Die alte Bundesrepublik ist in den Fernen Osten umgezogen, reglos döst sie in der Sonne und macht Mittagspause. Kann das sein? Man dachte ja, sie gehe gerade unter, ein Wohlstandsidyll zerfalle, da wird sie in Asien wieder aufgebaut, beste Lage, Südhang, Blick aufs Meer, nur etwas kleiner, als sie früher war. Fünfundzwanzig weiß verputzte Häuser unter roten Dächern, hölzerne Balkone, Jägerzäune, Wäschespinnen, sorgfältig frisierte Gärten und am Ortseingang ein Tempo-30-Schild. Es ist, als habe ein Verrückter mit einem Modellbausatz gespielt, Deutscher Vorort, Maßstab 1:1. Doch da ist Bewegung. Wäsche schaukelt. Ein Rasensprenger speit silbrige Fontänen. Eine Frau zupft an Petunien. Irgendwo im Ort ein Hämmern.

Das wird Herr Li sein.

Es ist zwölf Uhr mittags in Namhae, Korea. 35 Grad. Die Luft steht still. Auf der Straße vertrocknet eine tote Schlange. Dies ist das asiatische Ende der Welt, schroff und grün verliert sich der Kontinent im Dunst des Südmeers, läuft aus mit hundert Inseln. In dieser Abgeschiedenheit, fünf Brücken vom Festland entfernt, spielt eine Geschichte, wie sie nur die Globalisierung schreiben kann: Inmitten von Reisterrassen bauen sich Südkoreaner ihr Dogil Maeul, ihr deutsches Dorf. Heimkehrer, die Jahrzehnte in Deutschland gearbeitet haben.

Sein Haus sei »der große rote Rohbau«, hatte Li am Telefon gesagt. Ein Walmdach, ein Erker, zwei Gauben, »sehr deuts«, hatte er um die halbe Welt gerufen, mit heller Stimme, »sehr deuts!« Ist es diese Baustelle dort? Ein Walmdach, ein Erker, zwei Gauben. Aus dem Dunkel des Rohbaus hallt wieder das Hämmern. Im Bauschutt vor dem Haus liegt ein Koffer mit roter Aufschrift. BOSCH. Überall zerfetzte Plastikfolie, einige Wörter sind noch zu lesen: Röben Tonbaustoffe, Mannheim, Ziegelwerke 46514 Schermbeck. Sehr deutsch. Das wird es sein.

»Hallo?«

Ein Hammer fällt. Dann Stille.

»Herr Li?«