie ganz abzuschaffen.

Köhler: Es geht mir nicht darum, zu wiederholen, was schon alles über die entwicklungspolitischen Jahrtausendziele der Vereinten Nationen gesagt wurde oder was in der neuen WTO-Handelsrunde geschehen soll. Es geht mir auch nicht vorrangig darum, in Deutschland mehr Geld für die Entwicklungshilfe lockerzumachen. Geld ist nicht das Hauptproblem. Mir geht es um Mitmenschlichkeit in dieser einen Welt, um das Bewusstsein des aufeinander Angewiesenseins. Und ja, es geht mir auch um Moral und ein Weltethos. Wir müssen Fragen der sozialen Gerechtigkeit immer mehr im globalen Maßstab diskutieren, nicht allein im nationalen.

Aber natürlich geht es auch um handfestes Eigeninteresse: Wenn in Afrika keine eigenständige Entwicklung auf den Weg kommt, werden die Folgen über Migration, Krankheiten und Umweltprobleme bei uns ankommen, ob wir das wollen oder nicht. Wir sollten erkennen, dass eine positive Entwicklung in unserem eigenen Interesse liegt. Und wir sollten erkennen: Der Schutz des Regenwalds zum Beispiel vergrößert unsere Chancen, Klimaveränderungen verträglich zu gestalten und die Welt lebenswert zu erhalten. Für diese Aufgabe brauchen wir eben auch Afrika und die anderen Entwicklungsländer.

ZEIT: Auch Ihr Ziel muss es doch sein, aus dem Dialog praktische Folgerungen zu ziehen. Deshalb ist die Frage, wann endlich die versprochenen 0,7 Prozent des Sozialproduktes für die Entwicklungshilfe erreicht werden, durchaus berechtigt. Rechnen Sie damit, dass dieses Ziel eines Tages erreicht wird?

Köhler: Dieses Ziel steht, und dieses Ziel sollten wir erreichen, und zwar möglichst bis zum Jahre 2015. Insofern lasse ich nicht locker, auch wenn ich weiß, dass es das Argument gibt, das Geld werde nicht gut genutzt. Das stimmt teilweise ja auch. Deshalb habe ich auf meiner ersten Afrikareise in diesem Amt ziemlich deutliche Worte gebraucht. In Benin, bei einer öffentlichen Diskussion über das Thema Korruption, reagierte das Publikum anfangs mit einer fast schockartigen Stille. Dann kam rauschender Beifall auf. Immer wieder weisen vor allem die Frauen, die Kleingewerbetreibenden, oder auch die Patres und die Schwestern, die Aids-Stationen betreiben, darauf hin, wie schlimm Korruption und Misswirtschaft sind und dass sogar Mittel, die für die Bekämpfung von Aids vorgesehen sind, in den Taschen von Politikern und Staatsbeamten landen. Aber erstens gibt es dennoch auch Gutes und Ermutigendes, und zweitens sind Kleptomanie und Misswirtschaft für mich gerade keine Veranlassung, sich dort herauszuhalten.

ZEIT: Radikale afrikanische Wirtschaftsexperten wie der Kenianer James Shikwati fordern: Hört endlich auf mit dieser furchtbaren Hilfe! Sie verstärkt nur Korruption, Abhängigkeit, Untätigkeit.

Köhler: Hilfe zu leisten ist nicht falsch, sondern zunächst einmal ein Gebot der Menschlichkeit. Und wo Hilfe falsche Wirkung entfaltet, muss man sie korrigieren. Das ist mein Ansatz. Das heißt für mich, den Anspruch an die Afrikaner zu formulieren, effizienter zu sein, glaubwürdiger zu werden und die eigene Misswirtschaft entschlossener zu bekämpfen. Denn es wäre verheerend, wenn mehr Hilfe und mehr Handel unsererseits nicht auf mehr Entschlossenheit, mehr Transparenz, mehr Ehrlichkeit auf afrikanischer Seite stoßen würden.

Das Kernproblem der Armut in Afrika ist, wenn Sie so wollen, in der Tat hausgemacht. Wir können immer wieder den Kolonialismus anführen, aber heute sind es nun einmal souveräne Staaten. Deshalb geht es darum, dass sie ihre eigene Verantwortlichkeit anerkennen – und die Notwendigkeit, eigenen Gestaltungswillen zu entwickeln.

ZEIT: Aber müsste man die korrupten Eliten nicht noch härter rannehmen?

Köhler: Man muss unmissverständlich sein. Aber man darf Afrika auch nicht erneut patronisieren. Und leider gibt es in Afrika zu viele Fälle von Korruption, an denen auch die Industrieländer beteiligt sind – durch private Geschäftemacher und zuweilen sogar durch die Politik. In Afrika selbst wird das Problem der Korruption zunehmend erkannt. Vor allem die Zivilgesellschaft kämpft dagegen an. Das müssen wir unterstützen.

Für meine Afrika-Abteilung im IWF habe ich seinerzeit den früheren Finanzminister aus Benin, Abdoulaye Bio Tchane, geholt. Er hat sich mit der Korruptionsbekämpfung in Afrika intensiv befasst und darüber ein lesenswertes Buch geschrieben.

Von ihm habe ich gelernt, wie kompliziert der Tribalismus die Dinge in Afrika macht. Oft kann der Staat nur zusammengehalten werden, indem man den verschiedenen Volksgruppen etwas zukommen lässt. In Afrika geschieht das zum Teil immer noch über Entwicklungsgelder. Es ist sehr schwer, Staaten zusammenzuhalten, die aus 200 Völkern bestehen.

Aber ich will jetzt auch keinen Rückzieher machen: Wir müssen den Empfängerländern mit einer klaren Sprache begegnen. Es wird noch zu viel falsch verstandene Diplomatie gebraucht.

ZEIT: Sollte man Hilfe an striktere Bedingungen knüpfen, den Afrikanern klar sagen: "Es geht nicht ohne Menschenrechte, ohne Demokratie, ohne unabhängige Justiz"?

Köhler: Eindeutig: Ja, es bedarf einer Konditionierung. Aber nicht derart, dass man den Afrikanern westliche Demokratie- und Gesellschaftsstrukturen überstülpt. Wir dürfen Fortschritte bei Demokratie, universellen Menschenrechten und guter Regierungsführung verlangen, aber wir haben keinen Anspruch auf eine Kopie des westlichen Systems in Afrika. Ich möchte auch diskutieren, wo wir von Afrika lernen können.

ZEIT: Haben Sie als IWF-Chef Hilfe an falsche Bedingungen geknüpft, etwa bei der Höhe der Verschuldung?