Er war ihr noch etwas schuldig. J. M. Coetzee nämlich seiner Elizabeth Costello, die er sich erst vor wenigen Jahren als Alter Ego, Spielfigur und Distanzierungsmöglichkeit erfunden hatte. Sie ist zwar etwas älter als er, und sie ist eine Frau, aber die ersten beiden Buchstaben ihres Namens sind auch die des seinen, und vor allem: Sie ist Schriftstellerin. Das Buch, in dem er sie aufs einnehmendste vorstellte, trägt ihren Namen, Elizabeth Costello, und Coetzee erzählt gleich im ersten hinreißenden Kapitel von den Mühen und Molesten einer alten, aber ziemlich bedeutenden Autorin aus Australien, die dann und wann, wie es eben so geht, zu Preisverleihungen, Kongressen oder Vorträgen eingeladen wird.

Trotz der langweiligen und gelegentlich auch peinlichen Umstände solcher Zusammenkünfte, die vor allem den nicht so Bedeutenden die Gelegenheit geben, bedeutend zu erscheinen, nimmt sie die Einladungen an, aus einem einfachen Grund: Sie ist eine Frau mit Ansichten, und die sollen auch gehört werden. Dass sie außerdem spürt, wie ihr Körper beginnt, ihren wachen Geist im Stich zu lassen, sichert ihr, sozusagen naturgemäß, unsere unverbrüchliche Anteilnahme. Und da uns Coetzee das alles mit geradezu verschwenderischer Intelligenz erzählt, wie man sie in der Literatur heute nicht oft findet, hat man nach wenigen Seiten das schöne Gefühl, den Beginn eines außerordentlichen Romans vor sich zu haben.

Hat man aber nicht. Es wird nämlich, von Kapitel zu Kapitel zunehmend, eine Sammlung intelligenter Vorträge daraus, die der armen Costello von ihrem Erfinder in die drückenden Schuhe geschoben werden. So wird er zwar eine Menge Erkenntnis oder jedenfalls Meinung los, schickt aber gleichzeitig eine gerade erst glänzend erfundene Figur, von der wir nun fast nichts mehr erfahren, als Rezitatorin mehr oder weniger brillanter Auslassungen vor immer leerer werdenden Auditorien auf die Bühne. Mit Themen, die vom afrikanischen Roman über den 20. Juli bis zum Tierschutz reichen.

Er liebt die Frau von der öffentlichen Krankenfürsorge

The lady vanishes. In Coetzees neuem Roman ist sie aber auf einmal wieder da. Allerdings nicht gleich. Denn zunächst einmal passiert Paul Rayment das, womit wir angeblich immer rechnen und woran wir in Wirklichkeit offensichtlich überhaupt nicht glauben. Gewiss, den Menschen widerfährt so etwas, aber wir gehören doch zu denen, die am nächsten Morgen davon am Frühstückstisch lesen. Ob das Glück ist, ist schwer zu sagen; Paul Rayment hat jedenfalls Pech: Er ist völlig korrekt auf seinem Fahrrad unterwegs, da fährt ihn jemand an, er fliegt durch die Luft, landet im Krankenhaus, und als er wieder aufwacht, hat man ihm bis übers Knie ein Bein amputiert.

Mit geduldiger Einfühlung und über viele Seiten weiß Coetzee zu schildern, wie da jemand, der sein bisheriges Leben selbst "leichtfertig" nennt (wobei es wohl nur unbedacht war), auf einmal versuchen muss, sich als Behinderter zu akzeptieren und einzurichten. Vielleicht nicht jedermanns Thema, bis Rayment auf einmal registrieren muss, dass er sich verliebt hat. Und zwar ausgerechnet in die Frau, die ihm von der öffentlichen Krankenfürsorge geschickt wird, um ihm beim Waschen und Massieren des Beinstumpfs zu helfen, und er liebt sie wirklich. Die eigentlich unschuldige körperliche Nähe der Krankenpflege begleitet er mit geradezu innig werdenden Wünschen, die so lange stumm bleiben, wie er sich beherrschen kann.

Als ihm das einmal nicht mehr gelingt, er vor ihr ausspricht, was er empfindet, und in seine elenden Schranken zurückverwiesen wird, da schlägt die Stunde der Elizabeth Costello. Eines Tages steht sie bei ihm in der Tür, stellt sich knapp vor – er weiß, wer E.C. ist – und wird ohne besondere Umstände herein- und also in sein Leben gelassen.