Die Zukunft der koreanischen Literatur liegt im Sumpf. Durch den führt eine Straße, die "Straße, wo sich die Kultur entwickelt". Wie die Bretter eines Bücherregals gehen von ihr weitere Wege ab, in denen die "Werke" stehen: Verlage, Druckereien, Papierfabriken, Barsortiment, rund 100 Firmen, dazu zwei kleine Wohnquartiere für 200 Familien, alles in allem rund 150 Gebäude auf 1,6 Millionen Quadratmeter trockengelegten Sumpflands, 30 Kilometer nordwestlich von Seoul. Wenn Ende 2006 alles fertig ist, werden 30000 Menschen in Paju Book City arbeiten. Eine weltweit einzigartige, ökologisch korrekte Musterstadt rund ums Buch, im globalisierten Moderneschick aus Beton, Glas, Holz und Eisen mit künstlicher Rost-Patina, errichtet mit Subventionen des Kultusministeriums. Ein einziges Haus im traditionellen Stil hat man zwischen dünnen Birken zugelassen, eine kleine Verbeugung vor der Geschichte, ansonsten ist im Schatten des "Berges, wo der Kranich herkommt", alles Zukunft. Der Kranich ist das koreanische Symbol für Kultur.

Ursprünglich war Paju Book City nicht mehr als die Vision einiger Verleger. Glaubt man ihren Broschüren, wollen sie hier nichts Geringeres als "die verlorene Menschlichkeit" wiederentdecken. Ganz sicher litten sie unter den horrenden Mieten im Zentrum von Seoul und der komplizierten Infrastruktur der 10-Millionen-Stadt, die trotz immer neuer Autobahnen stets an Verstopfung leidet. Die Zentralisierung im Sumpf macht die Arbeit am Buch rationeller und billiger. Zugleich erhöht sich der Konkurrenzdruck, wenn der große Rivale sich gleich auf der anderen Straßenseite breit macht. So etwas freut Yu Jong Koog von der Paju-Book-City-Kulturstiftung, er drückt die Fäuste gegeneinander und streckt sie gen Himmel. Harter Wettbewerb als Turbomotor für ein Wachstum, das nach den Sternen greift – eine für deutsche Besucher fremde kapitalistische Euphorie. Man stelle sich vor, Hanser, Suhrkamp und Bastei Lübbe würden in einer Wüstenei südlich von Berlin zwangsvereinigt mit Libri, Weltbild und dem Börsenverein des deutschen Buchhandels.

Paju Book City, wo in Zukunft die Grundlagen für die fünf Milliarden Euro Umsatz des koreanischen Buchmarktes erwirtschaftet werden, ist nur das jüngste Symbol für ein Land im Hochgeschwindigkeitszug der Geschichte. Korea hat in sechs Jahrzehnten durcheilt, wofür andere Nationen Jahrhunderte brauchen. Japanische Besatzung, Befreiung, Koreakrieg, Teilung, Militärdiktatur, schließlich 1987 Demokratie und ein nur sporadisch getrübtes Wirtschaftswunder. Vier Prozent Wachstum lauten die Prognosen für das nächste Jahr, und wenn der Platz für eine neue Schnellstraße nicht mehr ausreicht, wird sie einfach auf Stelzen in den Han-Fluss gestellt, der durch die Hauptstadt fließt. Das imposante Südtor der alten Stadtmauer bewacht nun einen gigantischen Kreisverkehr, zwischen den himmelstürmenden Konzernzentralen und den ewig sendenden Großbildschirmen an ihren Fassaden wirkt es wie ein vergessenes Teil aus einem Spielzeugladen namens Geschichte.

Seoul sei ein Monster, sagt Hwang Chi Woo. Schon 1988 hielt es der Lyriker dort nicht mehr aus und flüchtete in den Süden Koreas, in ein altes Haus mit Garten. Jetzt arbeitet er wieder im und am Herzen dieser janusköpfigen Stadt und ihrer Kultur, sein Büro ist ein Kellerraum auf dem Gelände des Kyongbok-Palastes, der 500 Jahre lang der Sitz der koreanischen Königsdynastien war. Im Vergleich zu europäischen Bauten sei der Palast aber bescheiden, sagt Hwang. Bei seinem ersten Europa-Besuch sei er, der Student der abendländischen Kulturgeschichte, eingeschüchtert gewesen vom westlichen Prunk: "Nur ein, zwei Tage habe ich das ertragen. Dann war ich froh, wieder herauszukommen."

Aus dem studierten Dichter ist inzwischen ein Kulturpolitiker auf Zeit geworden: Hwang leitet das Kogaf, das Organisationskomitee, das Koreas Gastland-Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse plant. Nun muss er der ganzen Welt erklären, was das Eigentümliche der Kultur seines Landes ist. Unermüdlich tut er das, zerbricht sich nächtelang den Kopf über den richtigen Einsatz seines 10-Millionen-Euro-Etats und raucht sich über Tag durch das chronische Schlafdefizit. Die koreanische Kultur sei nicht unbedingt schön oder "erhaben" (das sagt er auf Deutsch), sondern einfach: "Ihr Maß ist der Mensch." Ein Wort Walter Benjamins will ihm nicht aus dem Sinn: "Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein." Vielleicht wohne der koreanischen Kultur weniger Brutalität inne, das Prinzip sei, "sich selbst zu verkleinern, damit die Welt weit werden kann". Alle koreanische Kunst sei "non finito" – im Sinne von Michelangelos unvollendeten Skulpturen.

Das gelte auch für die koreanische Lyrik: Sie kennt kaum feste Strukturen, sie spricht durch Verschweigen. Darin hat der 53-jährige Hwang Chi Woo Erfahrung: Er begann zu schreiben Anfang der achtziger Jahre, unmittelbar nach dem Massaker an Aufständischen in Gwangju, als die Militärdiktatur das Land, seine Intellektuellen und sogar die Sprache fest im Griff hatte. "Man konnte nicht mal richtig atmen", sagt Hwang. Er saß selbst kurze Zeit im Gefängnis. Seine Antwort auf die totale Macht des Apparats war die Zertrümmerung der okkupierten Sprache und der traditionellen Gedichtformen.