regierung Die Fantastischen Fünf

Auf der Suche nach ihren Besten und Klügsten landet die SPD stets bei denselben: Schily, Struck, Verheugen, Steinbrück und Steinmeier

Berlin

Die Suche nach den Besten und Klügsten geht weiter und offenbart das personelle Drama der deutschen Sozialdemokratie: Nach der politischen Kohorte der »Enkel« – als Führungselite selbst schon immer mehr Mythos als Wirklichkeit – herrscht Mangel. Die Talente, die nach dem Abgang Gerhard Schröders als letztem Nachfahren der Brandt/Schmidt-Generation zur Auswahl stehen, haben andere Biografien. Vor allem das Quintett, um das seit den Gipfelsondierungen von Union und SPD in Partei, Presse und Talkshows die meisten Spekulationen kreisen: Otto Schily, Peer Steinbrück, Frank-Walter Steinmeier, Peter Struck, Günter Verheugen – die Fantastischen Fünf.

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Diese sehr unterschiedlichen Männer haben sich aufgrund ihrer jeweiligen Führungsleistungen einigen Respekt erworben, weit über die eigenen Reihen hinaus. Genannt wurden sie von Anfang an für sämtliche wichtigen Positionen in der entstehenden Großen Koalition, fürs Auswärtige Amt, das Finanzministerium, auch für Ressorts, die inzwischen an die Union gingen, wie das Wirtschafts-, Technologie- und das Familienressort. Sie gelten als vielseitig. Doch gemeinsam ist ihnen, dass sie keine enkeltypische Parteilaufbahn hinter sich gebracht haben. Und sie haben auch keine klassische Ochsentour absolviert, nicht als lebenslange Parteitagsdelegierte und nicht als namenloses Fraktionsfußvolk, schon gar nicht als Fleißkärtchensammler wie die jüngeren »Netzwerk«-Genossen, die nach sieben rot-grünen Jahren des loyalen Schröder-Stützens jetzt ihre Chance fordern, ehe sie zu den Alten gehören. Lediglich Peter Struck hat eine Karriere in der Fraktion hinter sich, von den fünfen hat auch nur er so etwas wie eine Mutterbindung an die Partei. Den Stallgeruch. Der fehlt den anderen.

Zum Beispiel Peer Steinbrück, 58, diplomierter Volkswirt, zuletzt Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen: Er arbeitete in zahlreichen Positionen des öffentlichen Dienstes, von der Parteibasis hochgedient hat er sich nicht. Zurzeit ist er allerdings nur Landtagsabgeordneter in Düsseldorf. Auf ein Bundestagsmandat hatte er verzichtet. Das war nicht klug. Franz Müntefering sah in dem Verzicht eine Art Abwartehaltung, die nahm er ihm übel, Vizekanzler wird man so nicht.

Auch Steinmeier, 49, zurzeit noch Chef des Kanzleramts, ist ein Mann der praktischen Politik zwischen Verwalten, Gestalten und Problemlösen, keiner, der abends sein Bierchen mit den Genossen trinkt und am Stand Flugzettel verteilt. Fasziniert hat ihn hingegen das Bündnis für Arbeit, von dem er sich ursprünglich Ergebnisse versprach, die später in der Agenda 2010 schwieriger umzusetzen waren. Dass das Bündnis zum Ende der ersten rot-grünen Amtszeit politisch scheiterte, hatte nicht Steinmeier zu verantworten.

Otto Schily, 73, gelernter Anwalt, ist ohnehin alles andere als ein Mann der Parteibasis, schon gar nicht der SPD. Er war es ja auch bei den Grünen nicht, für die er 1983 in den Bundestag kam.

Auch Günter Verheugen, 61, ist kein Eigengewächs der Sozialdemokratie. Als Talent entdeckte ihn Hans-Dietrich Genscher, er machte ihn zum FDP-Generalsekretär und Manager des Wahlkampfs von 1980, ein Riesenerfolg, auf dessen Basis Genscher zwei Jahre später die Bonner Wende herbeiführte. Verheugen, überzeugter Sozialliberaler, trat zur SPD über, machte in ihr eine zweite Karriere, war Parteisprecher, Vorwärts- Chefredakteur, sogar zwei Jahre lang Bundesgeschäftsführer, wurde 1998 Staatsminister unter Fischer im Auswärtigen Amt, ehe Schröder ihn 1999 als EU-Kommissar nach Brüssel schickte.

Bleibt Peter Struck, 62, der etwas andere Leistungsträger im Reservoir Franz Münteferings, der Parteisoldat, wie er oft genannt wird, treu, zuverlässig, effizient, egal, wo er eingesetzt wird: promovierter Jurist wie Steinmeier, seit 1980 Mitglied des Bundestags, Fraktionschef bis fast zum Ende der ersten rot-grünen Amtszeit, wo er 65 Tage vor der Bundestagswahl auf Drängen Schröders das Verteidigungsministerium übernahm und es ohne große Pannen bis jetzt führte.

Diese Fünf sind die Joker des sozialdemokratischen Verhandlungsführers Müntefering. Wer wird was? Da lächelt der SPD-Chef geheimnisvoll, besonders da, wo gar kein Geheimnis vorhanden ist, sondern Ratlosigkeit. Am einfachsten ist es mit Steinbrück und Steinmeier. Sie beide gelten zwar als mögliche Finanzminister, aber Steinbrück hat den Vorlauf an Erfahrung, er machte den Job bereits in NRW. Er hat auch Interesse an diesem Amt und das nötige politische Gewicht, trotz Münteferings Verstimmung. Steinmeier, vielfach einsetzbar, wird als Verkehrs- und Bauminister genannt, ein Posten, der ihn jedenfalls reizt und für ihn mehr wäre als ein Verteilungsjob für Straßenbaugelder.

Wer aber, die Frage treibt die Berliner Gemeinde im Moment ungleich mehr um, wäre ein Außenminister, der alle Traumkriterien der SPD erfüllt? Der über eine Grundausstattung an internationaler Erfahrung verfügt? Der eine hinreichend starke Verankerung in der Partei hat, um die sozialdemokratischen Minister auch als Vizekanzler führen zu können? Und der obendrein so viel Charisma mitbringt, dass er sich zum Kanzlerkandidaten in vier Jahren eignet? Keiner der Fünf erfüllt alle Voraussetzungen zugleich.

Aber wenn der Mann nicht Spitzenkandidat für 2009 sein muss? Von Schily weiß man, dass ihn das Auswärtige Amt reizen würde; schon als Innenminister reiste er gern zu internationalen Tagungen. Genug Autorität für die Rolle des Vizekanzlers hätte er auch. Aber der Mann hat in Brüssel schon so viel zerschlagenes Porzellan hinterlassen, dass alle Europa-Experten bei dem Gedanken an einen Außenminister Schily die Hände ringen, nicht nur die Diplomaten im Auswärtigen Amt.

Insofern wäre die ernsthafteste Option der gegenwärtige Verteidigungsminister. Peter Struck wäre vermutlich konkurrenzlos, mit genügend Ausstrahlung in die Partei und internationaler Erfahrung – wäre da nicht die Frage nach seiner gesundheitlichen Belastbarkeit. Es wird an ihm und seinen Ärzten liegen, ob er sich diese Hochleistungskombination aus Außenminister und Vizekanzler zumutet. Wenn ja, ist die Entscheidung wohl klar.

Ohne Kombination mit der Vizerolle aber ist – abgesehen vom Mehrzweckmann Steinbrück – der EU-Vize-Präsident Verheugen ein ständig genannter Kandidat fürs AA. Er wäre mehr als eine Notberufung. Nach den Jahren als Erweiterungskommissar der EU brächte er enorme Erfahrungen ein, das Amt kennt er bereits, und Ehrgeiz genug, eine solche Heimberufung anzunehmen, sollte er haben. Seine jetzige Aufgabe – EU-Industriepolitik – interessiere ihn ungleich weniger als Außen- und Europapolitik, heißt es in Brüssel. Und dass er eine ernsthafte Anfrage aus Berlin bereits definitiv abgelehnt habe, sei ohnehin ein Gerücht.

Vielleicht so eins wie das jüngste aus Berlin, wonach im Kanzleramt über eine besonders originelle Rochade nachgedacht werde: Verheugen ins Außenamt, Schröder für ihn zur EU. Der Kanzler als Vize Barrosos? Da sei Schröders Ego vor!

 
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